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Massenpflanzungen kritisiert

Kein Aktionismus beim Mangrovenschutz!

Der Schutz alter Mangroven-Bestände muss im Vordergrund stehen, sagen Experten. (Bild: PJPhoto69/iStock)

Gut gemeint, aber oft erfolglos: Die „Wälder auf Stelzen“ brauchen unsere Hilfe – doch Mangroven-Wiederaufforstungsprojekte haben bisher oft zu wenig erfolgversprechenden Massenanpflanzungen geführt, beklagt ein internationales Expertenteam. Man sollte in Zukunft eher auf die natürliche Regenerationskraft der Mangroven setzen und wo Aufforstungsprojekte tatsächlich sinnvoll erscheinen, müssen die ökologischen Rahmenbedingungen besser beachtet werden, sagen die Wissenschaftler.

Die langen, freiliegenden Luftwurzeln sind ihr Markenzeichen: Die 80 verschiedenen Arten von Mangrovenbäumen wachsen entlang vieler tropischer Küsten und Flussmündungen der Welt. Durch ihre speziellen Anpassungen können sie dem salzigen Wasser, den schwankenden Wasserständen und hohen Temperaturen trotzen und bilden dichte Wälder. Diese Ökosysteme haben eine weitreichende Bedeutung für Natur und Mensch: Sie bieten zahlreichen Tierarten Lebensraum und bilden die Kinderstuben wichtiger Fischarten. Darüber hinaus schützen sie die Küsten vor der Erosion und tragen erheblich zur Bindung des Treibhausgases Kohlendioxid aus der Atmosphäre bei. Doch der Mensch hat diesen kostbaren Naturgebieten bereits stark geschadet: In den vergangenen 50 Jahren wurde mehr als ein Drittel der weltweiten Mangrovenwälder abgeholzt oder zerstört. Und noch immer werden die Bestände durch Aquakultur, Landwirtschaft und Stadtentwicklung bedroht – rund 20.000 Hektar gehen jedes Jahr verloren.

Immerhin zeichnet sich aber auch ein erfreulicher Trend ab: Die globalen Schutzbemühungen der letzten Jahrzehnte haben durchaus zu großen Erfolgen geführt. Die Verlustraten sind deutlich gesunken und in einigen Gebieten gibt es zudem Bemühungen, verlorene Mangrovenbestände wiederherzustellen. Die Massenanpflanzungen von Mangrovensetzlingen, die diesem Ziel oft dienen sollen, rückt nun allerdings die „Mangrove Specialist Group“ der International Union for Conservation of Nature (IUCN) in ein kritisches Licht.

Großer Aufwand – wenig Erfolg

Die internationalen Experten haben ein Positionspapier mit dem Titel „Pause before you plant“ („Halte inne, bevor Du pflanzt“) veröffentlicht, das Entscheidungsträger beim Mangrovenschutz auf Probleme aufmerksam machen soll. „In der Mangrovenexpertengruppe der IUCN beobachten wir seit längerem mit zunehmender Besorgnis eine Art Aktionismus, der vielfach mit Mangrovenanpflanzungen einhergeht. Natürlich ist es begrüßenswert, dass etwas für die Rettung von Mangrovenwäldern getan wird, aber leider sind viele Projekte langfristig nicht von Erfolg gekrönt“, sagt Co-Autor Martin Zimmer vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung.

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Den Experten zufolge haben die Misserfolge verschiedene Gründe: Demnach sind die Projekte zur Restauration durch Massenanpflanzungen oft zum Scheitern verurteilt, weil wichtige ökologische Rahmenbedingungen nicht bedacht werden. So werden Mangroven etwa an Standorten gepflanzt, die starken Strömungen ausgesetzt sind, sodass die noch nicht verwurzelten Jungpflanzen leicht weggespült werden können. Zudem ist oft die Artenauswahl problematisch: „Massenanpflanzungen sind sehr medienwirksam, konzentrieren sich aber oft nur auf eine oder zwei Arten, die leicht anzupflanzen sind“, sagt Zimmer. „Das Ergebnis sind häufig Bestände, die nicht die erwünschten Ökosystemprozesse und -leistungen erbringen. Oft werden auch wenig stressresistente Monokulturen angelegt oder Arten ausgebracht, die nicht einheimisch sind, invasiv werden und zu ökologischen Problemen führen können“, so der Wissenschaftler.

Bessere Planung angesagt!

Die Experten betonen allerdings, dass sie Restaurationsmaßnahmen nicht im Keim ersticken wollen. „Nichts liegt uns ferner! Unser Papier soll hingegen zum Nachdenken anregen. Wir wünschen uns, dass bei der Planung einer Wiederaufforstung vorab eine Pause eingelegt und überlegt wird, was genau das Ziel des Ganzen ist, und wie man wirklich erfolgversprechend Mangroven anpflanzen kann. Deshalb auch der Titel des Positionspapiers ‚Pause before you plant‘“, sagt Zimmer.

„Wir empfehlen in erster Linie, auf die natürliche Regenerationskraft der Mangroven zu setzen. Wenn wir die ursprünglichen Umweltbedingungen wiederherstellen können, kann sich die Mangrove aus eigener Kraft wieder ausbreiten. Wo das nicht möglich ist, oder wo besondere Ökosystemleistung erzielt werden sollen, kann Wiederaufforstung eine Lösung darstellen, aber nur unter den passenden ökologischen Bedingungen.“ Am besten ist es natürlich, wenn die Mangroven gar nicht erst abgeholzt werden. „Die altgewachsenen Baumbestände sind einfach unersetzlich“, betont Zimmer.

Abschließend hebt der Wissenschaftler noch einmal die Bedeutung der Mangrovenwälder für den Kampf gegen den Klimawandel hervor. Es ist bekannt, dass die Gezeitenwälder besonders große Mengen an Treibhausgas speichern. „Im weltweiten Durchschnitt lagern sich in den Mangroven, vorsichtig gesagt, in einem Jahr etwa zwei Tonnen Kohlenstoffdioxid pro Hektar ab – das ist ungefähr das, was vier Autos ausstoßen. Betrachtet man den weltweiten Mangrovenbestand von 15 Millionen Hektar, binden Mangroven weltweit jährlich durchschnittlich ungefähr so viel CO2 wie alle Kraftfahrzeuge in Deutschland in einem Jahr produzieren“, sagt Zimmer.

Quelle: Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung, Positionspapier der Mangrove Specialist Group (MSG) der IUCN

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