Klimawandel: Rehe kommen nicht hinterher - wissenschaft.de
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Klimawandel: Rehe kommen nicht hinterher

Rehe
Ricke mit ihrem Kitz. (Bild: Josef Senn/ WSL)

Der Klimawandel hat vielerorts den Frühjahrsbeginn vorverlegt: Pflanzen treiben zeitiger aus und blühen auch früher. Doch wie nun eine Studie belegt, haben Rehe vor allem an tiefer liegenden Standorten offenbar Probleme, sich an diesen Wandel anzupassen. Die Geburtstermine ihrer Kitze verschieben sich nicht schnell genug, um ein optimales Nahrungsangebot während der Jungenaufzucht zu gewährleisten.

Es ist kein Zufall, dass viele pflanzenfressende Säugetiere ihre Jungen zu Beginn des Frühjahrs zur Welt bringen: Zu dieser Zeit sprießt das erste frische Grün und die neu austreibenden Pflanzen sind besonders nahrhaft. Denn die ersten zarten Blätter haben einen hohen Energie- und Proteingehalt, während die Pflanzen später, während der Blüte, vermehrt weniger reichhaltiges Stützmaterial und Stängel produzieren. Das richtige, frühe Timing der Geburt sichert daher Mutter und Kind eine optimale Nahrungsversorgung.

Vegetation reagiert fünf- bis siebenmal schneller

Doch durch die milden Winter und steigenden Temperaturen beginnen die Pflanzen fast überall immer früher auszutreiben. Die Vegetationsperiode hat sich dadurch je nach Region schon um einige Tage verfrüht. Das wirft die Frage auf, ob sich die Rehe an diese Verschiebung anpassen können. Um das herauszufinden, haben um Maik Rehnus von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL und seine Kollegen die Setztermine von 8983 Rehkitzen ausgewertet, die in den Jahren 1971 bis 2015 in der Schweiz geboren wurden. Diese Daten glichen sie mit Informationen zum jeweiligen Beginn der Vegetationszeit und der ersten Mahd der Wiesen ab.

Es zeigte sich: In den untersuchten 45 Jahren hat sich der Vegetationsbeginn um 20 Tage und der Heuschnitt um 14 Tage verfrüht. Die Vegetationszeit begann während dieser Zeit jedes Jahr 0,45 Tage früher, der erste Heuschnitt 0,32 Tage, wie die Forscher feststellten. Demgegenüber veränderten sich die Setztermine der Rehkitze jedoch deutlich langsamer. Sie haben sich nur um rund 0,06 Tage pro Jahr nach vorn verschoben. „Die Geburtstermine veränderten sich damit im Schnitt 7,5 Mal langsamer als der Beginn der Vegetationsperiode und fünf Mal langsamer als die Blüte“, berichten Rehnus und sein Team.

Kleinräumige Bewirtschaftung und Migration in höhere Lagen helfen

In Bezug auf die Rehe ist dies eine gute und eine schlechte Nachricht, wie die Wissenschaftler erklären. Denn obwohl sie sich für ihren Setztermin eigentlich primär an der Tageslänge orientieren, scheinen sie erste Anpassungen an den Klimawandel und die Verschiebung der Vegetationsperioden zu zeigen. Doch leider reicht das Tempo dieser Anpassung nicht aus, um mit der Pflanzenwelt Schritt zu halten. „Das resultiert in einem zunehmenden Auseinanderdriften von optimalem Nahrungsangebot und Geburt in allen Höhenlagen“, so die Forscher.

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In den tieferen Lagen hat dies schon jetzt dazu geführt, dass die Setztermine teilweise außerhalb der Zeit des optimalen Futterangebots liegen. Noch allerdings können die Rehe dies kompensieren: „Dank der relativ kleinräumigen und mosaikartigen Bewirtschaftung der verschiedenen Landwirtschaftskulturen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten wachsen, findet das Reh auch nach den optimalen Bedingungen im Wiesland genügend Nahrung“, sagt Rehnus‘ Kollege Kurt Bollmann. In den höheren Lagen passen Setztermine und Vegetationsperioden bislang noch zusammen, weil dort der Frühling später beginnt. Möglicherweise könnte dies dazu führen, dass Rehe in Gebirgsregionen künftig mehr und mehr in höhere Hanglagen ziehen, mutmaßen die Forscher.

Quelle: Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL; Fachartikel: Ecosphere, doi: 10.1002/ecs2.3144

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