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Können Hummeln von Neonicotinoiden profitieren?

Hummel
Eine Hummel sammelt Pollen und Nektar einer Kleeblüte. (Bild: American Chemical Society)

Neonicotinoide gelten als mitverantwortlich für das Insektensterben. Doch nicht alle dieser Mittel sind in jedem Fall schädlich für Bestäuber, wie nun eine Studie enthüllt. Demnach wirkte sich der Einsatz des in der EU momentan noch erlaubten Pestizids Thiacloprid auf Wiesenkleefeldern nicht negativ auf dortige Hummelkolonien aus. Indirekt könnten die Bestäuber von einer weiteren Zulassung dieses Pestizids sogar profitieren – wenn es maßvoll eingesetzt wird. Denn ist das Mittel verboten, bauen Landwirte den Forschern zufolge womöglich weniger anfällige und nicht blühende Pflanzen an. Genau darunter aber leiden die Kolonien, wie die Ergebnisse nahelegten.

Blütenreiche Nutzpflanzen versorgen Bienen mit wertvollem Nektar. Wurden sie mit Pestiziden behandelt, stellen sie für die Bestäuber jedoch eine potenzielle Gesundheitsgefahr dar. Denn Insektizide wie die Neonicotinoide können erwiesenermaßen nicht nur den Schädlingen schaden, die sie bekämpfen sollen, sondern auch Honigbienen, Hummeln und Co. Aus diesem Grund sind drei dieser Mittel in der Europäischen Union inzwischen für den Freilandeinsatz verboten worden. Die Zulassung für ein viertes Neonicotinoid, Thiacloprid, läuft im April 2020 aus und soll nicht verlängert werden. Noch dürfen Landwirte dieses und ein weiteres Mittel allerdings in vielen EU-Ländern verwenden.

Wie gefährlich sind diese vermeintlich harmloseren Neonicotinoide für Insekten? Oder kann ihr Einsatz den Bestäubern im Gegenteil sogar nutzen, weil er die Pflanzen gesundhält, die sie ernähren? Diesen Fragen sind Maj Rundlöf von der Universität Lund und Ola Lundin von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften in Uppsala nun am Beispiel der Dunklen Erdhummel (Bombus terrestris) und dem vielfach als Futterpflanze angebauten Wiesen- oder Rotklee nachgegangen. Für ihre Studie untersuchten die Forscher  insgesamt 54 Hummelkolonien in unterschiedlichen Landschaftsbereichen in Südschweden. Dabei verglichen sie mit Thiacloprid behandelte Kleefelder mit solchen ohne Pestizideinsatz. Außerdem schauten sie sich an, wie sich Insektenkolonien in Landschaften ohne Wiesenklee entwickelten.

Mehr Blütenbesuche

Die Ergebnisse enthüllten: Der Einsatz des Neonicotinoids hatte keine messbaren negativen Effekte auf die Bienen. So entwickelten sich die Kolonien ähnlich gut wie in Bereichen mit unbehandelten Kleefeldern, wie wiederholte Gewichtsvergleiche im Abstand mehrerer Wochen zeigten. „Dies steht in starkem Kontrast zu unserer Beobachtung, dass der Einsatz des inzwischen verbotenen Clothianidins in derselben Region das Wachstum und die Fortpflanzung von Hummelkolonien reduzierte“, betonen die Wissenschaftler. Dies zeige, dass nicht alle Neonicotinoide über einen Kamm geschoren werden dürfen. Tatsächlich hatte Thiacloprid sogar einen positiven Einfluss. Es schien die Kleeblüten für die Insekten attraktiver zu machen. So registrierten Rundlöf und Lundin in einem Beobachtungszeitraum von insgesamt zwei Jahren 13 Prozent mehr Blütenbesuche auf mit dem Pestizid behandelten Kleefeldern. Ihre Erklärung für das Phänomen: Durch die deutlich höhere Schädlingslast sank zwar nicht die Zahl, wohl aber die Qualität der Blüten in den benachbarten unbehandelten Bereichen – als Folge wurden diese Pflanzen von den Hummeln seltener besucht.

Noch frappierendere Unterschiede offenbarten sich beim Blick auf die Landschaftsbereiche ohne Wiesenklee, wie das Forscherteam berichtet. Im Vergleich zu dort lebenden Kolonien entwickelten sich Hummelkolonien in der Nähe von mit Thiacloprid behandelten Kleefeldern deutlich besser. Sie sammelten mehr Nahrung, produzierten mehr Larven und Hummeln. Landschaften mit Klee sind für die Kolonien demnach in jedem Fall besser als Landschaften ohne Klee – egal ob auf den Kleefeldern das Pestizid ausgebracht wird oder nicht. Damit zeichnet sich nach Ansicht der Forscher zudem ab: Dürfen Thiacloprid und andere Neonicotinoide nicht mehr ausgebracht werden, könnte das sogar zum Nachteil der Insekten sein. Denn dann würden viele Landwirte womöglich vom Klee auf Alternativen umsteigen: „Verbote von Pestiziden können die Kultivierung weniger schädlingsanfälliger und nicht blühender Nutzpflanzen steigern – auch wenn der genaue Einfluss solcher Verbote auf die Anbaumuster nicht sicher vorhergesagt werden kann.“

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Welche Rolle spielt die Dosis?

Den Wissenschaftlern zufolge deuten ihre Ergebnisse daraufhin, dass zumindest Erdhummeln vom Thiacloprid-Einsatz profitieren könnten. „Denn es stellt ein geringes Risiko dar und schützt blühende Nutzpflanzen als wichtige Futterquelle.“ Ob diese Ergebnisse allerdings auch auf andere Insekten übertragen werden können, müssen weitere Untersuchungen erst noch bestätigen. Zudem scheint auch die eingesetzte Dosis entscheidend zu sein, wie Rundlöf und Lundin betonen. So gilt in Schweden eine vergleichsweise geringe Sprühempfehlung von 72 Gramm Thiacloprid pro Hektar Wiesenklee. Im Vereinigten Königreich wird Landwirten dagegen zum Einsatz von 120 Gramm pro Hektar geraten, in Norwegen zu 96 Gramm.

Diese Unterschiede könnten den Forschern zufolge erklären, warum das Pestizid in anderen Feldstudien negative Effekte auf Hummelkolonien hatte. „Eine weitere Möglichkeit ist, dass der Zeitpunkt des Pestizideinsatzes in Bezug auf das Entwicklungsstadium der Kolonie eine Rolle spielt“, spekulieren sie. „Es ist auf jeden Fall weitere Forschung nötig, um die Strategien zum Schutz der Bestäuber zu verbessern und gleichzeitig die Schädlingsbekämpfung und den Ernteertrag zu optimieren“, so ihr Fazit.

Quelle: Maj Rundlöf (Universität Lund, Schweden) et al., Environmental Science & Technology, doi: 10.1021/acs.est.9b02789

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