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Umwelt+Natur

Kolibris: Männlicher Look schützt vor Belästigung

Kolibri
Männchen oder Weibchen? Bei manchen Weißnackenkolibris ist das schwer zu sagen. (Bild: Brian Sullivan/ Cornell Lab of Ornithology)

Normalerweise tragen weibliche Weißnackenkolibris unauffällige Tarnfarben, doch einige von ihnen weichen davon ab und weisen ein ebenso buntes Gefieder auf wie die Männchen. Forscher haben nun ergründet, was dahintersteckt. Demnach ist der treibende Faktor in diesem Fall nicht die sexuelle Selektion, denn die Männchen bevorzugen klar die tarnfarbigen Partnerinnen. Stattdessen enthüllten Tests: Weibchen, die wie Männchen aussehen, werden seltener Opfer aggressiver Artgenossen. So haben sie einen besseren Zugang zu Futter als typisch weiblich gefärbte Individuen.

Das farbenfrohe Gefieder vieler Vögel ist oft das Ergebnis sexueller Selektion: Wer besonders prachtvoll aussieht, hat die besten Chancen beim anderen Geschlecht. Meist sind es die Männchen, die bunt gefärbt sind, während die Weibchen eher Tarnfarben haben. So sind sie bei der Brut besser geschützt. Aus dem gleichen Grund sind auch Jungtiere in der Regel eher unauffällig gefärbt. Erst mit der Geschlechtsreife entwickeln die Männchen ihr Prachtgefieder.

Anders ist es jedoch bei einigen Kolibriarten, darunter dem Weißnackenkolibri, der in Süd- und Mittelamerika verbreitet ist. „Das Interessante am Weißnackenkolibri ist, dass alle Jungtiere zu Beginn ein männlich aussehendes Gefieder haben“, sagt Jay Falk von der Cornell University in New York. Auch ein Teil der erwachsenen Weibchen ist männlich gefärbt. Gemeinsam mit seinen Kollegen ist Falk diesem Phänomen auf den Grund gegangen. Dazu fingen die Forscher zunächst 436 wildlebende Weißnackenkolibris ein und dokumentierten Färbung, Geschlecht und Alter.

Weißnackenkolibris
Typisches Aussehen weiblicher, männlicher und juveniler Weißnackenkolibris. (Bild: Jillian Ditner/ Cornell Lab of Ornithology)

Aggressionen gegen Weibchen

Das Ergebnis: Rund 20 Prozent aller erwachsenen Weibchen haben ebenso wie die Männchen einen leuchtend blauen Kopf und eine weiße Brust. Die übrigen 80 Prozent sind in einem unauffälligeren Grün gefärbt. Die Jungtiere weisen unabhängig vom Geschlecht die männlich scheinenden Farben auf. Als nächstes testeten die Forscher, wie die Weißnackenkolibris auf unterschiedlich gefärbte Artgenossen reagieren. Dazu setzten sie ausgestopfte Männchen und Weibchen an Futterstellen und beobachteten, wie die echten Kolibris mit ihnen interagierten. „Die Kolibris zeigten sich gegenüber typisch gefärbten Weibchen wesentlich häufiger aggressiv als gegenüber Männchen und männlich gefärbten Weibchen“, berichten die Forscher.

Auch sexuelle Verhaltensweisen bezogen sich in allen Versuchen als erstes auf die typisch unauffällig gefärbten Weibchen. „Wenn das männlich wirkende Gefieder der Weibchen das Ergebnis sexueller Selektion wäre, dann hätten die Männchen stärker von Weibchen mit männlichem Gefieder angezogen werden müssen“, sagt Falk. „Das ist aber nicht passiert..“ Stattdessen zeigten die männlichen Weißnackenkolibris eine klare Präferenz für unauffällige Tarnfarben tragende Partnerinnen.“ Auch die Tatsache, dass bereits Jungtiere, die noch nicht geschlechtsreif sind, ein buntes, eher männlich aussehendes Gefieder haben, spricht gegen die Hypothese von der sexuellen Selektion.

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Männliches Aussehen als Schutz

Stattdessen dient das auffällige Gefieder offenbar dazu, sich vor Belästigungen durch Artgenossen zu schützen. Dies prüften die Forscher mit zwei weiteren Experimenten. Zum einen werteten sie 78 Stunden Videomaterial von wildlebenden Kolibris aus. Dabei zeigte sich: Vögel mit männlich-buntem Gefieder waren häufiger diejenigen, die andere von Futterstellen vertrieben und jagten, während weiblich gefiederte Kolibris bei solchen Jagden mehr als zehnmal so häufig Opfer statt Aggressor waren. Zum anderen markierten die Forscher rund 150 Kolibris mit RFID-Chips und stellten in ihrem Lebensraum in Gamboa in Panama mehrere Futterstellen auf, die anhand der Chips registrierten, wenn einer der markierten Vögel dort landete und wie lange er sich an der Futterstelle aufhielt.

„Unsere Tests ergaben, dass die typischen, weniger farbenfrohen Weibchen viel mehr belästigt wurden als Weibchen mit männlich wirkendem Gefieder“, berichtet Falk. „Da die Weibchen mit dem männlichen Gefieder weniger Aggressionen ausgesetzt waren, konnten sie häufiger und länger fressen.“ Gerade bei Kolibris, die durch ihre hohe Stoffwechselrate einen sehr hohen Nahrungsbedarf haben, ist dies ein wichtiger Vorteil.

Was nützen typisch weibliche Farben?

Doch warum trägt trotz dieses Vorteils der größte Teil der erwachsenen Weibchen Tarnfarben? Eine klare Antwort darauf haben die Forscher nicht. Zwar werden die typisch weiblich gefärbten Weibchen bei der Partnerwahl bevorzugt, doch auch die männlich aussehenden Weibchen finden Paarungspartner. „Die männliche Färbung limitiert also in diesem Fall nicht die evolutionäre Fitness der Weibchen“, so die Forscher. „Eine mögliche Erklärung könnte allerdings sein, dass die besser getarnten Weibchen während der Brut seltener Opfer von Fressfeinden werden.“

Welche genetischen Mechanismen der unterschiedlichen Färbung zugrunde liegen oder ob Umwelteinflüsse eine Rolle spielen, ist weiterhin unklar. In zukünftigen Studien wollen Falk und seine Kollegen zudem untersuchen, wie sich ähnliche Variationen bei anderen Arten auswirken.

Quelle: Jay Falk (Cornell University, Ithaca, New York) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2021.07.043

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