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Komplexe Vogel-Gesellschaft entdeckt

Geierperlhühner bilden Gruppen, die untereinander Beziehungen haben. (Bild: James Klarevas)

Bei uns geht es bekanntlich kompliziert zu: In menschlichen Gesellschaften entstehen Gruppen, die wiederum mit anderen in bestimmten Verhältnissen stehen. Solche komplexen Sozialstrukturen waren bisher nur von wenigen anderen Säugetieren bekannt. Doch nun berichten Forscher erstmals von einem Beispiel aus der Vogelwelt: Offenbar entstehen auch in den Populationen der afrikanischen Geierperlhühner mehrschichtige Gesellschaften. Überraschend erscheint dabei auch, dass diese Vögel nicht einmal besonders clever zu sein scheinen: Sie besitzen vergleichsweise kleine Gehirne, berichten die Wissenschaftler.

Für uns bildet die Komplexität geradezu ein selbstverständliches Merkmal der Gesellschaft: Es bilden sich soziale Einheiten, die zu bestimmten anderen Gruppen in der übergeordneten Gemeinschaft bestimmte Beziehungen pflegen. Von einigen hochentwickelten Säugetieren waren bereits ähnliche Sozialstrukturen bekannt: Primaten, Elefanten, Giraffen und Delfine bilden beispielsweise ebenfalls mehrschichtige Gesellschaftsformen aus. Als Voraussetzung galt bisher eine vergleichsweise hohe Intelligenz, denn die Tiere müssen den Überblick über die Individuen sowohl in ihrer eigenen als auch in anderen Gruppen behalten.

„Komische Vögel“ im Blick

Obwohl es zwar durchaus auch intelligente Vogelarten gibt, die in Gruppen leben, waren bei diesen Tieren bisher keine Beispiele für mehrschichtige Gesellschaftsformen bekannt. Ihre Sozialstrukturen sind eher offen, langfristig nicht stabil oder sehr territorial, mit wenig Kontakt zu anderen Gruppen. Doch wie die Forscher um Danai Papageorgiou vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz nun berichten, bildet offenbar das in Ostafrika beheimatete Geierperlhuhn (Acryllium vulturinum) eine interessante Ausnahme von dieser Regel.

Am Anfang der Studie stand die eher generelle Beobachtung, dass diese Vögel offenbar ein ungewöhnliches Sozialverhalten besitzen: Ihre Gemeinschaften zeigen nicht die typische Aggression gegenüber anderen Gruppen, wie es bei vergleichbar lebenden Vogelarten oft vorkommt. „Sie schienen komplexe soziale Strukturen zu bilden – weitere Details waren aber nicht bekannt“, sagt Papageorgiou. Nur ein Aspekt schien noch bemerkenswert: Das Geierperlhuhn besitzt ein relativ kleines Gehirn im Vergleich zu anderen Vögeln.

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Um dem Sozialverhalten dieser Vögel nachzugehen, haben die Forscher über ein Jahr hinweg die sozialen Beziehungen der Tiere einer Geierperlhuhn-Population in Kenia untersucht. Die Forscher markierten dazu zunächst alle der rund 400 erwachsenen Vögel und führten umfangreiche Beobachtungen ihres Verhaltens durch. Dabei zeigte sich: Die Population bestand aus 18 verschiedenen sozialen Gruppen mit jeweils 13 bis 65 Individuen. Die Forscher konnten zudem dokumentieren, dass diese Gruppen stabil blieben, obwohl sie sich sowohl tagsüber als auch nachts regelmäßig mit einer oder mehreren anderen Gruppen mischten. Sobald sich diese „vereinten Gruppen“ wieder aufteilen, formieren sich die Tiere erneut in ihren ursprünglichen, stabilen Gruppen. Das bedeutet, dass die einzelnen Tiere wissen, wer Teil ihrer Gruppe ist und wer nicht.

Beziehungen unter Gruppen zeichnen sich ab

Um Einblicke in die Beziehungen der Gruppen untereinander zu gewinnen, statteten die Wissenschaftler einige Tiere der jeweiligen Gruppen mit GPS-Sendern aus. So konnten sie die Position jeder einzelnen Gruppe jeden Tag kontinuierlich erfassen und gleichzeitig beobachten, wie alle 18 Einheiten in der Population miteinander interagierten. In den Datenauswertungen dieses Versuchs zeichnete sich dann schließlich ab: Die Vogelgemeinschaften traten nicht per Zufall miteinander in Kontakt, sondern es gab offenbar befreundete Gruppen, die auffallend oft interagierten.

„Nach unserer Kenntnis ist dies das erste Mal, dass eine solche soziale Struktur bei Vögeln beschrieben wurde“, so Papageorgiou. „Es ist schon bemerkenswert, dass sich Hunderte von Vögeln jeden Tag perfekt in völlig stabile Gruppen aufteilen. Wie stellen sie das an?“ Bisher bleibt dies zwar unklar. Doch auf jeden Fall haben die Geierperlhühner unser Verständnis über die Entstehung von komplexen Sozialsystemen ins Wanken gebracht, sagen die Wissenschaftler. „Diese Entdeckung wirft eine Menge Fragen über die grundlegenden Mechanismen komplexer Gesellschaften auf und eröffnet spannende Forschungsperspektiven“, sagt Co-Autor Damien Farine. Die Forscher wollen nun etwa der Frage nachgehen, welche Faktoren dazu geführt haben, dass diese Vögel ein Sozialsystem entwickelt haben, das in vielerlei Hinsicht eher dem von Primaten gleicht als dem von anderen Vögeln.

Quelle: Max-Planck-Gesellschaft, Fachartikel: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2019.09.072

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