Kosmopolitisches Seeungeheuer - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Kosmopolitisches Seeungeheuer

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© Mark Norman
Seeleute erzählten sich früher Schauergeschichten von riesigen Kraken, die mit ihren Tentakeln ganze Schiffe umschlingen konnten. Heute weiß man: In den Tiefen der Ozeane gibt tatsächlich Tintenfische, die eine Länge von etwa 15 Metern erreichen können – die Riesenkalmare. Eine offene Frage war bisher allerdings, wie viele unterschiedliche Arten und Populationen die riesigen Kopffüßer umfassen. Ein internationales Forscherteam kommt nun zu einem überraschenden Ergebnis: Trotz der weltweiten Verbreitung handelt es sich um nur eine Spezies, die noch dazu ungewöhnlich wenig innerartliche Variation im Erbgut aufweist.

Erst kürzlich machten die Riesenkalmare wieder einmal Schlagzeilen: Forschern war es gelungen, von einem Tauchboot aus ein Exemplar in seinem finsteren Lebensraum in etwa 600 Metern Tiefe zu filmen. Ein etwa sechs Meter langes Tier hatte seine zehn Tentakel um einen Köder geschlungen und blickte mit seinen riesigen Augen in die Kamera – der bisherige Höhepunkt der Erforschung dieser geheimnisvollen Meeresbewohner. Begonnen hatte sie im Jahre 1854: Ein dänischer Naturforscher hatte den Schnabel eines gestrandeten Riesenkalmars untersucht. Er gab dem Tier, dessen Existenz zuvor als Seemannsgran galt, die wissenschaftliche Artbezeichnung Architeuthis dux. Seither wurde die Existenz der Riesenkalmare in vielen unterschiedlichen Meeresregionen der Erde belegt.

Nun sind die Forscher um Inger Winkelmann von der Universität von Kopenhagen den Geheimnissen der Tiefseeriesen mit den Mitteln der modernen Genetik zu Leibe gerückt. Sie wollten herausfinden, wie sich die Riesenkalmare in den verschiedenen Regionen der Erde unterscheiden. Sie sammelten dazu Proben von insgesamt 46 Exemplaren aus allen Teilen der Erde. Es handelte sich um erhaltenes Gewebe von angeschwemmten Tieren, oder von solchen, die in den Netzen von Tiefseefischern gelandet waren. Die Forscher gewannen aus diesen Proben sogenannte mitochondriale DNA, also Erbgut, das nicht aus den Zellkernen stammt, sondern aus den Mitochondrien – den Kraftwerken der Zellen. Anhand diesen Erbguts lassen sich Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Individuen besonders gut nachweisen.

Neue Erkenntnisse – neue Rätsel

Die Vergleiche zeigten: Selbst Exemplare, die maximal weit voneinander entfernt gelebt hatten, beispielsweise vor der Küste Floridas und in den Gewässer Japans, besaßen äußerst ähnliches mitochondrales Erbgut. Damit sei die Vermutung widerlegt, dass es sich bei den Riesenkalmaren der unterschiedlichen Erdteile um verschiedene Arten handele, sagen die Forscher. Offenbar gibt es also nur einen Riesenkalmar, nämlich die Art Architeuthis dux. Doch Winkelmann und seinen Kollegen zufolge werfen ihre Ergebnisse nun neue Fragen auf, denn die enorme Ähnlichkeit des Erbgutes sei höchst erstaunlich. Die innerartliche Variation sei bei anderen Meerestieren einschließlich weiterer Tintenfischarten normalerweise weit größer. Trotz ihres globalen Verbreitungsgebietes haben die Riesenkalmare also keinerlei Populationsstrukturen ausgebildet.

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Warum dies so ist, darüber können die Forscher bisher nur spekulieren. Sie vermuten aber, dass sich die weltweiten Bestände ständig genetisch austauschen, trotz der riesigen Entfernungen. Wahrscheinlich befinden sich dabei nicht die erwachsenen Tiere auf Wanderschaft, sondern eher ihre winzigen Larven. Sie könnten sich durch weitläufige Meeresströmungen überall auf der Erde verteilen und dann die unterschiedlichen Lebensräume besiedeln. Die enorme genetische Ähnlichkeit innerhalb der Art könnte den Forschern zufolge auch daran liegen, dass es bei den Riesenkalmaren zu einer kürzlichen Bevölkerungsexplosion gekommen ist. Was der Auslöser für solch einen Zuwachs gewesen sein mag, ist fraglich. Unterm Strich bleibt Architeuthis dux also weiterhin ein äußerst rätselhafter Meeresbewohner, betonen die Wissenschaftler.

Inger Winkelmann (Universität von Kopenhagen) et al.: Proc R Soc B, doi: 10.1098/rspb.2013.0273 © wissenschaft.de – Martin Vieweg
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