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Krabben wissen, wo’s langgeht

Ein häufiges Tier an den Küsten Europas: die Strandkrabbe. (Bild: Ed Pope)

Sie sind simple Gliedertiere, die einfach nur drauflos rennen, könnte man meinen. Doch offenbar besitzen auch Krebse beachtliche kognitiven Fähigkeiten, geht aus einer experimentellen Studie hervor: Strandkrabben können sich den optimalen Weg durch ein Labyrinth einprägen. Sie verfügen demnach über komplexe Lernfähigkeiten und ein räumliches Gedächtnis, sagen die Wissenschaftler.

Wir lernen und anschließend können wir unser Wissen nutzen – das Grundprinzip dieses Konzepts ist im Tierreich weit verbreitet: Sogar ein Wurm kann lernen, auf Reize mit einem bestimmten Verhalten zu reagieren. Komplexere Formen wie das räumliche Lernen wurden bisher hingegen vor allem bei Wirbeltieren nachgewiesen – doch nicht nur: Studien der letzten Jahre haben immer mehr aufgedeckt, zu welch erstaunlichen kognitiven Leistungen auch einige Insekten fähig sind. Was die Fähigkeiten der aquatischen Gliedertiere betrifft, ist hingegen bisher nur wenig bekannt. Ein Vergleich der Gehirnstrukturen lässt vermuten, dass Krebstiere weniger „draufhaben“ als Insekten: Sie besitzen deutlich weniger Nervenzellen. Doch Studien haben gezeigt: Es gibt nicht immer eine direkte Beziehung zwischen der Gehirngröße und der Komplexität des Verhaltens. Bei Nervenstrukturen kann auch gelten: Klasse statt Masse.

Krabben suchen den Weg durch ein Labyrinth

Im Rahmen ihrer Studie sind die Forscher um Ross Davies von der britischen Swansea University nun der Frage nachgegangen, inwieweit eine Krabbenart zu räumlichem Lernen fähig ist, die sicherlich viele Menschen von Badeurlauben kennen: die Strandkrabbe (Carcinus maenas). Es erscheint plausibel, dass räumliche Lernfähigkeiten für diese Tiere nützlich sein können: Strandkrabben leben häufig in komplexen Lebensräumen mit dreidimensionalen und verwinkelten Strukturen. Inwieweit sie sich aber tatsächlich optimale Wege zu einem Ziel einprägen können, haben die Forscher nun experimentell untersucht.

Sie verwendeten dazu ein von Wasser geflutetes Labyrinth aus schwarzem Plexiglas. Von einer Startkammer aus gab es darin einen optimalen Weg von etwa zwei Meter Länge zu einem Ziel. Drei Sackgassen führten dabei in die Irre. Um optimal durchzukommen, waren fünf korrekte Richtungsentscheidungen nötig, erklären die Wissenschaftler. Am Ziel wartete eine Belohnung auf die Krabben: eine aufgebrochene Muschel. Bei den Versuchen wurde das jeweilige Versuchstier in die Startkammer gesetzt und konnte sich dann frei den Weg durch das Labyrinth suchen. Dabei wurden seine Bewegungen von einer Kamera erfasst und später von den Wissenschaftlern ausgewertet. Jedes Tier wurde in bestimmten zeitlichen Abständen erneut in das Labyrinth gesetzt, um zu überprüfen, ob es durch Erlernen des optimalen Weges schneller zum Ziel finden kann.

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Indizien für ein räumliches Langzeitgedächtnis

Es zeigte sich: Die Krabben fanden bei jedem neuen Versuch schneller zum Futter am Ende des Labyrinths. Sie verirrten sich auch immer seltener, zeigten die Auswertungen der Videoaufnahmen: Sie entschieden sich an den Abzweigungen zunehmend richtig, bis sie schließlich perfekt durch das Labyrinth navigieren konnten. Sie folgten dabei auch nicht etwa nur dem Duft der leckeren Muschel: Auch wenn am Ende des Labyrinths kein Leckerbissen wartete, krabbelten sie auf dem schnellsten Weg zum erlernten Ziel, zeigten die Versuche.

Offenbar konnten sich die Tiere den Weg auch nachhaltig einprägen: Bei Tests nach zwei Wochen fanden sich die Krabben noch immer gut in dem vertrauten Labyrinth zurecht. Sie erreichten das Ziel in weniger als acht Minuten, wie die Wissenschaftler berichten. Kontrolltiere, die zum ersten Mal mit dem Labyrinth konfrontiert waren, brauchten hingegen viel länger: Etwa die Hälfte irrte noch nach einer Stunde in dem System aus Abzweigungen umher..

Nach Ansicht von Davies und seinem Team belegen diese Ergebnisse, dass auch Strandkrabben komplexe Lernfähigkeiten und ein räumliches Gedächtnis besitzen.. Bisher bleibt allerdings unklar, an was sich die Tiere orientieren oder welches Konzept sie beim Lernen nutzen, sagen die Forscher. Möglich wäre etwa ein sequentielles Lernen: Rechts abbiegen, zwei Öffnungen ignorieren, dann links abbiegen…. Durch weitere Versuche wollen die Wissenschaftler nun mehr Einblicke gewinnen, was im „Köpfchen“ der Krabben vorgeht.

Quelle: Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2019.0407

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