Krachnation Deutschland: Lärm macht krank - wissenschaft.de
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Krachnation Deutschland: Lärm macht krank

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In den vergangenen Jahrzehnten hat die Lärmbelastung in den Großstädten zugenommen. Dies bleibt nicht ohne Schaden für Gesundheit: Herzinfarkte, Bluthochdruck, Allergien und Schlafstörungen nehmen zu, wie Studien zeigen. So steigt beispielsweise das Herzinfarktrisiko durch zu viel Lärm für Männer um ein Drittel an. Ein Viertel der Jugendlichen ist bereits schwerhörig oder leidet unter einem anderen Hörschaden. Indes tut sich in Deutschland im Vergleich zu den Nachbarländern wenig, um dem Problem beizukommen.

Millionen Deutsche freuen sich in den Sommermonaten auf heimelige Stunden auf der Terrasse, dem Balkon oder auf einen Grillabend im Park. Doch nicht selten wird die Idylle getrübt, weil der Nachbar den Rasenmäher anschaltet, der Straßenlärm herüberhallt und im Park unerwartet ein paar ausgelassene Gesellen mit einem laut dröhnenden Radio sitzen.

Still ist es jedenfalls selten hierzulande – weder wochentags noch am Wochenende. „Nach Ergebnissen der kanadischen Frazer-Universität hat sich der Lärmpegel der Großstädte in den vergangenen dreißig Jahren vervielfacht“, berichtet Professor Karl Karst, Vorstand der bundesweiten „Initiative Hören“ in Köln. Die Automotoren sind zwar leiser geworden, doch dies wird durch die höheren Fahrleistungen wieder aufgewogen.

Sowohl tagsüber als auch nachts werden vielerorts kritische Werte für die Dauer- und die Kurzzeitbelastung beim Lärm überschritten. Der Krach bleibt nicht ohne Folgen für die Gesundheit: Allergien, Herz-Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck, Migräne sowie Hörschäden nehmen zu. Laut Berichten der EU-Kommission gefährdet Lärm bei rund 20 Prozent der EU-Bürger die Gesundheit.

Nach einer Studie des Umweltbundesamtes nimmt das Herzinfarktrisiko bei Männern um 30 Prozent zu, wenn sie längere Zeit täglich einem Schallpegel von mehr als 65 Dezibel ausgesetzt sind. „Solche Werte können an stark befahrenen Straßen und an Eisenbahngleisen erreicht und auch überschritten werden“, sagt Heidemarie Wende vom Umweltbundesamt.

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„Das Ohr ist das empfindlichste Organ des Menschen. Es ist historisch gesehen unser Warn- und Orientierungssinn. Sobald das Ohr ein Geräusch in bestimmter Lautstärke und Frequenz wahrnimmt, steigen Blutdruck und Puls, der Stoffwechsel schnellt in die Höhe“, erklärt Karst. Bei andauerndem Lärm befindet sich der Körper in ständiger Alarmbereitschaft. Das schädigt langfristig das Herz-Kreislaufsystem.

Doch nicht nur die permanente Geräuschkulisse bereitet Medizinern Sorge, sondern auch der kurzfristige intensive Lärm. „Ein Viertel aller Jugendlichen in Deutschland hat bereits irreparable Hörschäden. Das sind Schäden mit enormer Auswirkung auf ihre schulischen und beruflichen Chancen“, warnt Karst.

Dies verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass hierzulande Diskotheken ihre Musik bis auf 100 Dezibel aufdrehen dürfen und auch Musikanlagen in Privatfahrzeugen längst ähnliche Größenordnungen erreichen. „Der Gesetzgeber schreibt hingegen im Arbeitsbereich ab 85 Dezibel Gehörschutz vor. Angesichts der mangelnden öffentlichen Aufklärung schädigen sich viele Menschen also unbewusst selbst“, urteilt Karst.

Ein solcher Lärmangriff wirke gleichsam wie ein Sturm im Weizenfeld, die feinen Hörfortsätze der Hörzellen würden verwirbelt, erläutert Karst. Im schlimmsten Fall können die Hörzellen absterben und sind dann ein für alle Mal tot, da sie nicht nachwachsen können. Die Folge seien Wahrnehmungslöcher im Frequenzspektrum des Gehörs.

Dabei müsste dies nicht sein. In anderen Ländern wird Lärm längst kritischer gesehen als in Deutschland. So seien die Bestimmungen in der Schweiz und in Frankreich wesentlich rigider. In den Diskotheken erfolgten dort beispielsweise häufiger Kontrollen, berichtet Karst. Mit einer einzelnen Maßnahme wäre es jedoch nicht getan, dazu ist das Problem mittlerweile zu gravierend und vielschichtig. So berichtet Wende aus einer aktuellen Untersuchung zu nächtlichem Lärm: „Ab einer Schwelle von 45 Dezibel können Schlafstörungen nicht ausgeschlossen werden. Eine solche Schwelle kann zum Beispiel bei geöffneten Fenstern in Städten erreicht werden.“ Solche Schlafstörungen gehen wiederum mit einem erhöhten Blutdruck, Allergien und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher. Schlafgestörte Kinder werden zwei- bis viermal so oft krank wie Gleichaltrige.

Die Bundesärztekammer fordert vor dem Hintergrund derartiger gesundheitlicher Folgen dringend zum Handeln auf. Doch bislang verhallt der Appell auf Bundesebene weitgehend ungehört. Hoffnung käme dagegen von Seiten der EU in Form einer Richtlinie für Umgebungslärm, so Karst. „Was wir langfristig benötigen, ist jedoch ein Bewusstseinswandel der Gesellschaft weg von einer Krach- und Muskelprotz-Kultur hin zum Wissen, dass auch leise Dinge stark sein können“.

ddp/bdw – Susanne Donner
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