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Krähen-Know-how: Was der Haken bringt

Dieses selbstgebaute Werkzeug ist mit einem Häkchen am Ende versehen. (Foto: James Clair)
Ihr raffiniertes Werkzeugdesign hat sie berühmt gemacht: Neukaledonienkrähen verpassen ihren Stocherstäben ein besonderes Merkmal – einen Haken. Was dieses Element tatsächlich bringt, haben Forscher nun erstmals genau erfasst. Der Haken ist demnach ein ausgesprochen effektives Designelement: Im Vergleich zu geraden Stöckchen können sich die klugen Rabenvögel mit dem Haken ein Vielfaches an Beutetieren aus ihren Verstecken zerren.

Viele Studien belegen bereits: Im Köpfchen der auch Geradschnabelkrähen ( Corvus moneduloides) genannten Rabenvögel von der pazifischen Inselgruppe Neukaledonien steckt ein erstaunlich scharfer Verstand: Sie benutzen Werkzeuge, stellen sie selbst her und begreifen komplexe Zusammenhänge. In ihrem natürlichen Lebensraum haben sie es auf Käferlarven und Insekten abgesehen, die sich in Löchern im Holz verstecken. Sich dazu ein Stocherinstrument zu besorgen und auf die passende Länge zu knicken, ist bereits eine erstaunliche kognitive Leistung. Doch in manchen Teilen des kleinen Verbreitungsgebietes der Neukaledonienkrähe haben die Tier das Werkzeugdesign noch weitere verfeinert: Sie basteln sich Hakenwerkzeuge.

Lohnt sich der Aufwand?

„Es ist eine mühsame Abfolge von Verhaltensweisen“, betont Co-Autor James St. Clair von der University of St Andrews. „Die Krähen suchen bestimmte Pflanzenarten auf und besorgen sich von ihnen einen gegabelten Zweig. Diesen halten sie dann unter den Füßen fest, während sie schnitzen, knabbern und schälen, bis sich die Spitze des Ästchens in einen sauberen kleinen Haken verwandelt hat“, erklärt der Wissenschaftler.

Im Vergleich zur Herstellung eines Stocherstabes ohne Haken ist der Aufwand beträchtlich höher. Das legt natürlich nahe: Der Haken muss es wert sein. Bisher hatte aber noch niemand erfasst, wie groß der Vorteil dieses Werkzeugdesigns tatsächlich ist. St. Clair und seine Kollegen sind dieser Frage nun durch Experimente mit vorübergehend eingefangenen Neukaledonienkrähen nachgegangen. Bei den Tests traten 17 Tiere an, von denen sich einige selbst einen Stock ohne und einige einen Stock mit Haken anfertigten. Mit diesen Werkzeugen machten sie sich an den von den Wissenschaftlern vorbereiteten Baumstümpfen zu schaffen, in denen in unterschiedlich breiten Löchern Würmer oder Spinnen saßen.

Ausgesprochenes Erfolgskonzept

Die Auswertungen der Beobachtungen ergaben: Je nach Aufgabe waren die Hakenwerkzeuge zwei- bis zehnmal effizienter als die reinen Stocher-Stöckchen. „Das ist ein großer Unterschied!“ betont Co-Autor Christian Rutz von der University of St. Andrews. „Unsere Ergebnisse zeigen damit, dass selbst relativ kleine Änderungen an den Werkzeugkonstruktionen die Futterausbeute erheblich verbessern können.“ Dies erklärt damit auch, warum die Neukaledonienkrähen diese bemerkenswerten Fähigkeiten zur Werkzeugherstellung entwickelt haben: „In der Natur bedeutet schnelles Futtersammeln, dass Vögel mehr Zeit und Energie für die Fortpflanzung haben und sich von Räubern fernhalten können. Es begeistert mich, dass wir die Vorteile dieser raffinierten Krähenwerkzeuge nun dokumentieren konnten“, fügt Co-Autor Nick Colegrave von der University of Edinburgh hinzu.

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Nach wie vor gibt es zu der faszinierenden Werkzeugtechnik der cleveren Vögel aber noch einige offene Fragen, betonen die Wissenschaftler. Unklar ist etwa, wie sie die Fähigkeit erwerben: Erlernen sie die Vorgehensweise von ihren Eltern oder schauen sie sich das Verfahren bei erfahrenen Artgenossen ab? In jedem Fall erwarten die Biologen, dass sich die Fähigkeit im Bestand immer weiter ausbreiten wird, da sich die Haken-Macher einen deutlichen Überlebensvorteil verschaffen, wie die Studie gezeigt hat. „Es gibt doch dieses Sprichwort: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Im Falle der Neukaledonienkrähe ist es der geübte Hakenmacher, der den Wurm bekommt, oder zumindest bekommt er viel mehr Würmer als seine weniger schlauen Nachbarn“, sagt Rutz abschließend.

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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