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Kriminell durch die Gene?

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Welche Rolle spielt die Veranlagung für die Neigung zu Gewalttaten? (thinkstock)
Wenn es um Mord, Raubmord oder andere Gewaltverbrechen geht, stellt sich immer wieder die Frage, was Menschen zu solchen Taten treibt. Die sozialen und psychologischen Umstände spielen dabei offensichtlich eine große Rolle. Es gibt aber auch Anzeichen dafür, dass die genetische Veranlagung ebenfalls im Spiel ist. Ein internationales Forscherteam hat dies nun erstmals bei verurteilten Gewaltverbrechern in Finnland untersucht. Tatsächlich stießen sie dabei auf zwei Genvarianten, die sich bei gewalttätigen Wiederholungstätern häufen. Das allerdings bedeute nicht, dass jeder, der diese Varianten trage automatisch zum Straftäter werde, betonen die Wissenschaftler.

Die Verknüpfung von Kriminalität mit genetischen Faktoren ist heikel: Schnell kann dies zu ungerechtfertigter Diskriminierung der Träger führen. Zudem weckt es auch böse Erinnerungen an die Praxis der Nationalsozialisten, Kriminelle und Geisteskranke als genetisch minderwertig abzuklassifizieren und deshalb einer Zwangssterilisation zu unterziehen. Lange Zeit galt daher schon die Idee einer genetischen Komponente als politisch unkorrekt.

Doch in jüngster Zeit mehren sich die Indizien dafür, dass in bestimmten Fällen nicht nur soziale oder psychologische Umstände, sondern eben doch auch die Biologie eine Rolle spielt. So zeigte kürzlich eine schwedische Studie, dass Kinder krimineller Eltern selbst dann wahrscheinlicher selbst kriminell werden, wenn sie als Säuglinge zur Adoption freigegeben und von anderen, nichtkriminellen Eltern adoptiert wurden. Eine andere Studie ergab, dass Jungen, die als Kinder misshandelt wurden, besonders häufig selbst wegen Gewaltverbrechen verurteilt wurden, wenn sie eine bestimmte Genvariante trugen, wie Jari Tiihonen vom Karolinska Institut in Stockholm und seine Kollegen berichten. Eine spätere Wiederholung dieser Studie mit einer größeren Teilnehmerzahl konnte dies allerdings nicht bestätigen. Die Rolle dieser Genvariante bleibe daher umstritten, erklären die Forscher.

Um mehr Klarheit zu schaffen, führten sie nun erstmals eine Studie mit 794 finnischen Gefängnisinsassen durch. Von diesen waren 538 wegen Gewaltverbrechen verurteilt worden, 84 Teilnehmer hatten sogar mehr als zehn solcher Straftaten begangen. Mit Hilfe von DNA-Proben der Teilnehmer führten die Forscher eine genomweite Assoziationsanalyse durch. Mit dieser prüften sie, ob bestimmte Genvarianten bei Gewalttätern und den 84 extremen Wiederholungstätern häufiger vorkamen als im Durchschnitt der Bevölkerung.

Auffälligkeiten an zwei Genorten

Das Ergebnis: An zwei Genorten fanden die Forscher tatsächlich ein bei den Gewaltverbrechern häufiger auftretendes Signal. Eines davon gehörte zu der Genvariante im MOA-A Gen, die schon in der Studie mit den misshandelten Jungen aufgefallen war. Sie führt dazu, dass das Enzym Monoaminoxydase im Gehirn seiner Träger nicht oder vermindert hergestellt wird. Dieser Mangel wiederum beeinflusst die Aktivität zweier für das Verhalten wichtiger Hirnbotenstoffe, Serotonin und das Dopamin. „Das könnte zu einer erhöhten impulsiven Aggression führen“, erklären die Forscher. Vor allem dann, wenn zusätzlich Alkohol oder Drogen im Spiel sind. Ihren Schätzungen nach könnten rund neun Prozent der schweren Gewaltverbrechen in Finnland auf Täter mit diesem MAO-A-Genotyp zurückzuführen sein. Eine zweite bei den Straftätern auffällig oft vertretene Genvariante betrifft das CDH13-Gen, das auch bei ADHS eine Rolle spielt, wie die Forscher berichten. Es ist schon länger bekannt, dass diese Variante zu Problemen bei der Impulskontrolle führen kann. „Daher ist plausibel, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem CDH13-Genotyp und impulsiven Gewalttaten“, sagen Tiihonen und seine Kollegen.

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Diese Ergebnisse legen nahe, dass es Menschen gibt, die aufgrund ihrer Erbanlagen ungünstigere Voraussetzungen haben, um unter widrigen Umständen oder bei Drogeneinfluss ihre aggressiven Impulse zu kontrollieren. Dennoch betonen die Forscher nachdrücklich, dass diese Genvarianten allein niemanden zum Verbrecher machen. „Kriminelles Verhalten ist ein komplexes Phänomen, das sowohl durch genetische als auch durch Umweltfaktoren geprägt wird“, erklären sie. Ob jemand die genetischen Risikofaktoren trägt oder nicht, sagt daher noch nichts darüber aus, ob er tatsächlich jemals eine Gewalttat begehen wird. „Potenzielle Risikofaktoren wie der Genotyp spielen daher auch bei Verurteilungen keinerlei Rolle – und sie eignen sich auch nicht für ein vorbeugendes Screening.“

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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