Kühe: Vierbeinige Pharmaproduzenten - wissenschaft.de
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Kühe: Vierbeinige Pharmaproduzenten

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Beim sogenannten "Pharming" werden transgene Tiere eingesetzt, um Medikamente herzustellen. Bild: Wikipedia (GNU Lizenz)
Seit wenigen Wochen ist das erste Medikament aus transgenen Tieren in Deutschland auf dem Markt. Weitere werden folgen, kündigen die beteiligten Forscher an. In Deutschland setzt nur eine Biotech-Firma auf diesen jungen Markt. In ihren Ställen hält sie Rinder und Kaninchen, die Krebsarzneien im Blut haben.

Auf einer Anhöhe nahe Hilgertshausen, 25 Kilometer nordwestlich von München, liegt ein Bauernhof, der seinesgleichen sucht. In den Ställen stehen zwar Dutzende Stiere, Kühe und Kälber, gewöhnliche Nutztiere sind das aber nicht. Denn durch ihre Adern fließt eine Arznei, die eines Tages Krebs bekämpfen soll.

Der Hof ist zugleich Sitz der Firma Agrobiogen. Hier werden Tiere gentechnisch verändert, damit sie sich in eine grasende Medikamentenfabrik verwandeln. Mit dieser Kombination aus Viehzucht und Pharmaproduktion, auch “ Pharming“ genannt, möchte Firmenchef Gottfried Brem Medikamente für schwer behandelbare Krankheiten herstellen.

Dass Pharming eine lukrative Geschäftsidee sein kann, hat ein Konkurrent schon vorgemacht: Nach zwanzig Jahren Entwicklungsarbeit hat das US-Biotech-Unternehmen GTC Biotherapeutics das erste Medikament aus transgenen Tieren auf den Markt gebracht. Der Blutgerinnungshemmer Antithrombin III wird aus der Milch von gentechnisch veränderten Ziegen isoliert. Aus jedem Liter holt das Unternehmen bis zu zehn Gramm der Arznei, die bis dahin aufwändig aus Blutspenden gefiltert wurde. Eine Ziege ersetzt nun etwa 90.000 Blutspendeeinheiten. Seit Anfang Mai wird das Medikament auch in Deutschland verkauft.

„Das war ein enorm wichtiger Durchbruch, der das Vertrauen in die Pharming-Technologie gestärkt hat“, sagt Angelika Schnieke, Tierbiotechnologin an der Technischen Universität München. Weitere Medikamente aus Ziegen, Kühen, Kaninchen und Schafen werden nun folgen. Davon ist sie überzeugt. Die niederländische Pharming Group etwa hat verschiedene Wirkstoffe in der Pipeline. Die kalifornischen Firmen Hematech und Origen forschen ebenfalls an Arzneien aus dem Tier. Diese sollen Krebs zurückdrängen, Blutkrankheiten lindern oder als Impfstoff gegen Infektionen gespritzt werden. „In Deutschland gibt es nur wenig Aktivitäten im Bereich des Pharming“, bedauert Schnieke. Die Agrobiogen sei hierzulande die einzige, noch dazu wenig bekannte Firma, die auf die Vierbeiner setzt.

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Einer davon ist „Funny“, eine Kuh, die bei Gottfried Brem im Dienst der Medizin steht. In ihrem Körper zirkuliert ein wertvoller Antikörper im Blut, der Hautkrebs und bestimmte Hirntumoren, sogenannte Gliablastome, zurückdrängen soll. Dieser Hirntumor ist bis heute kaum heilbar, weil häufig einzelne Krebszellen überleben. Sein Medikament könnte auch diese Krebszellen finden und sie einschließlich der Metastasen zerstören, beteuert Brem.

100 Milligramm Antikörper je Liter kann er aus dem Serum der transgenen Rinder filtern, nachdem er die Tiere zur Ader gelassen hat. „Das hört sich vielleicht dramatisch an, aber es ist auch nichts anderes als beim Blutspenden“, sagt er. „Einmal im Monat können die Tiere das problemlos verkraften.“

Der Landwirt und Tiermediziner hütet sein Vieh wie seinen Augapfel. „Es ist ein tolles Produktionssystem, das sich selbst gegen Infektionen verteidigt, die Temperatur hält und sich auch noch selbst vermehrt“, nennt er die Vorteile gegenüber der klassischen Arzneimittelproduktion in Metallbottichen. Dass er die Rinder täglich füttern muss, falle nicht in die Waagschale, meint der gebürtige Österreicher.

Schon heute werden Antikörper gegen Tumoren eingesetzt, beispielsweise Herceptin
gegen Brustkrebs. Solche Medikamente mobilisieren die T-Helferzellen
des Immunsystems und sorgen dafür, dass die Geschwulst von der körpereigenen Abwehr bekämpft wird.

Im Unterschied zu den verfügbaren Antikörper-Arzneien handelt es sich bei Brems Wirkstoff um einen bispezifischen Antikörper, der sich sowohl an die T-Zellen als auch an die Krebszellen heftet. „Deshalb wirkt er nur in der unmittelbaren Nähe von bösartigem Gewebe und ist viel zielgerichteter als herkömmliche Präparate“, erläutert der Firmenchef. Etwaige Nebenwirkungen sollten geringer ausfallen, glaubt er. Aufbauend auf diesem Prinzip hat er ein weiteres Präparat, ebenfalls mit zwei Bindungsstellen, gegen Prostatakrebs entwickelt. Es wird von transgenen Kaninchen auf seinem Hof erzeugt.

Die bisherigen Untersuchungsergebnisse stimmen Brem zuversichtlich: Als er Mäusen menschliche Hirntumorzellen einsetzte und dann den Antikörper verabreichte, ging die Zahl der Krebszellen zurück. Die Nager lebten länger als unbehandelte Tiere. Der Forscher ist deshalb überzeugt, dass der Wirkstoff auch bei Patienten anschlägt. Die Wirkung könnte lediglich dadurch geschmälert werden, dass die Antikörper neben menschlichen Eiweißanteilen auch solche der Kuh enthalten. Gegen diese könnte sich das Immunsystem der Patienten zur Wehr setzen. Brem räumt ein: „Ich weiß auch, dass Krebs schon Tausend Mal bei der Maus geheilt wurde und beim Menschen immer noch nicht in allen Fällen heilbar ist.“

Die Ethikkommission hat ihm grünes Licht für einen Heilversuch an 14 Patienten mit Hautkrebsmetastasen gegeben. Dafür muss der Antikörper allerdings in hochreiner Form vorliegen. Eine Aufwand, den Brem selbst nicht leisten kann. Er hofft deshalb auf einen Investor.

Eines steht für den Firmenchef jedenfalls fest: Mit anderen Methoden als dem Pharming ließe sich seine Arznei nicht in ausreichenden Mengen herstellen. „Das ist das Hauptmotiv, weshalb Firmen und Forscher in solchen Fällen auf Pharming umsatteln“, bestätigt Schnieke. „Es ist einfach preiswerter, solche Medikamente in transgenen Tieren herzustellen.“

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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