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Kultur der Schimpansen ist überraschend vielfältig

Schimpanse
Ein Schimpanse aus Goualougo in der Republik Kongo beim Termitenangeln. (Bild: Goulaougo Triangle Ape Project

Ähnlich wie wir nutzen Schimpansen in ihrem Alltag erlernte Techniken, um beispielsweise an Nahrung zu kommen. Wie vielfältig diese Form der Kultur bei den Menschenaffen ist, verdeutlichen nun Beobachtungen in Afrika. Statt der bisher nur zwei bekannten Varianten, Termiten aus ihrem Bau zu angeln, entdeckten Forscher dort 38 Techniken, die von den Schimpansen je nach Gruppe und Ort ganz unterschiedlich kombiniert werden.

Die Fähigkeit, von anderen zu lernen, ist eines der prägendsten Merkmale unsere Spezies. Denn erst durch diese gegenseitige Weitergabe von Fertigkeiten und Kulturtechniken entwickelte der Mensch sich bis auf seinen heutigen Stand weiter. Lange galten Traditionen und Kultur daher als spezifisch menschlich. Doch in den letzten Jahrzehnten haben Biologen auch bei einigen andern Tierarten, darunter den Menschenaffen, Indizien für ein solches kulturelles Lernen gefunden.

Schimpansen beim Termitenangeln

Ein Beispiel für Tiere „mit Kultur“ sind die Schimpansen. Sie haben im Laufe der Zeit ganz spezifische Techniken entwickelt, um an Nahrung zu kommen – und diese werden von Generation zu Generation innerhalb der Gruppe weitergegeben. Zu solchen Kulturtechniken gehört beispielsweise das Nüsseknacken, das Fischen nach Algen, die Nutzung von Höhlen oder auch das Angeln nach Termiten. Doch wie vielfältig ist die Kultur der Schimpansen? Und sind diese Techniken wirklich so komplex, dass die Affen sie nur voneinander gelernt haben können, statt sie unabhängig voneinander einfach immer wieder neu zu erfinden?

Um das zu klären, haben Christophe Boesch vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und seine Kollegen sich nun das Termitenangeln der Schimpansen näher angeschaut. Bisher ging man davon aus, dass es davon nur zwei grundlegende Varianten gibt – je nachdem, ob die Affen es mit einem Termitenhügel oder einem unterirdisches Termitennest zu tun haben. „Beim oberirdischen Angeln wird ein dünner Stock in einen Tunnel gesteckt, tief genug, damit sich Termitensoldaten darin verbeißen können“, erklären die Forscher. Der Schimpansen zieht den Stock dann heraus und leckt die Termiten ab. Bei der zweiten Variante nutzt der Schimpansen zuerst einen dickeren Stock, um im Boden bis in den Termitenbau zu bohren. Dann erst setzt er seine dünnere „Angel“ ein.

38 verschiedene Techniken in unzähligen Kombinationen

Für ihre Studie haben die Biologen nun mehr als 1600 Filmaufnahmen von Kamerafallen ausgewertet, die in den Territorien von zehn Schimpansengruppen in verschiedenen Regionen Afrikas installiert waren und die Tiere beim Termitenangeln aufgenommen hatten. Bei der Auswertung der Videos stellten Boesch und sein Team fest, dass die Schimpansen weit mehr als nur die beiden bisher bekannten Varianten dieses Verhaltens zeigten. Demnach gibt es mehr als 38 verschiedene Elemente – von der Körperhaltung über die verwendete Hand bis zur Abfolge der Schritte – die die Affen in jeweils unterschiedlicher Weise kombinieren. Typischerweise ähnelten sich dabei die innerhalb einer Affengruppe verwendeten Varianten.

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„Die Vielfalt der Techniken, die Schimpansen beim Angeln von Termiten anwenden, war für mich eine große Überraschung“, sagt Boesch. „Jede Gemeinschaft verfügt nicht nur über ihre ganz eigene Art des Angelns, sondern kombiniert auch eine Reihe verschiedener technischer Elemente in ganz eigenen Formen.“ So legen sich die Wonga Wongue Schimpansen in Gabun normalerweise auf die Seite, um Termiten zu fischen, während die Korup Schimpansen in Kamerun sich auf den Ellbogen stützen. Die Schimpansen aus Goualougo in der Republik Kongo wiederum sitzen beim Angeln. Da sich die ökologischen Umstände dieser Gruppen kaum unterschieden, führe die Wissenschaftler diese Unterschiede auf innerhalb der Gruppen weitergegebene Traditionen zurück – mit anderen Worten auf verschiedene Kulturen.

Kulturelle Vielfalt unterschätzt

Nach Ansicht von Boesch und seinem Team ähnelt die Vielfalt der Termitenangel-Kulturen dabei durchaus dem, was man beispielsweise bei der menschlichen Esskultur beobachten kann: „In Thailand und Japan zum Beispiel sind die Essstäbchen nicht nur irgendwie anders geformt, sondern auch die Art, wie sie gehalten werden, unterscheidet sich“, erklärt Boesch. Ähnlich sei es bei den Schimpansen: „In La Belgique in Kamerun formen Schimpansen ihre Stäbchen, indem sie sie zerfasern, um eine lange Bürste zu erhalten. Dann legen sie das mit Termiten bedeckte Stäbchen während des Essens auf ihr Handgelenk“, berichtet der Forscher. „An einem anderen Ort in Kamerun namens Korup hingegen machen die Schimpansen überhaupt keine Bürste und benutzen ihren Mund, um den eingeführten Stock zu schütteln, während er sich im Erdhügel befindet.“

Schon diese Beobachtungen an nur einer Verhaltensweise zeigen, dass die Schimpansen offenbar über weit mehr kulturelle Vielfalt verfügen als bislang gedacht. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich noch weit mehr solcher Variationen zeigen werden, wenn mehr Schimpansengruppen beobachtet und in ihrem Verhalten verglichen werden. Unter anderem deshalb haben Boesch und seine Kollegen schon im Jahr 2010 das Projekt „Pan African Programme: The Cultured Chimpanzee“ (PanAf) ins Leben gerufen. Dafür haben sie an über 40 Standorten in Afrika Kamerafallen platziert, Proben gesammelt und ökologische Daten aufgenommen. Die weiteren Auswertungen dieser Daten könnten daher noch einige Überraschungen bringen.

Quelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie; Fachartikel: Nature Human Behaviour, doi: 10.1038/s41562-020-0890-1

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Am 20. Mai 2020 endet eine vierjährige Übergangsfrist für das europaweite Verbot von aromatisierten Tabakprodukten. Dabei geht es vor allem um die berühmten Menthol-Zigaretten, die Helmut Schmidt so liebte. Böse Zungen behaupten, die 2-Euro-Münze mit seinem Konterfei sei ursprünglich mit rauchender Hand geplant gewesen, aber das ist natürlich nur eine Verschwörungstheorie.

Keine Verschwörungstheorie ist dagegen, dass Menthol die Atemwege kühlt und leicht betäubt und so das Inhalieren für Anfänger erleichtert. Eine Einstiegshilfe für Jugendliche also. Kein Wunder, dass die Tabakindustrie nach Alternativen sucht. Zufälligerweise hat die Reemtsma-Tochter Rizla, die Zigarettenpapier herstellt, eine „Aroma Card Menthol“ im Angebot, eine mit Menthol getränkte Karte. Die steckt man in die Zigarettenpackung, so dass die Glimmstängel nach einiger Zeit Mentholaroma haben.

Selbstverständlich ist das nur ein Angebot, damit Raucher/innen frei entscheiden können und auf keinen Fall eine Umgehung des Mentholverbots, wie manche Medien unter Berufung auf das Berliner „Forum Rauchfrei“ melden . Schließlich hat die Tabakindustrie keinerlei Interesse daran, dass Jugendliche mit dem Rauchen anfangen und womöglich noch abhängig werden. So was behauptet nur die Pharmaindustrie, hinter der steht Bill Gates und der will uns nur gegen Corona zwangsimpfen. Echt Alter, isch schwör.

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Disclaimer: Dieser Artikel könnte Spuren von Menthol Ironie enthalten.

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