Kurios: Nester aus Kippen - wissenschaft.de
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Kurios: Nester aus Kippen

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Credit: Thinkstock
Schnipp und schon liegt die Kippe auf dem Gehsteig ? schlechtes Benehmen für Menschen, für Spatzen aber aufmerksames ?Bereitstellung von Nistmaterial?, wie nun mexikanische Forscher entdeckt haben. Die kleinen Vögel bauen das Zellulosematerial der Zigarettenfilter nämlich gerne in ihre Nester ein. Es macht diese nicht nur weich und warm, sondern dient auch der Parasitenabwehr, zeigen die Untersuchungen der Forscher um Monserrat Suarez-Rodriguez von der Universidad Nacional Autonoma de Mexico.

Es juckt und piekt: Auch Vögel leiden unter Ektoparasiten, die ihr Blut anzapfen oder die Haut befallen. Das kann zu einem erheblichen Gesundheitsproblem werden, vor allem in der Brutzeit, denn ein Nest voller Küken ist für Parasiten ein Schlaraffenland. Es ist bereits bekannt, dass manche Vogelarten gezielt bestimmte Pflanzen in ihr Nest einbauen, wenn es stark von Parasiten wie beispielsweise Milben befallen ist. Wirkstoffe in diesen speziellen Nistmaterialien wirken dabei wie Pestizide und halten die lästigen Plagegeister fern.

Vor diesem Hintergrund lag die Vermutung nahe, dass Zigarettenstummel vielleicht ebenfalls diesen Effekt haben könnten, denn sie enthalten eine Substanz mit durchschlagender Wirkung: das Nikotin. Es verschafft Rauchern den Genuss, ist aber ursprünglich der selbstgemachte Kampfstoff der Tabakpflanze gegen Schädlinge. Nikotin wird sogar gezielt als Pflanzenschutzmittel eingesetzt, denn es hat eine tödliche Wirkung auf viele Insektenarten.

Um ihre Theorie zu überprüfen, sammelten die mexikanischen Forscher Nester von Sperlingen und Hausgimpeln in Stadtgebieten ein und untersuchten deren Gehalt an Zigarettenfiltern. Dabei offenbarte sich eine große Bandbreite: Manche Nester besaßen demnach keinerlei Kippen-Material, andere waren dagegen aus der Zellulose von bis zu 48 Stummeln gebaut. Insgesamt waren in rund 90 Prozent aller Nester Zigarettenfilter integriert, berichten die Forscher. Monserrat Suarez-Rodriguez und ihre Kollegen erfassten außerdem das Ausmaß des Milbenbefalls jedes einzelnen Nestes. So konnten sie die beiden Faktoren in Bezug setzten.

Mehr Kippen ? weniger Milben

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Die Auswertungen offenbarten eindeutig die Schutzwirkung der Zigarettenstummel: Je mehr Kippen-Material ein Nest besaß, desto weniger Milben trieben dort ihr Unwesen, berichten die Biologen. Um herauszufinden, ob bei diesem Effekt tatsächlich das Nikotin ausschlaggebend ist, das beim Rauchen im Filter zurückbleibt, führten sie weitere Experimente durch: Sie boten einer Horde Milben die Wahl zwischen einer Behausung aus Filtern, die von gerauchten Zigaretten stammten, und einem künstlichen Nest aus ?jungfräulichem? Filtermaterial. Ergebnis: Die Parasiten mieden die geräucherte Alternative und machten sich im rauchfreien Nest breit.

Die Forscher können allerdings noch nicht mit Sicherheit sagen, ob es allein der Nikotingehalt der Kippen ist, der die Milben abschreckt, oder ob auch andere Substanzen mitwirken, die durch Rauchen im Filter zurückbleiben. Doch der Endeffekt ist eindeutig: Die Verwendung des Zigarettenmülls als Nistmaterial wirkt wie eine Schädlingsbekämpfungsmaßnahme, sagen die Forscher. Ob die Tiere dies allerdings gezielt einsetzen, oder ob es sich nur um einen zufälligen Zusatzeffekt handelt, bleibt noch offen. Außerdem könnten das Nikotin oder andere giftige Stoffe in den Zigarettenstummeln langfristig auch schädlich für die Vögel sein, geben die Forscher zu bedenken.

Monserrat Suarez-Rodriguez (Universidad Nacional Autonoma de Mexico) et al.: Biology Letters, doi:10.1098/rsbl.2012.0931 © wissenschaft.de – Martin Vieweg
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