Interview mit Neonicotinoid-Hersteller Bayer »Landwirtschaft ist immer ein Eingriff« - wissenschaft.de
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Interview mit Neonicotinoid-Hersteller Bayer

»Landwirtschaft ist immer ein Eingriff«

Eine Honigbiene bei der Bestäubung einer Rapspflanze. Sie und ihre wilden Verwandten sind durch den Einsatz von Pestiziden bedroht. (Bild: Bayer AG)

Neonicotinoide stehen im Verdacht, für das Insektensterben verantwortlich zu sein. Zu Recht? Der Bayer-Konzern, der diese Pestizide entwickelt und Anfang der 90er Jahre auf den Markt gebracht hat, nimmt im natur-Interview Stellung.

Seit rund drei Jahrzehnten verkauft Bayer sogenannte Neonicotinoide, eine Gruppe von Insektengiften, die der Konzern einst erfunden hat. Sie stehen im Verdacht, beim weltweiten Bienen- und Insektenschwund eine unrühmliche Rolle zu spielen. Die EU hat inzwischen drei von fünf in Europa zugelassenen Neonicotinoiden verboten, weltweit warnen Wissenschaftler vor einem „ökologischen Armageddon“. In der Titelgeschichte von natur 3/20 („Giftige Saat“) wird dem Chemieriesen von diversen Seiten vorgeworfen, im Zusammenhang mit den Neonicotinoiden Studien beeinflusst sowie kritische Wissenschaftler und Imker eingeschüchtert zu haben. Der Toxikologe Henk Tennekes unterstellt Bayer gar, schon frühzeitig um die wahren Gefahren der „Neonics“ für Nichtschädlinge gewusst, sie jedoch ignoriert zu haben. Im Rahmen dieser Recherchen hatte natur auch Bayer um eine Stellungnahme gebeten. Anfang des Jahres schließlich erklärte der Pestizidhersteller sich zu einem Interview bereit.

Es ist ein strahlend blauer Februarmorgen, als wir mit dem Bus von Leverkusen nach Monheim fahren, wo die „Division Crop Science“ der Bayer AG ihren Sitz hat.  Inmitten des campusartigen Areals befindet sich Gebäude 6200, das „Bee Care Center“. Hier empfängt uns Christian Maus, Herr der Bienen bei Bayer, zum Gespräch. Im Folgenden finden Sie Auszüge dieses Interviews. Das komplette Interview erscheint in der April-Ausgabe von natur, die ab dem 20. März erhältlich ist.

natur: Wie lange dauert es, bis Insektizide wie das Neonicotinoid „Imidacloprid“ zugelassen werden? Und wie teuer ist die Entwicklung?
Maus: Generell kann die Entwicklung eines Produkts leicht acht bis zehn Jahre dauern. Und in der Regel werden einige Hundert Millionen Euro investiert. Für die Zulassung müssen Sie den Behörden viele Studien vorlegen. Unabhängige Wissenschaftler allerdings kritisieren, dass ihnen diese Daten nicht zugänglich sind. Wir haben 2017 eine Transparenz-Initiative gestartet. Seitdem können Sie immer mehr dieser Studien auf unserer Webseite www.cropscience-transparency.bayer.com abrufen.

Pestizidhersteller dürfen ihre Mittel vor der Zulassung größtenteils selbst testen. Es könnte der Verdacht aufkommen, dass Bayer und Co. sich für die Produkte, die sie auf den Markt bringen, selbst das Zeugnis ausstellen.
Das Zeugnis stellen ja nicht wir aus. Wir schreiben nur die Klassenarbeit. Und die Aufgaben der Klassenarbeit stellen uns die Zulassungsbehörden. Sie geben genau vor, welche Studien wir durchführen müssen. Denn wir dürfen diese Studien nicht machen. Wir sind verpflichtet, sie zu machen. Es wäre ja nicht fair, wenn der Steuerzahler die Kosten dafür tragen müsste.

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Es gab verschiedene Studien, etwa in Frankreich, die nahelegen, dass Neonicotinoide zum Bienensterben beitragen. Sie dagegen sagen, es gebe keinen Zusammenhang. Wie kommen diese Forscher dann darauf?
Was in der Diskussion oft durcheinander geht, sind auf der einen Seite die potenziellen Effekte, die eine Substanz hat – und auf der anderen Seite die Frage, was damit unter Praxisbedingungen tatsächlich geschieht. Dass eine Substanz ein Potenzial für schädliche Effekte hat, heißt noch nicht, dass sie in der Realität auch wirklich schadet.

Es wurden auch Feldstudien gemacht – teils von sehr angesehenen Organisationen wie dem staatlichen französischen Forschungsinstitut INRA –, die nachweisen, dass Neonicotinoide negative Effekte auf Bienen haben können, auf die Sie selbst zuvor nicht gestoßen waren.
Wir würden definitiv nicht sagen, dass diese Institutionen solche Studien falsch oder schlechter machen als wir. Allerdings möchte ich betonen, dass es in dem genannten Fall auch andere, unter realistischeren Feldbedingungen durchgeführte Studien gibt – und in denen haben sich dann eigentlich auch keine Schadeffekte auf Bienenvölker gezeigt.

Wie können Sie garantieren, dass das Gift der Neonicotinoide nur die Schädlinge und keine anderen Lebewesen schädigt?
Außer den Bienen gehören natürlich auch die sonstigen sogenannten Nichtzielarthropoden zu den Organismen, die im Rahmen der Risikoabschätzung getestet werden müssen. Sowohl an einzelnen Arten im Labor, als auch an ganzen Artengemeinschaften unter Feldbedingungen haben wir zahlreiche Studien gemacht. Auch Langzeitstudien. Auf dieser Datengrundlage können wir uns sicher sein, dass an diesen Nichtzielarthropoden bei sachgerechter Anwendung keine unvertretbaren Schädigungen passieren können.

Die Maiswurzelbohrerlarve, der Schädling, stirbt? Und der Springschwanz, ein durchaus willkommener Bodenbewohner, hat ein bisschen Kopfweh, aber danach geht’s ihm wieder besser?
Auch eine Springschwanzart zählt zu den Standardorganismen, die für jede Bodenanwendung getestet werden müssen. Und der Gesetzgeber gibt genau vor, welche Effekte, welche Auswirkungen innerhalb der Behandlungsfläche zulässig sind. Es wird niemals ein Pflanzenschutzmittel geben, das absolut spezifisch nur eine einzige Art adressiert. Deshalb wird ein gewisser Umfang an Effekten auf andere Arten gemäß der Zulassungsvorschriften als akzeptabel bezeichnet.

Was ist akzeptabel? Was sind vertretbare Schädigungen?
Die negativen Effekte auf Arten, gegen die sich ein Mittel nicht richtet, müssen zum Beispiel zeitlich begrenzt sein. Wenn wir ein Mittel auf den Markt bringen, müssen wir nachweisen, dass bei solchen etwaigen Effekten in der Behandlungsfläche innerhalb der Saison eine Wiedererholung eintritt.

Heißt das, Sie sind der Meinung, dass Neonicotinoide keine dauerhaften negativen Effekte auf Bienen und andere Insekten außer den Schädlingen haben?
Lassen Sie es mich so sagen: Neonicotinoide haben, wenn sie korrekt angewendet werden, keine vom Gesetzgeber als unakzeptabel eingestuften Effekte auf Nützlingspopulationen oder Bienenvölker.

Mit so einem Satz sind Sie juristisch auf der sicheren Seite.
Ja gut, das ist präzise. Um es ganz klar zu sagen: Ein Insektizid hat natürlich Effekte gegen Insekten. Aber Landwirtschaft ist immer ein Eingriff in die Natur. Das ist ja auch so bezweckt. Wir wollen auf unseren Feldern in erster Linie bestimmte Kulturpflanzen anbauen. Und um dies zu gewährleisten, müssen wir in die Natur eingreifen. Indem wir zum Beispiel Wald roden, um Platz für Felder zu schaffen. Indem wir pflügen. Indem wir düngen. Und natürlich auch, indem wir Pflanzenschutz anwenden. Gewisse negative Effekte werden sich niemals ganz vermeiden lassen.

Können Sie kurz erklären, wie Neonicotinoide wirken?
Sie rufen eine Überreizung der Nervenzellen hervor, die für das Schadinsekt tödlich ist.

Diese Insektizide docken an bestimmten Rezeptoren an und blockieren sie, richtig?
Ja. Diese Bindung ist allerdings reversibel, also nicht endgültig. Sie kann rückgängig gemacht werden.

Das ist doch sehr umstritten, oder?
Dazu haben wir neue Daten, die wir demnächst in einer Publikation zusammenfassen. Sie belegen, dass es eine reversible, also nur vorübergehende Bindung ist.

Wäre man bei der Markteinführung von Neonicotinoiden zurückhaltender gewesen, wenn sie sich als irreversibel herausgestellt hätte?
Wenn wir Effekte vorgefunden hätten, die wir nicht erklären können oder die dazu führen, dass die Produkte nach den gesetzlichen Anforderungen nicht sicher sind, dann hätten wir natürlich weitere Studien durchgeführt.

Bereits im Jahr 1991, also ein Jahr vor der Zulassung des ersten Neonicotinoids Imidacloprid in der EU, wurde in einer Bayer-Publikation eine Studie veröffentlicht, wonach Imidacloprid zu einer „nahezu irreversiblen“ Blockierung der Rezeptoren führt.
Zum einen: Was letztlich für die Zulassung eines Produkts ausschlaggebend ist, ist das Ergebnis der Studien im Zulassungsverfahren. Darüber hinaus sind wir immer sehr bemüht, die Wirkmechanismen hinter unseren Produkten noch besser zu verstehen, und machen deshalb eine Menge zusätzlicher Studien – die aber nicht Teil des Zulassungsverfahrens selbst sind. Zum anderen ist die von Ihnen angesprochene Studie rund 30 Jahre alt. Mittlerweile wissen wir mehr. Wir haben bessere Daten, die den heutigen Kenntnisstand widerspiegeln, und auf dieser Basis können wir heute sagen, dass es keine irreversible Bindung ist. Ich denke, es ist normal, dass Erkenntnisse revidiert werden müssen, weil sich die Methoden weiterentwickeln.

Vieles spricht inzwischen dafür, dass die industrielle Landwirtschaft stark zum Insekten- und Artensterben beiträgt. Können wir weitermachen wie bisher?
Ich glaube, dass der Pflanzenschutz der Zukunft so eine Art Werkzeugkasten sein wird. Der Landwirt kann sich aus neuartigem Saatgut, aus mechanischen Methoden, aber nach wie vor auch chemischen Mitteln – die durch digitale Unterstützung immer gezielter und damit sparsamer eingesetzt werden können – einen maßgeschneiderten Modulbaukasten zusammenstellen, der die beste Balance zwischen Effektivität und Umweltschutz darstellt. In diese Richtung forschen wir bereits.

Damit verzichten Sie womöglich auf einen Gutteil ihres bisherigen Geschäftsmodells: den massenhaften Absatz von Pestiziden.
Wie gesagt, Landwirtschaft hat zwangsläufig Auswirkungen auf die Natur. Aber wir müssen versuchen, an allen Stellschrauben zu drehen, um diese Auswirkungen möglichst klein zu halten.

Sie finden also auch, dass diese Auswirkungen derzeit zu groß sind?
Dass wir besser werden wollen, bedeutet nicht, dass das, was wir jetzt tun, schlecht ist. Wir wollen eben immer optimieren. Das ist kein Problem. Das ist eine Investition in Fortschritt.

 

Christian Maus, 51, hat Biologie mit den Schwerpunkten Insektenkunde und Evolutionsbiologie an der Universität Freiburg studiert. Anschließend promovierte er dort über die molekulare Evolution von Insekten. Seit 2000 ist er in verschiedenen Positionen für die Bayer AG tätig. Von 2016 bis 2019 war er wissenschaftlicher Leiter des Bayer Bee Care Centers. Seit 2019 ist er leitender Wissenschaftler im Bereich Umweltsicherheit bei „Bayer Crop Science“.

 

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