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Leistenbruch-Operation: Immer mehr Kliniken bieten Eingriff "durchs Schlüsselloch" an

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Operation "durchs Schlüsselloch". Bild: Wikipedia.
„Man hebt sich einen Bruch“, heißt es im Volksmund. Tatsächlich glaubten Ärzte früher, dass sich ein Leistenbruch beim Anpacken schwerer Gegenstände bildet. „Das ist jedoch völlig falsch. Ein Leistenbruch ist eine angeborene Schwachstelle im Gewebe der Leistenregion, die sich im Laufe des Lebens allmählich vergrößert, bis schließlich ein regelrechtes Loch im Gewebe klafft“, stellt Klaus Höllenriegel, praktizierender Arzt und Spezialist für minimalinvasive Chirurgie in München, klar.

Besonders leicht geschieht ein Leistenbruch, wenn das Bindegewebe ohnehin schwach ist oder Muskeln und Bänder Bauch und Hüften nicht ausreichend schützen. Oft misst der Riss zunächst nur wenige Zentimeter. Doch der ständige Druck durch das Gedärm im Bauchraum weitet die Verletzung zu einem regelrechten Loch auf. Bei jeder Bewegung versuchen Fett und Darmwölbungen, sich in die Lücke zu zwängen. Wenn Nerven in den Spalt rutschen, beginnen peinigende Schmerzen. Früher oder später ist der Bruch auch äußerlich durch eine kleine Beule in der Leistengegend zu erkennen. „Bei den meisten Menschen kann man den Bruch mit den Fingern bereits spüren. Spätestens im Ultraschall ist er nicht mehr zu übersehen“, erklärt Höllenriegel.

Bei allen Patienten muss der Bruch operiert werden. Nur so werden sie die Schmerzen wieder los. Bei der herkömmlichen Methode, der so genannten offenen Operation, werden die Bauchmuskeln und das Bauchfell dazu in der Leistengegend aufgeschnitten. Je nach Leibesfülle des Patienten können diese Schnitte bis zu 15 Zentimeter lang sein. Hingegen werden bei der Schlüsselloch-Chirurgie drei kleine Öffnungen gesetzt, zwei davon je einen halben Zentimeter und eine einen Zentimeter groß. „Dadurch wird so gut wie kein Gewebe verletzt. Vor allem werden keine Nerven durchtrennt“, erklärt Richard Merkle, Oberarzt an der Chirurgischen Klinik in Bogenhausen. An der Klinik werden verschiedene Leistenbruch-Operationstechniken angewandt.

Durch die winzigen Öffnungen wird ein Endoskop geschoben, eine Art Schlauch, durch den dann ein Kunststoffnetz ins Körperinnere bugsiert wird. Das Implantat wird zwischen Muskelwand und Bauchfell so ausgebreitet, dass es den Riss spannungsfrei überdeckt. Zumeist wird das etwa handtellergroße Netz mit Metallklammern an der Bauchmuskulatur festgetackert. Höllenriegel bevorzugt jedoch eine Variante, bei der das Netz lediglich lose in Position gebracht wird, weil dabei garantiert keine Nerven eingeklemmt würden. In beiden Fällen verhindert die Abdeckung fortan, dass Darmteile in die Lücke im Bindegewebe fallen. Außerdem nimmt das Implantat mit seiner gesamten Fläche den Druck auf, der beispielsweise beim Heben eines Gegenstandes auf dem Bauchraum lastet. Auch bei der klassischen Operationstechnik wird deshalb das Netz eingesetzt.

Allerdings müssen die Patienten nach der offenen Operation einige Wochen auf Sport verzichten. „Bei der minimalinvasiven Methode können sie noch am selben Tag das Bett verlassen, und nach zehn Tagen können auch Spitzensportler wieder ihr Training aufnehmen“, berichtet Merkle.

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Das Schlüsselloch-Verfahren liefert kosmetisch das bessere Ergebnis, weil die winzigen Einstichstellen rasch wieder zuwachsen, ohne Narben zu bilden. „95 Prozent der Patienten benötigen am nächsten Tag kein Schmerzmittel“, ergänzt Merkle. Auch sei die Gefahr, dass das Bindegewebe innerhalb der nächsten zehn Jahre erneut reißt und es wieder zu einem Leistenbruch kommt, bei der minimalinvasiven Technik am geringsten. Bei der offenen Operation würde jeder sechste Patient im Laufe seines Lebens wieder einen Bruch erleiden.

„Die meisten Patienten wünschen sich eine minimalinvasive Operation“, erzählt Höllenriegel. Nur in wenigen Fällen müssen die Ärzte aus medizinischen Gründen davon abraten, etwa bei schweren Herz- oder Lungenerkrankungen. Die Kosten werden von privaten Krankenversicherern immer, von den gesetzlichen Kassen nur je nach Praxis oder Klinik übernommen.

Doch obwohl sich die Schlüsselloch-Operation für viele Patienten eignet, werden die meisten Menschen bis heute nach der althergebrachten Methode operiert. „Nur rund ein Viertel der Patienten wird minimalinvasiv behandelt“, schätzt Höllenriegel. Viele Kliniken bieten auch gar keine andere Technik an. „Die neue Methode ist viel aufwändiger für den Operateur und erfordert langjährige Erfahrung. Dafür müssen eigens Geräte angeschafft werden. Das schreckt viele Chirurgen ab“, klagt der Mediziner.

Die Popularität der Schlüsselloch-Variante wird dennoch weiter zunehmen, glaubt Höllenriegel. „Der Blinddarm kann heute auch minimalinvasiv entfernt werden. Das ist besser für die Patienten, durchgesetzt hat sich’s trotzdem noch nicht“, zieht er einen Vergleich. Medizinischer Fortschritt braucht eben Zeit.

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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