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Lepra bei Eichhörnchen entdeckt

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Eichhörnchen mit Lepra-Symptomen am Ohr. Credit © Dorset Wildlife Trust
Seit etwa hundert Jahren erkranken zwar keine Menschen mehr in Europa an Lepra – doch offenbar gibt es noch immer „Aussätzige“: Eichhörnchen. Einer Untersuchung zufolge sind viele der Nager in Großbritannien und Irland mit Bakterien infiziert, die beim Menschen Lepra verursachen. Bei einem der Erreger handelt es sich sogar um genau diejenige Version, die im Mittelalter so viele Menschen zu Aussätzigen gemacht hat. Dennoch geht von den Tieren wohl kaum eine Ansteckungsgefahr für den Menschen aus, beruhigen die Forscher. Für das ohnehin schon bedrohte europäische Eichhörnchen könnte die Lepra aber eine zusätzliche Belastung darstellen.

Sie verhüllten ihre entstellten Körper mit Bandagen, mussten eine Warn-Glocke tragen und wurden gemieden: Das „Gespenst“ des Aussätzigen gehörte einst zum Alltag im mittelalterlichen Europa. Schätzungen zufolge gab es unter 30 Menschen durchschnittlich bis zu einen Leprakranken. Doch ab dem 16. Jahrhundert verschwanden die gruseligen Gestalten zunehmend. Es gibt Vermutungen, dass die Bevölkerung in Europa über die Generationen hinweg Resistenzen entwickelte, wodurch die Infektionsketten schließlich unterbrochen wurden. Weltweit sind allerdings noch immer etwa 200.000 Menschen betroffen, was vor allem auf mangelnde Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern zurückzuführen ist. Denn eigentlich ist Lepra heute durch Antibiotika gut behandelbar.

„Aussätzige“ Nager

Verursacht wird sie durch die Erreger Mycobacterium leprae beziehungsweise  Mycobacterium lepromatosis. Beim Menschen löst die Infektion Knoten und Flecken in der Haut aus. Im Gesicht verschmelzen diese oft zu einem sogenannten „Löwengesicht“, das die Betroffenen grausam entstellt. Im weiteren Verlauf können außerdem Geschwüre entstehen, die viele verschiedene Gewebe zerfallen lassen. Die Betroffenen verlieren auch das Gefühl für Kälte, Wärme und Schmerz. Dadurch verletzen sie sich oft oder Wunden bleiben unbehandelt. Daher wird der Lepra nachgesagt, ein Abfallen von Körperteilen zu verursachen.

Bisher war nur bekannt, dass die menschlichen Lepra-Bakterien auch das amerikanische Gürteltier befallen können. Doch dann wurden Forscher auf europäische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) in Großbritannien und Irland aufmerksam, die verdächtig aussehende Symptome aufwiesen: beispielsweise entstellte Ohren oder kahle Stellen im Fell. Dies führte nun zu einer systematischen Untersuchung von insgesamt 110 Eichhörnchen, die ein Team um Stewart Cole von der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne durchgeführt hat.

Die Analysen ergaben: Die Tiere waren tatsächlich mit Lepra-Erregern infinziert und auch viele Eichhörnchen ohne äußerliche Symptome trugen die Bakterien in sich. Besonders bizarr waren dabei die Erreger von Eichhörnchen von der britischen Insel Brownsea im Süden Englands: Sie ähnelten stark dem Stamm von Mycobacterium leprae, dessen Erbgut aus den 730 Jahre alten Überresten eines Lepra-Opfers aus der nahen Stadt Winchester isoliert worden waren. „Es war überraschend zu sehen, dass Jahrhunderte nach dem Verschwinden beim Menschen M. leprae noch immer Erkrankungen bei Eichhörnchen verursacht“, sagt Cole. „Das ist bisher unentdeckt geblieben.“

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Bei den Lepraerregern, welche die Forscher bei den Eichhörnchen in anderen Teilen Englands sowie bei Tieren aus Schottland und Irland gefunden haben, handelt es sich hingegen um das Bakterium Mycobacterium lepromatosis. Dieser Erreger verursacht heute in Südamerika Lepra-Fälle. Die Studie zeigt, dass Erreger heimlich in der Natur überdauern können, auch wenn sie aus der menschlichen Bevölkerung verschwunden sind, sagen die Forscher.

Keine Gefahr für den Menschen

Doch geht nun von den Eichhörnchen eine Ansteckungsgefahr für den Menschen aus? „Es gibt keinen Grund zur Panik“, beruhigt Co-Autor Andrej Benjak. Wenn es häufig zu Übertragungen kommen würde, dann wäre dies bekannt. „Allerdings können wir nicht ausschließen, dass es manchmal zu unerkannten Infektionen gekommen ist“, so der Forscher. Darauf sollte man ihm zufolge nun vielleicht besser achten. „Der nächste logische Schritt ist, die Eichhörnchen-Bestände außerhalb der britischen Inseln zu überprüfen“, sagt Benjak. Aber auch dabei ist ihm zufolge keine große Sorge angesagt: „Selbst wenn es Lepra auch bei Eichhörnchen in Kontinentaleuropa gibt, ist das Risiko einer Übertragung auf den Menschen gering – wegen des begrenzten Kontakts und einem Verbot der Jagd auf diese Tiere in den meisten europäischen Ländern“, betont Benjak.

Co-Autorin Anna Meredith von der University of Edinburgh sieht ebenfalls keine Bedrohung für den Menschen, allerdings durchaus für die Tiere: „Die Entdeckung der Lepra sollte kein Anlass zur Sorge für die Menschen in Großbritannien sein, der Fund ist aber aus der Sicht des Schutzes der Eichhörnchen besorgniserregend. Wir müssen nun herausfinden, wie und warum die Krankheit unter ihnen grassiert und übertragen wird, so dass wir das Problem besser managen können“, so Meredith.

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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