Lichtverschmutzung macht Fische waghalsig - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Lichtverschmutzung macht Fische waghalsig

Bunte Versuchstiere: Guppys wurden unterschiedlichen nächtlichen Beleuchtungen ausgesetzt. (Foto: David Bierbach, IGB)

Der Mensch macht vielerorts die Nacht zum Tage – mit bekanntermaßen negativen Folgen für Vögel und Insekten. Doch möglicherweise beeinflusst das nächtliche Kunstlicht nicht nur das Verhalten von Landlebewesen, lässt eine Studie deutscher Forscher vermuten: Licht in der Nacht macht Fische am Tage in kritischer Weise risikobereit, geht aus ihren Verhaltensexperimenten mit Guppys hervor.

Tiefe nächtliche Dunkelheit – viele Menschen kennen dies kaum noch, denn unsere Welt wird in der Regel stets von irgendwelchen Lichtquellen erhellt. Wie Studien der letzten Jahre gezeigt haben, kann das Licht von Straßenlaterne und Co auf vielfältige Weise Ökosysteme beeinflussen. Man spricht in diesem Zusammenhang von Lichtverschmutzung. Vor allem nachtaktive Tiere wie Insekten oder Vögel reagieren irritiert, da sie bei ihren nächtlichen Ausflügen durch die künstlichen Lichtquellen fehlgeleitet werden. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass die Nachtbeleuchtung auch das Verhalten von Tieren am Tag beeinflussen kann.

Guppys im Lichtstress

Ob das auch für Fische gilt, hat nun das Team um Ralf Kurvers vom Max-Planck Institut für Bildungsforschung in Berlin untersucht. Als Modellorganismus diente ihnen dazu ein bekannter Aquarienbewohner: der Guppy (Poecilia reticulata). Im Rahmen der Studie untersuchten die Wissenschaftler drei Gruppen der Fische, die jeweils für zehn Wochen unterschiedlichen nächtlichen Beleuchtungen ausgesetzt waren. Die erste Gruppe wurde nachts bei völliger Dunkelheit gehalten. Die zweite bekam schwaches Licht ab – vergleichbar mit der Intensität, wie sie von einer Straßenlaterne ausgeht – nur wenig heller als bei Vollmond. Für die dritte Gruppe gab es keinerlei Dunkelphase – sie erhielten Dauerbeleuchtung auf Tageslicht-Niveau.

Es zeigte sich: Die Fische wurden durch die starke, aber auch durch die schwache Lichtverschmutzung nicht nur nachts aktiver, sie kamen auch tagsüber häufiger aus ihren Verstecken: Sie schwammen auffällig häufig in die Mitte des Aquariums. Sie zeigten also eine erhöhte Risikobereitschaft – sie scheinen unerschrockener auf Fressfeinde zu reagieren, erklären die Wissenschaftler. Weitere Verhaltensauffälligkeiten stellten die Forscher jedoch nicht fest.

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Leichtere Beute?

„Wir vermuten, dass das nächtliche Licht ein Stressfaktor für die Tiere darstellt. Fische werden unter Stress generell mutiger”, erklärt Kurvers. Auch beim Menschen ist bekannt, dass, wer die Nacht zum Tage macht, mit Verschiebungen verschiedener Hormonsysteme rechnen muss, die mit der sogenannten Stressachse verknüpft sind. Beispielsweise zeigen Feuerwehrleute, die nachts arbeiten müssen, häufig erhöhte Cortisol-Level – ein klares Anzeichen für Stress.

Was die Ergebnisse im Fall der Fische genau bedeuten, muss nun allerdings weiter untersucht werden. Unklar ist beispielseise, ob sich der Effekt auf andere Fischarten übertragen lässt und welche konkreten Folgen er für die Wasserbewohner haben könnte. „Die Konsequenzen für die mutigeren Fische lassen sich schwer abschätzen – es ist aber möglich, dass sie häufiger von Vögeln gefressen werden”, sagt Co-Autor David Bierbach vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. In jedem Fall zeichnet sich aber erneut ab, wie subtil, aber möglicherweise bedeutsam sich Veränderungen durch den Menschen auf die Natur auswirken können.

Quelle: Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Scientific Reports DOI:10.1038/s41598-018-32466-3

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Die “starke bäuerlich-handwerklich-kaufmännische Ausrichtung” des bisherigen Rechenunterrichts genügt nach jüngsten pädagogischen Forschungen nicht mehr den modernen Anforderungen. Denn das Rechnen mit Zahlen, das vor allem schematisches Denken erfordert, wird im Berufsleben mehr und mehr von Maschinen erledigt.

Die neue Mathematik, die auf der sogenannten Mengenlehre basiert, soll dagegen logisches und analytisches Denken fördern. Die Erstkläßler beispielsweise müssen eine Menge von eckigen und runden, roten und blauen, großen und kleinen Figuren nach Form, Farbe und Größe sortieren. Durch diese Methode, die von Schuljahr zu Schuljahr anspruchsvoller wird, soll bei den Schülern — so die nordrhein-westfälischen Richtlinien — die “Fähigkeit des Ordnens … des Erfassens von Strukturen entwickelt werden”.

So der SPIEGEL am 16. März 1970, also vor genau 50 Jahren, zu einem neuen Lehrplan, dessen Erprobung für zwei oder vier Jahre damals gerade begann.

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Vier Jahre später, am 25. März 1974, schrieb er unter der Überschrift Mengenlehre: „3 + 5 = 5 + 3“ über Proteste und Prozesse gegen die Mengenlehre an Grundschulen.

Geschweifte Klammern und Ellipsen, in die immer neue und immer andere Mengen geschrieben oder gezeichnet werden, füllen viele Hefte. Väter und Mütter, die pflichtbewußt den Bestseller “Eltern lernen die neue Mathematik” oder ein anderes der fünf Dutzend Elternbücher gelesen oder einen Kurs an der Volkshochschule besucht haben, sind ihren Kindern wenigstens in der Erkenntnis voraus, daß es Mengen in Unmengen gibt: unter anderem Grund-, Teil-, Vereinigungs-, Ergänzungs-, Schnitt-, Unterschieds-, Null-, Verbindungs-, Rest-, Produkt-Lösungsmengen.

Aber selbst allabendlich strebend bemühten Eltern fällt es oft schwer, mit ihren Sprößlingen mitzuhalten oder ihnen zu helfen, wenn sich die Begriffe verwirren.

Von Mächtigkeit reden Achtjährige und meinen nicht Könige oder Kanzler, sondern Mengen von Haselnüssen und Rosinen. Und wenn sie sagen, irgend etwas sei irgend etwas anderem “eineindeutig” zuzuordnen, dann stottern sie nicht, sondern sind stolz darauf, daß sie dem Vater auch dann überlegen sind, wenn er Abitur und Doktortitel besitzt. Laut Mengenlehre-Gegner Hans Stahl (Stuttgart) “sehen die Kinder früh, zu früh, ihre Eltern hilflos und unwissend. Damit schwindet die Achtung, die Kinder können nicht mehr ihre Eltern fragen, deren Vorbild verblaßt”.

Klare Kampflinien gab es immerhin zwischen den akademischen Disziplinen:

Während Ärzte, Ärztekammern und -verbände vorerst nur vereinzelt gegen die Mengenlehre kämpfen, hat sich eine andere akademische Sparte fast vollzählig mit den empörten Eltern verbündet. Es sind die Universitätsprofessoren für Mathematik, die von der Art, wie Mengenlehre derzeit an deutschen Grundschulen betrieben wird, nicht viel mehr als nichts halten.

Mengenlehre sei zwar, argumentiert die “Deutsche Vereinigung für mathematische Logik”, eine “wichtige mathematische Disziplin”, aber für die Schule kaum geeignet. Dort könne es allenfalls eine “Gebrauchsmengenlehre” geben, die “eher eine Sprache als ein eigener mathematischer Stoff” sei und deshalb im Zusammenhang mit anderen Stoffen “allmählich und zwanglos eingeführt werden” solle.

Die Gegenpartei bilden, nahezu ebenso geschlossen, die Professoren für Didaktik der Mathematik, die an den Pädagogischen Hochschulen tätig sind. Sie sind auch als Schulbuch-Autoren bemüht, der Grundschule das neue Gebiet zu eröffnen, um Anschluß an die weiterführenden Schulen zu halten.

Es lohnt sich, den langen Artikel in Gänze zu lesen.

Meine Frage an die Leser: wer ging damals zur Schule und kann sich noch an die „neue Mathematik“ erinnern? Im Rückblick 50 Jahre später: hat der andersartige Mathematikunterricht eher genutzt oder geschadet? Ich bin gespannt.

http://scienceblogs.de/mathlog/2020/03/13/macht-mengenlehre-krank/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=macht-mengenlehre-krank

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