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Umwelt+Natur

Liebevoll gegenüber den Sterbenden

Schimpansen gehen mit dem Tod älterer Artgenossen in vielerlei Hinsicht ähnlich um wie Menschen: Sie kümmern sich in den letzten Stunden intensiv um den Kranken, halten nach seinem Ableben Wache an seinem Körper, spenden sich gegenseitig Trost und trauern noch Tage bis Wochen später. Das konnten britische Forscher jetzt erstmals in einem Safari-Park beobachten, in dem ein älteres Weibchen aus einer Gruppe von vier Schimpansen im Alter von über 50 Jahren friedlich starb. Im Gegensatz dazu fällt die Reaktion der Menschenaffen vollkommen anders aus, wenn der Tod plötzlich eintritt, wie eine andere Beobachtung in einem Park in Guinea zeigt: Die Mütter tragen die Leichname ihrer Kinder noch wochenlang mit sich herum, selbst dann, wenn diese bereits vollkommen mumifiziert sind. Über ihre Erfahrungen mit den Schimpansen berichten die Forscher um James Anderson von der Universität in Stirling sowie Dora Biro von der Universität Oxford.

Die Schimpansendame Pansy war vor ihrem Tod bereits längere Zeit krank und schwach gewesen. Mit Hilfe von Videokameras im Gehege konnten Anderson und seine Kollegen die Vorgänge rund um ihren Todeszeitpunkt äußerst genau rekonstruieren. So berührten Pansys Mitbewohner ? ihre Tochter Rosie sowie die Schimpansendame Blossom und deren Sohn Chippy ? sie in den letzten zehn Minuten ihres Lebens ungewöhnlich häufig. Sobald sie jedoch kein Lebenszeichen mehr von sich gab, hörten sie sofort damit auf. Rosie blieb in der folgenden Nacht in direkter Nähe des Leichnams, während Blossom und Chippy unruhig schliefen und sich überdurchschnittlich häufig gegenseitig lausten. Am nächsten Morgen entfernten die drei Schimpansen Strohreste von Pansys Leichnam, bevor dieser von den Pflegern aus dem Gehege gebracht wurde.

Auch in den folgenden Wochen wirkten die drei Überlebenden niedergeschlagen: Sie fraßen weniger und waren ungewöhnlich ruhig. Zudem vermieden sie es, auf der Plattform zu schlafen, auf der Pansy gestorben war ? obwohl dies zuvor einer der begehrtesten Schlafplätze gewesen war. Man könne daraus durchaus folgern, dass Schimpansen entgegen früherer Annahmen wissen, was Tod bedeutet, schließen Anderson und seine Kollegen. Zudem scheinen einige Verhaltensweisen im Angesicht des Todes evolutionär älter zu sein als vermutet. Die Forscher empfehlen daher, den Umgang mit sterbenskranken oder alten Menschenaffen zu überdenken.

Völlig anders gehen Schimpansen offenbar mit dem Tod um, wenn er unvorhergesehen eintritt. Das zeigt sich vor allem am Beispiel von zwei Schimpansenmüttern aus Guinea, deren Kinder einer Atemwegserkrankung zum Opfer fielen: In beiden Fällen trugen die Mütter die Leichen noch 19 beziehungsweise 68 Tage mit sich herum und betrieben trotz fortschreitender Verwesung auch weiterhin Fellpflege. Erst nach der vollständigen Mumifizierung der Leichname verringerte sich die Intensität des Interesses, bis die Weibchen die toten Körper schließlich verließen ? möglicherweise, weil ihr Körper zu der Zeit eine hormonelle Umstellung durchmachte und sich auf neuen Nachwuchs vorbereitete. Im Gegensatz zu Pansys Fall bleibe hier allerdings die Frage offen, ob die Mütter den Tod ihrer Kinder tatsächlich realisiert hatten, so die Forscher. Um das zu beantworten, seien weitere Daten nötig.

James Anderson (Universität in Stirling) und Dora Biro (Universität Oxford) et al.: Current Biology, Bd. 20, S. R349 und R351 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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