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Lindenbäume als Hummelkiller

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Leblos unterm Baum statt frei fliegend: Immer wieder kommt es unter Silberlinden zu Massensterben von Hummeln (Foto: TheGift777/iStock)
Seit Jahrzehnten werden immer wieder massenhaft tote Hummeln und Bienen unter den als Straßenbaum beliebten Silberlinden gefunden. Zu den möglichen Ursachen kursieren zwar mehrere Hypothesen, eine eindeutige Erklärung aber gibt es bisher nicht. Britische Forscher haben deshalb erneut die gängigen Erklärungen überprüft. Ihr Fazit: Am Nektar der Lindenbäume kann es nicht liegen, er enthält entgegen früherer Annahmen weder Gift noch unverdauliche Zuckerverbindungen. Dennoch scheinen die Bienen zu verhungern – aber warum?

„Linden werden schon seit dem Mittelalter in Europa angepflanzt – auch als Nektarlieferanten für Honigbienen“, berichten Hauke Koch von den Royal Botanic Gardens in Kew und Philip Stevenson von der University of Greenwich. Denn die Lindenbäume produzieren reichlich Nektar. Umgekehrt aber gibt es seit dem 16. Jahrhundert auch immer wieder Berichte über tote Bienen unter diesen Bäumen. „Immer wieder werden unter blühenden Linden tausende toter Bienen gefunden“, so die Forscher. Besonders häufig sind solche Massensterben bei der aus Südosteuropa stammenden Silberlinde (Tilia tomentosa). Wegen ihrer dekorativen silbrig-grauen Blattunterseite und ihrer Robustheit gehört sie heute zu den am häufigsten gepflanzten Straßenbäumen in ganz Europa und Nordamerika. Doch gerade unter diesen Bäumen werden bis heute immer wieder massenhaft tote Bienen und Hummeln gefunden – auch in Deutschland, der Schweiz und Großbritannien. „Nach wie vor aber herrschen Verwirrung und Ungewissheit, wenn es um die Ursachen dieses Bienensterbens geht“, erklären Koch und Stevenson.

Giftiger Nektar oder Spritzmittel?

Einer Hypothese nach soll der Nektar der Silberlinden schuld sein. Einige Forscher vermuteten, dass der Lindennektar besonders viel von dem Einfachzucker Mannose enthält und dass die Bienen diesen nicht richtig verstoffwechseln können. Als Folge bildet sich ein Abbauprodukt, das Mannose-6-Phosphat, das sich anreichert und die energieliefernden ATP-Moleküle in den Zellen der Insekten zerstört – so die Hypothese. Tatsächlich schien eine frühe Studie dies sogar zu belegen, denn in einem Fraßversuch mit acht Hummeln erwiesen sich Mannose-haltige Nektare als ungeeignet – die Hummeln verhungerten sozusagen vor vollen Tellern. Inzwischen allerdings wurde der Lindennektar mit modernen chemischen Analysemethoden untersucht und es stellte sich heraus: Weder die Silberlinden noch andere Lindenarten produzieren Mannose. „Nur die nichtgiftigen Zucker Saccharose, Glucose und Fructose wurden nachgewiesen“, berichten Koch und Stevenson. Und auch im Verdauungstrakt von 80 sterbenden Hummeln unter Silberlinden konnte keine Mannose nachgewiesen werden. Die Vergiftung der Bienen durch den Lindennektar sei demnach ein Mythos – auch wenn diese Hypothese weiterhin zitiert werde, betonen die Wissenschaftler.

Eine weitere Möglichkeit wären Insektizide, denn viele Lindenbäume werden gegen Blattläuse gespritzt. Tatsächlich berichten Koch und Stevenson über einen spektakulären Fall, bei dem 50.000 Hummeln tot unter Lindenbäumen in Wilsonville im US-Bundesstaat Colorado gefunden wurden. Wenig später stellte sich heraus, dass die Kommune kurz zuvor das Neonicotinoid Dinotefuran gespritzt hatte. Dieses Pestizid gilt als neurotoxisch für Hummeln und Bienen und wurde daher als Todesursache angenommen. Allerdings: „Bienensterben unter Linden gab es schon lange vor der Einführung der Neonicotinoid-Insektizide in den 1990er Jahren“, sagen die Forscher. „Sie können dieses Phänomen daher nicht generell erklären, auch wenn sie für einzelne Fälle verantwortlich sind.“

In den Hungertod gelockt?

Was aber ist dann schuld am Tod der Hummeln und Bienen? Einer weiteren Hypothese nach könnte die späte Blüte der Linden eine Rolle spielen: „Die Silberlinde blüht später als andere Lindenarten, in Europa meist zwischen Mitte Juli und Anfang August“, erklären die Forscher. Zu dieser Zeit aber haben viele Hummelarten bereits das Ende ihres Kolonie-Lebenszyklus erreicht. Es könnte daher sein, dass die blühenden Bäume viele sehr alte Bienen anziehen, die dann dort eines natürlichen Todes sterben, beispielweise an Altersschwäche. Doch auch diese Vermutung erweis sich bei näherer Untersuchung als nicht haltbar: „Die große Mehrheit der toten Insekten gehörte zu jüngeren Altersklassen und auch viele junge Königinnen waren darunter“, berichten Koch und Stevenson. „Das schließt das Alter als Todesursache aus.“

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Doch nach Ansicht der Forscher könnte die späte Blüte der Silberlinden in anderer Hinsicht eine Rolle für das Bienen- und Hummelsterben spielen. Im Spätsommer wird gerade in den Städten das Angebot blühender Pflanzen knapp. Vielerorts könnte die Linden daher für die Insekten eine der letzten Nektarquellen in dieser Jahreszeit sein. Wenn dann die Nektarproduktion dieser Bäume nachlässt, könnte viele Hummeln die Linden umsonst anfliegen: Sie bekommen nicht mehr genügend Futter und verhungern. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass viele der tot unter den Bäumen gefundenen Hummeln nur noch ein Drittel ihrer normalen Energiereserven besaßen, wie die Forscher berichten. Füttert man dann einige der noch nicht toten Tiere mit einigen Tropfen Nektar, erholen sie sich wieder. „Insofern erscheint das Verhungern eine einleuchtende Erklärung für das Massensterben der Bienen unter den Lindenbäumen“, sagen Koch und Stevenson.

Unklar ist allerdings, warum die Hummeln selbst dann zu den halbverblühten Bäumen fliegen, wenn es noch andere blühende Pflanzen in der Umgebung gibt. Hier haben die Wissenschaftler inzwischen bestimmte Lockstoffe der Silberlinde im Verdacht. So belegen Analysen, dass der Nektar von Linden und auch Lindeblütentee Spuren von Koffein enthalten kann. Dieses jedoch wirkt nicht nur in unserem morgendlichen Kaffee als „Wachmacher“, sondern scheint auch bei Insekten ein gewisses Suchtpotenzial zu entfalten. In Versuchen mit Honigbienen bevorzugten die Tiere Futterstellen, die mit Koffein versetztes Zuckerwasser enthielten – und kehrten selbst dann wiederholt zu diesen Futterstellen zurück, wenn sie leer waren. Möglicherweise könnte genau dies auch bei den Silberlinden der Fall sein, so die Vermutung der Forscher. „Der Einfluss des Koffeins könnte die Hummeln dazu bringen, selbst nach Ende der Nektarproduktion immer wieder zu den Lindenbäumen zurückzukehren – bis sie schließlich verhungern“, so Koch und Stevenson.

Noch ist diese Theorie nicht endgültig bewiesen. Die Wissenschaftler plädieren daher dafür, den Zusammenhang von Koffein, Lindenlockstoffen und dem Verhalten der Hummeln weiter zu untersuchen.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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