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Lug und SelbstbeTrug

Wir machen uns oft etwas vor – und Forscher streiten, ob diese Selbsttäuschung nutzt oder schadet. Ein Evolutionsbiologe stellt nun die These auf: Wir täuschen uns selbst, um andere effektiver belügen zu können.

„Eigentlich ist alles in Ordnung in meiner Ehe. Ja, wir hatten seit ewigen Zeiten keinen Sex mehr. Aber das passiert anderen auch. Meine Frau kommt zwar immer öfter spät aus dem Büro. Aber sie muss halt gerade viel arbeiten. Gut, ich sehe sie ziemlich oft mit diesem einen Kollegen, und manchmal umarmen sie sich sogar. Aber sie sagt ja, sie liebt nur mich. Fremdgehen würde sie nie. Sie ist die Beste für mich.“ Ein klarer Fall von „ klassischer Selbsttäuschung“, wie Neil van Leeuwen von der Georgia State University in Atlanta es nennt. Der betrogene Ehemann hat einen starken Wunsch, wie seine Zukunft und ein gutes Leben aussehen sollten – mit seiner Frau zusammen, in einer heilen Welt. Dieses Verlangen verführt ihn zur Selbsttäuschung, weil er mit einem Berg von Indizien konfrontiert wird, die die Umsetzung seines Wunschs gefährden.

Für jeden Außenstehenden wäre die Lage klar. Doch getrieben von seiner Sehnsucht, so van Leeuwen, „verschiebt sich die Aufmerksamkeit des Ehemanns“. Er konzentriert sich auf die wenigen Fakten, „die das belegen, was er gerne für wahr halten will“, obwohl die meisten Indizien genau das Gegenteil beweisen.

Diese klassische Selbsttäuschung wird oft von innerer Anspannung begleitet, die dem Selbstbetrüger eigentlich zeigen sollte, wie sehr es knirscht im Gebälk seines Fantasiegebäudes. Aber „ein Teil der Selbsttäuschung besteht darin, dieses mulmige Gefühl zu ignorieren“, weiß van Leeuwen. Es genügt der Anfangsverdacht, dass die gewünschte Vorstellung bedroht ist – und schon befinden sich die Gedanken auf Abwegen.

Ausweichen und Aufpolieren

Selbsttäuschung ist weit verbreitet, konstatiert der Philosoph Albert Newen von der Universität Bochum. So mancher versucht, der bitteren Erkenntnis auszuweichen, im Job überfordert zu sein. Viele Eltern sprechen ihr Kind von einem Fehlverhalten frei, trotz belastender Indizien. Und wer kennt nicht das Verlangen, unrühmliche Kapitel der eigenen Biografie aufzupolieren? Die Beispiele zeigen: „Wir täuschen uns bei Dingen, die wirklich wichtig für uns sind“, wie die Philosophin Kathi Beier von der Universität Wien feststellt.

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Ob der Selbstbetrug wirklich nützt, ist umstritten. Viele Psychologen betrachten ihn als eine Art Immunsystem der Seele: Er soll vor den täglichen Gefahren schützen, die unsere Psyche bedrohen. Somit, propagieren jene Psychologen, trägt Selbsttäuschung zu unserem Wohlbefinden bei. Als Beleg für ihre These verweisen sie darauf, dass depressive Menschen ehrlicher zu sich selbst seien. Im Umkehrschluss lügen sich zufriedene oder glückliche Leute öfters in die Tasche: Sie sehen weg, lenken sich ab, prüfen nicht nach. „Sie deuten die Fakten so um, dass sie ihrem Selbstbild in den Kram passen“, erklärt Albert Newen.

Ein positives Selbstbild zu wahren, ist essenziell. Dazu gehören bestimmte Überzeugungen und Vorstellungen: dass man beispielsweise von anderen geschätzt wird, dass die eigene Arbeit anerkannt wird, dass man vom Partner geliebt wird. Sobald die Werte bedroht sind, die ein Mensch zu seinem Selbstbild zählt, neigt er laut Albert Newen dazu, die Fakten anders zu deuten, als sie sind. Im Prinzip nicht schlimm, findet der Philosoph: „Diese Re-Interpretation ist erst mal gut, sonst würden kleine Irritationen gleich das Selbstbild und wichtige soziale Beziehungen ins Wanken bringen.“

Verführt zum Unglücklichsein

In diesem Sinn hält Newen die Selbsttäuschung für nützlich: Ohne einen Schuss Selbsttäuschung sei das Leben eines Menschen „ kaum vorstellbar“. Aber es kommt auf die Dosis an – wie bei einem Medikament. Wenn die Antennen für die Fakten gänzlich verloren gehen, wird Selbstbetrug schädlich. Doch genau das macht Newens Kollege Neil van Leeuwen skeptisch: Das Maß an Selbsttäuschung sei meist nicht kontrollierbar, sodass sie „dem Einzelnen häufig schadet“, findet er. Dass sie Menschen glücklich mache, hält er durch Studien in keiner Weise für belegt.

Van Leeuwen verweist auf ein Experiment des renommierten US-Psychologen Roy Baumeister. Demnach werden Menschen, die stark zur Selbsttäuschung neigen, vielfach als innerlich unruhig und unentspannt wahrgenommen. Die Selbsttäuschung verführe Menschen dazu, unglücklich zu bleiben, statt sich mit der Ursache ihres Missbefindens auseinanderzusetzen – und es möglichst aus der Welt zu schaffen.

Robert Trivers sieht das ähnlich. Nur sei es leider „ziemlich schwer, der Selbsttäuschung zu entrinnen“, meint der Biologe von der Rutgers University in New Jersey. Sie gehöre beinahe ebenso zum menschlichen Leben wie Schlaf, Sex und Essen. Als Evolutionsbiologe wartet Trivers nun mit einer neuen These auf, warum die Selbsttäuschung weitverbreitet ist. Wenn ein Phänomen das menschliche Verhalten so weitreichend beeinflusst, dann müsse es – im Sinne der Darwinschen Theorie – vorteilhaft sein. Nur dann würde ein Merkmal, genetisch verankert, über Generationen an die Nachkommen weitergegeben. Selbsttäuschung müsse insofern die „ reproduktive Fitness“ der Menschen steigern.

Mehr NAchkommen Dank Lügen?

Trivers‘ These lautet: „Wir belügen uns selbst, um unsere Mitmenschen besser belügen zu können.“ Denn wer in wichtigen Dingen lügt, ohne erwischt zu werden, „hat Vorteile, die sich auch evolutionär widerspiegeln“, meint der Biologe – bemessen an der Zahl der Nachkommen. Mit einer Lüge durchzukommen, ist schließlich nicht einfach. Darauf deuten zumindest die wenigen Studien hin, „in denen für die potenziellen Lügner real etwas auf dem Spiel stand“, sagt Trivers Kollege Bill von Hippel von der University of Brisbane in Australien. Der Sozialpsychologe verweist auf eine Studie, bei der Menschen vernommen wurden, die man eines Verbrechens bezichtigt hatte. Beamte beobachteten die Verhöre und konnten hinterher mit hoher Wahrscheinlichkeit einschätzen, ob die Verdächtigen gelogen hatten oder nicht. Schuld oder Unschuld der Verdächtigen wurde danach objektiv durch einen DNA-Test geklärt.

Lügen bedeutet Hochleistungssport für den Geist. Es ist „ kognitiv extrem aufwendig, weil man Wahrheit und Lüge gleichzeitig verarbeiten muss“, erklärt von Hippel. Wem es gelingt, diese kognitive Belastung zu reduzieren, der kann seinen Mitmenschen viel überzeugender einen Bären aufbinden. Ein guter Lügner versteht es, verräterische Signale, die durch kognitive Überlastung entstehen, zu minimieren – etwa direkten Augenkontakt oder den Wechsel in eine höhere Stimmlage. „Wer von seinen Lügen dermaßen überzeugt ist, dass er die umgedeuteten Fakten selbst glaubt, kann die verräterischen Signale verhindern“, glaubt Trivers.

Gemäß Trivers These denkt der gehörnte Ehemann im Beispiel vorne tatsächlich, er könne keine bessere Frau als seine finden. Folglich will er ihre Untreue – und die Tatsache, dass er darum weiß – vor Nachbarn, Bekannten und Kollegen verbergen und sie täuschen, um nicht in ihrem Ansehen zu sinken. Das würde seinen Status gefährden.

Brutstätte der Selbsttäuschung ist laut Trivers das Unbewusste – was seiner Ansicht nach auch erklärt, warum sie überhaupt funktioniert. Das klingt nach Sigmund Freud, dem Übervater der Psychoanalyse, ist aber vor allem eine Frucht der modernen Neurowissenschaft. Nach deren Erkenntnissen hat man bewusste wie unbewusste Erinnerungen, Meinungen, Gedanken und Haltungen, deren Inhalte keineswegs immer übereinstimmen – auch wenn es um ein und dasselbe Thema geht, beispielsweise Rassismus. Das unbewusste Selbst diktiert gemäß dieser Theorie, was der Mensch denkt und tut. Das bewusste Selbst hat im Zuge der Selbsttäuschung zumindest eine Zeit keine Chance, die Fakten real zu bewerten.

George Bushs Böses Märchen

Trivers redet sich in Rage, wenn er davon spricht, wie gefährlich Selbsttäuschung werden kann, sobald andere den Preis dafür zahlen müssen. Wie bei George Bush im Irak-Krieg: Erst habe der damalige US-Präsident der Welt das böse Märchen von Massenvernichtungswaffen im Irak aufgetischt – eine Lüge, an die er, wie Trivers lautstark wissen lässt, „selbst geglaubt hat“. Und als Lüge und Selbstlüge aufflogen, konnte sich der Ex-Präsident als Opfer falscher Informationen darstellen.

Dass seine neue These als unbewiesen kritisiert wird, nimmt Trivers gelassen hin – und wundert sich: Schließlich sei es in der Wissenschaft völlig normal, eine Hypothese aufzustellen und dann mit Studien zu klären, wie viel dran ist. „Ich habe recht“, gibt er energisch zu verstehen und fügt augenzwinkernd an: „ Sofern ich mich nicht täusche.“ ■

KLAUS WILHELM, Wissenschaftsjournalist in Berlin, ist überrascht, wie wenig wir alle gegen Selbsttäuschung gefeit sind.

von Klaus Wilhelm

Robert Trivers

gibt sich selbstironisch: „Man interessiert sich mehr für Selbsttäuschung, wenn man empfänglich dafür ist“, sagt der Biologe und grinst wie ein Bub. Trivers, knapp 70 Jahre alt, hat ein bewegtes Leben hinter sich, nicht nur als Wissenschaftler. Er engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung „Black Panther“. Er war zweimal in Jamaica verheiratet, wo er teilweise noch heute lebt. Nach einem heftigen Streit landete er sogar einmal für zehn Tage im Gefängnis. Es gibt kaum einen Vortrag, in dem er nicht Ex-US-Präsident George Bush jr. kritisiert.

Trivers wurde Mitte der 1970er-Jahre mit bahnbrechenden Publikationen zu sozialen Verhaltensmustern bei Menschen zum Mitbegründer der Soziobiologie. Später stieg er auf Genetik um. Das Nachrichtenmagazin „Time“ wählte ihn 1999 in die Liste der 100 einflussreichsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Auf seine alten Tage ist der streitlustige Amerikaner nun in die Psychologie des Selbstbetrugs eingestiegen, die als weitgehend ungelöstes Rätsel gilt. Er selbst hasse es zu lügen, sagt er – und mache es manchmal dennoch bewusst.

Kompakt

· Wenn unser Selbstbild bedroht ist, neigen wir dazu, Fakten umzudeuten.

· Lügen ist für das Gehirn Hochleistungssport.

· Wer selbst an seine Lügen glaubt, kann verräterische Signale gegenüber anderen besser verbergen.

Mehr zum Thema

LESEN

Robert Trivers Deceit And Self-deception Fooling Yourself the Better to Fool Others Penguin, London 2011, € 30,25

Kathi Beier Selbsttäuschung De Gruyter, Berlin 2011, € 24,95

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