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Machen Sonnenstürme Wale orientierungslos?

Grauwal
Warum stranden Grauwale und andere Meeressäuger immer wieder? (Bild: rainngirl/ istock)

Verletzungen, Krankheiten, laute Geräusche: Es gibt viele Gründe, warum Wale stranden. Auch die Aktivität der Sonne könnte eine Rolle für diese fatalen Ereignisse spielen. Wie eine Studie nun zeigt, stranden Grauwale auffallend häufig während Sonnenstürmen. Allerdings aus einem anderen Grund als gedacht: Verantwortlich für die Orientierungslosigkeit der Meeressäuger scheinen nämlich nicht durch die Sonnenstürme ausgelöste Veränderungen des Erdmagnetfelds zu sein. Stattdessen gibt es offenbar einen Zusammenhang mit elektromagnetischem Hochfrequenzrauschen aus dem All. Dieses Rauschen ist auch auf der Erde messbar und könnte den Magnetsinn der Tiere empfindlich stören. Sie werden dadurch gewissermaßen blind, berichten die Forscher.

Viele Lebewesen verfügen über einen sechsten Sinn: Sie können das Magnetfeld der Erde wahrnehmen. Zu diesen Tieren gehören beispielsweise Zugvögel, die sich auf ihren langen Flügen maßgeblich mithilfe ihres Magnetsinns orientieren. Doch auch Fische, Wildschweine und sogar Hunde besitzen einen eingebauten Magnetkompass. Auch Wale nutzen wahrscheinlich das Erdmagnetfeld, um sich in den Weiten der Ozeane zurechtzufinden. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass der Orientierungssinn der Meeressäuger immer wieder versagt. Wieso sonst stranden sie regelmäßig? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben Jesse Granger von der Duke University in Durham und ihre Kollegen nun 186 Strandungen von Grauwalen untersucht. „Wir haben diese Spezies gewählt, weil sie eine der längsten Migrationsstrecken unter Säugetieren zurücklegt und sich dabei nah an der Küste entlang bewegt – schon kleine Navigationsfehler erhöhen das Risiko zu stranden“, erklären die Wissenschaftler.

Zusammenhang mit Sonnenflecken

Für ihre Studie wertete das Forscherteam nur Daten von gestrandeten Walen aus, die weder Verletzungen aufwiesen, noch kurz vor ihrem fatalen Auflaufen Kontakt mit Menschen gehabt hatten. Dabei suchten sie nach Zusammenhängen zwischen den Strandungen und äußeren Einflussfaktoren, die etwas mit dem Magnetfeld der Erde zu tun haben. Tatsächlich offenbarten die Analysen: An Tagen mit vielen Sonnenflecken strandeten doppelt so häufig Tiere wie an anderen Tagen. Solche dunklen Stellen auf der Sonnenoberfläche sind ein Zeichen für sogenannte Sonnenstürme. Bei diesem Phänomen werden so viele energiegeladene Teilchen ins All geschleudert, dass dies sogar das schützende Erdmagnetfeld stören kann – im Extremfall beeinträchtigt ein starker Sonnensturm auch die Funktionsfähigkeit von Satelliten und Kommunikationssystemen.

Werden die Meeressäuger durch solche Störungen des Magnetfelds auf die falsche Route geführt? Erstaunlicherweise zeigte sich, dass sich die Strandungen nicht direkt mit bestimmten Ablenkungen des Erdmagnetfelds in Verbindung bringen ließen. Stattdessen stellten die Forscher fest: Entscheidend für die Orientierungslosigkeit der Wale schien ein von den Sonnenstürmen im All erzeugtes elektromagnetisches Rauschen im Radiowellenbereich zu sein, das auch auf der Erde messbar ist. Typischerweise machen sich diese breitbandigen Störsignale am stärksten in einer Frequenz von 2800 Megahertz bemerkbar. Wie die Forscher herausfanden, stieg das Risiko einer Strandung an Tagen mit einem besonders starken Rauschen in diesem Bereich um das Vierfache. Granger und ihre Kollegen gehen davon aus, dass dieses Rauschen den Magnetsinn der Wale ausfallen lässt. „Es gibt von Untersuchungen mit anderen Tieren bereits Hinweise darauf, dass Hochfrequenzrauschen den magnetischen Sinn stören kann“, berichten die Wissenschaftler.

Fataler Ausfall des Magnetsinns

Damit zeichnet sich ab: Die Wale erhalten durch die Sonnenstürme nicht einfach nur falsche Informationen, weil sich das Magnetfeld verändert – dies hatten Forscher schon zuvor vermutet. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Tiere vielmehr stranden könnten, weil sie regelrecht blind werden“, konstatiert Granger. Insgesamt bestätigen die Beobachtungen der Wissenschaftler die Annahme, dass Wale sich unter anderem mithilfe eines inneren Magnetkompass im Meer orientieren und dass ein Ausfall dieses Navigationssystems ein Grund für Strandungsereignisse ist. Allerdings nicht der einzige: Es gibt viele weitere Aspekte, die zu Strandungen von Walen führen können, wie das Forscherteam betont. Weitere Untersuchungen mit anderen Walarten sollen in Zukunft klären, wie groß der Einfluss der solaren Aktivität auf den Orientierungssinn der Meeressäuger ist und ob sich die nun beobachteten Muster auch auf globalerer Ebene bestätigen lassen.

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Quelle: Jesse Granger (Duke University, Durham) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2020.01.028

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