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Klimawandel

Mahnendes „Schmetterlings-Thermometer“

Der Rote Apollo gehört zu den Gebirgs-Falter-Arten, die seit 1960 deutlich in die Höhe gewandert sind. (Bild: Thomas Schmitt, Senckenberg; Grafik: Jan Christian Habel, Senckenberg)

Ein tierisches Zeichen des Klimawandels: Die Erwärmung treibt nicht nur die Anzeigen von Thermometern in die Höhe, sondern auch Schmetterlinge, berichten Forscher. Die Verbreitungsgebiete von Alpen-Tagfaltern haben sich innerhalb von 60 Jahren 300 Meter bergaufwärts verlagert, zeigt ihre Studie. Wie bei anderen Aspekten des Klimawandels sind auch in diesem Fall Anpassungsgrenzen in Sicht: Am Gipfel ist Schluss mit den Ausweichmöglichkeiten der Berg-Schmetterlinge.

Die Welt ist im Wandel – die menschengemachte Erderwärmung wird immer deutlicher: Der Trend zeichnet sich durch die Veränderungen der klimatischen Mittelwerte in den letzten Jahrzehnten ab sowie in den häufigeren Wetterextremen – wie Dürren oder im aktuellen Fall durch Starkregenfälle mit katastrophalen Überschwemmungen. Die klimatischen Veränderungen spiegeln sich zudem in Verschiebungen bei der Flora und Fauna in vielen Teilen der Welt wider: Tiere und Pflanzen folgen den geografischen Verlagerungen der Lebensbedingungen, an die sie angepasst sind. Einige Studien zeigen dabei bereits, dass sich die Verbreitungsgebiete vieler Arten nicht nur in der Nord-Süd-Richtung verschieben, sondern auch bezüglich der Höhenlagen.

Auf dem Weg zum Gipfel

Die aktuelle Studie des internationalen Teams um Jan Christian Habel von der Paris-Lodron-Universität Salzburg dokumentiert einen solchen Prozess nun besonders eindrucksvoll. „Heiße und trockene Sommer werden in Mitteleuropa immer häufiger – auch in den vermeintlich kühleren Bergregionen sehen wir diese Effekte des globalen Klimawandels“, sagt Habel. „Wir haben daher untersucht, wie sich Gebirgs-Tagfalter im Bundesland Salzburg innerhalb der letzten 60 Jahre an diese veränderten Umweltbedingungen angepasst haben.“ Die Forscher haben dafür historische Aufzeichnungen von 5836 Tagfalterbeobachtungen aus lokalen Datenbanken analysiert und die Ergebnisse mit detaillierten Informationen zur klimatischen Entwicklung in der Region verknüpft.

„Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass sich die Lebensräume der Schmetterlinge im Zuge der klimatischen Veränderungen seit mehreren Jahrzehnten in immer höhere Lagen verschieben“, resümiert Erstautor Dennis Rödder vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander König in Bonn. Im Durchschnitt konnten die Forscher im Zeitraum von 1960 bis 2019 eine Verschiebung der Verbreitung der insgesamt 37 untersuchten Tagfalter-Arten um etwa 300 Meter bergaufwärts nachweisen.

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„Schmetterlinge reagieren hochsensibel auf Klimaveränderungen und folgen gewissermaßen ihrer spezifischen ökologischen Nische, in der sie die Umweltbedingungen vorfinden, die sie zum Überleben brauchen“, erklärt Co-Autor Thomas Schmitt vom Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut in Müncheberg. Sie passen sich also dem Wandel flexibel an und sichern sich dadurch ihr Überleben, könnte man meinen. „Doch bei Gebirgsarten gibt es ein Problem: Die vertikalen Verschiebungen sind endlich“, betont der Wissenschaftler. Ihr gesamter Lebensraum wird – bedingt durch die Topografie – kleiner und die Frage bleibt, was passiert, wenn die Arten an den Gipfeln angekommen sind“.

Studie mit Symbolcharakter

Zudem entstehen auch durch den Verschiebungsprozess bereits ökologische Probleme, geht aus der Studie hervor: Interaktionen zwischen Arten werden gestört oder brechen ganz weg. Wie die Wissenschaftler berichten, reagieren einige Futterpflanzen der Schmetterlinge langsamer auf klimatische Veränderungen als ihre Konsumenten. „Vereinfacht könnte man sagen, dass die Pflanzen aufgrund ihrer geringeren Mobilität nicht schnell genug mitwandern können. Ein Beispiel hierfür ist der Natterwurz-Perlmutterfalter (Boloria titania), dessen Verbreitungsgebiet sich immer weniger mit dem einer seiner bevorzugten Futterpflanzen, dem Schlangen-Knöterich (Bistorta officinalis) überlappt“, sagt Schmitt. Zudem könnten einige spezialisierte Pflanzenarten durch die Abwanderung der Falter ihre Bestäuber verlieren und dadurch verschwinden.

Die Forscher sehen in ihren Studienergebnissen neben der Bedeutung für die alpinen Ökosysteme auch ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die Effekte des Klimawandels. „Der stille Gipfelsturm der Schmetterlinge ist ein Fanal, um uns die Brisanz der Klimakrise zu verdeutlichen – der Effekt sollte als ein Weckruf verstanden werden: Wir befinden uns mitten in einer grundlegenden, rasant ablaufenden Veränderung der Umwelt“, schreiben die Wissenschaftler.

Quelle: Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels, Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-021-93826-0

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