Marder verhelfen Eichhörnchen zum Comeback - wissenschaft.de
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Marder verhelfen Eichhörnchen zum Comeback

Das europäische Eichhörnchen unterscheidet sich vom invasiven Grauhörnchen durch seine meist rötlichbraune Farbe und durch Pinselohren. (Bild: Dgwildlife/iStock)

Wo sich der europäische Baummarder wieder ausbreitet, feiern auch die britischen und irischen Eichhörnchen ein Comeback, berichten Forscher. Der Grund: Der Räuber macht den invasiven Grauhörnchen den Garaus, die den heimischen Nager zuvor verdrängt haben. Allerdings wird die invasive Art wohl nicht mehr komplett durch die Erholung der Baummarder-Bestände verschwinden. In Parks und Gärten werden sich die Grauhörnchen wahrscheinlich weiter halten, denn der Baummarder ist eigentlich ein Waldbewohner und meidet städtische Bereiche, bestätigen die Untersuchungen.

Es gibt neben den rotbraunen zwar auch manchmal schwarze oder leicht graue Exemplare – doch in Deutschland gehören noch alle Hörnchen der Art Sciurus vulgaris an. Auf den britischen Inseln, in Irland und auch in Teilen Norditaliens ist das allerdings nicht mehr der Fall. Dort hat sich nach Einschleppungen das ursprünglich aus Nordamerika stammende Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) im Verlauf der letzten hundert Jahre ausgebreitet. Diese Art ist robuster als das europäische Eichhörnchen und profitiert zudem von einem weiteren Aspekt: Grauhörnchen tragen ein Virus, das ihnen selbst kaum schadet – ihren rotbraunen Verwandten aber den Garaus macht.

In England hat das Grauhörnchen das heimische Eichhörnchen schon fast komplett ersetzt und ähnliche Entwicklungen schienen sich bisher auch in Irland und Schottland abzuzeichnen. Die Bestände in Italien lassen zudem befürchten, dass sich die invasive Art auch auf dem Kontinent ausbreiten könnte. Das Problem geht auch über den Artenschutz hinaus: Grauhörnchen verursachen im Gegensatz zu ihren heimischen Verwandten Fraßschäden an Bäumen.

Grauhörnchen auf dem Rückzug

Doch nun zeichnet sich immer deutlicher ab, dass ein in Europa heimisches Raubtier dem Grauhörnchen Einhalt gebieten und es sogar zum Rückzug zwingen kann. Erstmals berichteten Wissenschaftler aus Schottland über Hinweise darauf, dass die Invasoren im Reich der Baummarder (Martes martes) keine Chance haben – die heimischen Eichhörnchen hingegen durchaus. Nun bestätigen zwei weitere Untersuchungen in Irland: Im Zuge des Schutzes und der erneuten Ausbreitung des einst beinahe ausgerotteten Verwandten des Steinmarders ist es in den betreffenden Regionen zu einem Comeback der Eichhörnchen gekommen.

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Die Forscher um Joshua Twining von der Queens University in Belfast werteten für ihre Studie Daten von Kamerafallen an 332 Standorten in ganz Nordirland aus, um die Verbreitung von Grauhörnchen, Eichhörnchen und Baummarder zu erfassen. Die Informationen kombinierten sie dann mit lokalen Habitat- und Umweltdaten sowie mit früheren Bestandseinschätzungen. Aus den Ergebnissen entwickelten sie zudem Modelle, die Verknüpfungen zwischen den Arten und ihren Verbreitungsgebieten aufzeigen. Bei der zweiten Untersuchung handelt es sich um ein Forschungsprojekt mit Unterstützung von Bürgern unter der Leitung der National University of Ireland in Galway, bei dem Sichtungen der drei Arten erfasst und ausgewertet wurden.

Hilfe vom Feind

Beide Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis: Das Eichhörnchen ist in Irland wieder auf dem Vormarsch. Konkret: Wo sich die einst fast ausgerotteten Baummarder wieder etablieren konnten, sind die Grauhörnchen verschwunden, während sich dort die Eichhörnchen erholen konnten. Dieses Ergebnis legt nahe, dass sie im Gegensatz zu den Invasoren ihren Lebensraum mit dem einheimischen Räuber teilen können. Baummarder fressen zwar beide Hörnchenarten – der Unterschied besteht allerdings darin, dass sich die Eichhörnchen durch die gemeinsame Evolutionsgeschichte an den kletternden Räuber angepasst haben, erklären die Wissenschaftler. Es gibt bereits Hinweise darauf, dass das europäische Eichhörnchen den Geruch des Räubers besser erkennen kann als das Grauhörnchen. Somit besteht Hoffnung, dass der Baummarder der einheimischen Art das Überleben ermöglichen kann. Das bedeutet somit auch: Baummarder-Schutz ist Eichhörnchen-Schutz.

„Die Fähigkeit des Baummarders, das graue Eichhörnchen zu kontrollieren und dem heimischen Eichhörnchen bei der Erholung in Irland und Großbritannien zu helfen, ist allerdings eingeschränkt“, sagt Twining. Denn der Räuber ist nicht so anpassungsfähig wie der Steinmarder, der sich bekanntlich auch im Siedlungsbereich wohlfühlt. Wie aus den Studienergebnissen hervorgeht, kann sich der Baummarder nicht in städtischen Gebieten wie Dublin und Belfast etablieren. „Da der Baummarder nirgendwo in seinem europäischen Verbreitungsgebiet städtische Gebiete besiedelt, wird er wahrscheinlich nicht die einzige Lösung für das invasive Grauhörnchen sein“, so Twining. Denn trotz der fortschreitenden Erholung des Baummarders und des daraus resultierenden Rückgangs der Grauhörnchen ist es wahrscheinlich, dass Populationen in städtischen Gebieten fortbestehen werden, schreiben die Wissenschaftler.

Ihnen zufolge steckt darin möglicherweise auch die Gefahr eines Rückfalls der Entwicklung. In Grenzbereichen der Verbreitungsgebiete von Baummarder und Grauhörnchen könnten sich die Beutetiere demnach an die Räuber anpassen, befürchten die Forscher. Anschließend könnten sie sich dann wieder ausbreiten. Ihnen zufolge wäre es deshalb möglicherweise sinnvoll, Maßnahmen zur Kontrolle der Grauhörnchenpopulationen in ihren städtischen Refugien durchzuführen, „um die Entwicklung neuer Genotypen zu vermeiden, die es der Art ermöglichen, dem Baummarder besser zu entgehen“.

Quellen: National University of Ireland, British Ecological Society, Fachartikel: Journal of Applied Ecology, doi: 10.1111/1365-2664.13660

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