Warum Klimaschutz auch der Gesundheit nützt Medizinischer Rückschritt durch den Klimawandel? - wissenschaft.de
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Warum Klimaschutz auch der Gesundheit nützt

Medizinischer Rückschritt durch den Klimawandel?

State of the Climate 2014
(Foto. NOAA/ State of the Climate 2015)
Der Klimawandel ist nicht nur eine Frage der Umwelt. Er wird auch unsere Gesundheit stärker beeinträchtigen als bisher angenommen. Mediziner warnen, dass die globale Erwärmung die Menschheit um 50 Jahre im medizinischen Fortschritt zurückwerfen könnte. Dabei würden wenige Maßnahmen die Katastrophe abwenden.

Die Treibhausgas-Werte der Atmosphäre steigen, Luft und Meere werden wärmer und schon jetzt nehmen Extremereignisse wie Hitzewellen, Dürren und Starkregen zu. Das aber nimmt nicht nur vielen Menschen ihre Heimat und Nahrungsgrundlagen, auch die Gesundheit wird dadurch beeinträchtigt. Wie stark dies der Fall ist und was getan werden kann und muss, hat nun eine neugegründete Kommission aus europäischen und chinesischen Forschern untersucht.

Dramatischer Rückschritt

„Keine Region ist immun: Der Klimawandel wird die Natur, die wirtschaftlichen Aktivitäten und die menschliche Gesundheit und das Wohlergehen in jedem Teil der Erde beeinträchtigen“, konstatieren die Forscher. „Nach nur 0,85 Grad der Erwärmung sind viele der erwarteten Bedrohungen bereits Wirklichkeit geworden.“ Extremereignisse wie Hitze, Dürren, Überschwemmungen oder Stürme haben einerseits direkte Folgen wie Tote, Verletzte und Kranke. Indirekte Effekte kommen dazu, beispielsweise die Ausbreitung von Seuchen, Mangelernährung, psychische Erkrankungen und eine mangelnde medizinische Versorgung aufgrund des Zusammenbruchs von Infrastrukturen.

Das alles ist zwar in der Theorie nicht neu. Doch die Dimension dieser Klimafolgen könnte das übertreffen, was die meisten erwarten oder befürchten, warnen die Wissenschaftler. „Der Klimawandel hat das Potenzial, die medizinischen Fortschritte umzukehren, die wir in den letzten Jahrzehnten durch die wirtschaftliche Entwicklung erreicht haben“, sagt Anthony Costello vom University College London (UCL).

„Ein medizinischer Notfall“

Bereits 2014 schätzte die Weltgesundheitsorganisation WHO, dass zwischen 2030 und 2050 pro Jahr 250.000 Menschen mehr durch klimabedingte Ursachen sterben werden als bisher. Doch in dieser Rechnung seien die Einflüsse der sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen auf die Gesundheit noch nicht eingerechnet, so die Forscher. Ernteeinbußen, aber auch Landflucht und Migration verstärken die medizinischen Probleme noch sehr viel mehr.

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„Der Klimawandel ist ein medizinischer Notfall“, warnt Hugh Montgomery vom Institute for Human Health and Performance des UCL. „Unter solchen Bedingungen würde kein Arzt eine Reihe von jährlichen Fallbesprechungen und unverbindliche Vorsätze als ausreichend erachten – doch genau das ist bisher die globale Reaktion auf den Klimawandel.“

Klimaschutz als doppelte Chance

Doch bei diesen düsteren Prognosen belassen es die Wissenschaftler nicht. Stattdessen listen sie zehn konkrete Maßnahmen auf, die die schweren Rückschritte in der globalen Gesundheit verhindern könnten. Denn wie sie betonen, ist der Klimaschutz auch eine der größten Chancen für die globale Gesundheit in diesem Jahrhundert – und noch dazu eine, die in diesem Bereich nur Vorteile bringt.

Denn Vieles, was dem Klima nützt, kommt auch unserer Gesundheit zugute: Werden weniger fossile Brennstoffe verbrannt, dann reduziert dies die Luftverschmutzung und verringert damit das Risiko für Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wenn wir weniger Autofahren und stärker auf Gehen, Fahrradfahren und öffentliche Transportmittel setzen, dann senkt dies nicht nur die Emissionen, es wirkt auch Übergewicht, Diabetes und anderen Krankheiten entgegen, so die Forscher. Wird weniger Fleisch produziert, dann schont das nicht nur die Ressourcen, es trägt ebenfalls zu unserer Gesundheit bei.

Kohleausstieg und Klimaabkommen

Zu den im Bericht vorgeschlagenen Maßnahmen gehört ein schneller Ausstieg aus der Kohle als Energielieferant. Denn die Emissionen der Kraftwerke schädigen auf Dauer nachweislich die Gesundheit der Atemwege und des Herz-Kreislauf-Systems, so die Forscher. Wichtig sei hier auch ein starker und verlässlicher Rahmenplan für eine Bepreisung von Kohlenutzung und Emissionen. Zudem sollte den Entwicklungs- und Schwellenländern dabei geholfen werden, möglichst schnell die erneuerbaren Energien auszubauen.

Um die Gesundheit der wachsenden Stadtbevölkerung zu verbessern, müssen Verkehr und Gebäude in den Ballungsräumen energieeffizienter und emissionsärmer werden, so der Bericht. Wichtig sei aber auch die Finanzierung von medizinischen Infrastrukturen, die auch klimabedingte Wetterereignisse überdauern, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Um die Gesundheitsfolgen besser abschätzen zu können, muss zudem die Überwachung und Erforschung solcher Krankheiten verbessert werden.

Und ja, auch das listen die Forscher als dringende Maßnahme für unsere Gesundheit: ein internationales Klimaschutzabkommen, das verbindliche und ehrgeizige Reduktionziele setzt. „Unsere Analyse zeigt, dass der Klimaschutz klare Vorteile für unsere Gesundheit bringt. Den Klimawandel jetzt anzugehen könnte sogar eine der größten Chancen sein, um die Gesundheit der nächsten Generationen voranzubringen“, konstatiert Montgomery.

Quelle: The Lancet, doi: 10.1016/S0140-6736(15)60854-6

© natur.de – Nadja Podbregar
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