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Umwelt+Natur

Meeresplastik entwickelt fatalen Duft

Meeresschildkröten schnuppern beim Auftauchen nach Futter in der Nähe. (Bild: Ivanica Monica/iStock)

Tod durch einen Bauch voller Müll – warum verschlucken Meeresschildkröten so viel Meeresplastik? Die Kunststoffteile sehen offenbar nicht nur aus wie Futter aus, sondern riechen auch so, geht nun aus einer Studie hervor: Auf den Plastikoberflächen bilden sich demnach Schichten aus Algen und Kleinstlebewesen, die das Material wie Futter „duften“ lassen. Wenn Meeresschildkröten diesen Geruch beim Luftholen wahrnehmen, beginnen sie mit der Nahrungssuche, zeigen die Experimente.

Reste von Plastiktüten und Kunststoffen aller Art – überall treiben mittlerweile die hässlichen Relikte der Zivilisation. Und es wird immer schlimmer: Jedes Jahr landen weitere Millionen Tonnen von Abfällen in den Meeren und bedrohen die Ökosysteme. Aus zahlreichen Untersuchungen geht bereits hervor, wie gefährlich die Plastikteile für viele Meerestiere sind: Einige halten sie für Nahrung und verschlucken den Müll. Anschließend setzen sich die unverdaulichen Fremdkörper im Verdauungssystem der Tiere fest und können zum Tod führen.

Was ist an den Plastikteilen so verlockend?

Besonders davon betroffen sind die Meeresschildkröten: Sie verenden häufig an verschlucken Plastikabfällen oder verfangen sich in ihnen, haben Studien gezeigt. Man geht bisher davon aus, dass die Tiere nach den Plastikgebilden schnappen, weil sie so ähnlich wie ihre Nahrungsobjekte aussehen. In Anbetracht des Ausmaßes des Problems stellte sich allerdings die Frage, ob neben dem Sehsinn auch andere Wahrnehmungssysteme der Schildkröten auf die Plastikteile ansprechen und zu der fatalen Anziehungskraft des Mülls beitragen. Dabei kam auch der Geruchssinn in Betracht. Denn es ist bekannt, dass gerade junge Meeresschildkröten beim Auftauchen im Bereich der Oberfläche nach Futter suchen und sich dabei an Gerüchen orientieren.

Im Rahmen ihrer Studie haben die Forscher um Joseph Pfaller von der University of Florida in Gainesville deshalb nun Geruchstests mit 15 in Gefangenschaft gehaltenen Unechten Karettschildkröten (Caretta caretta) durchgeführt. Es handelt sich bei dieser Art um die häufigste Vertreterin dieser marinen Reptilien. Bei den Tests befanden sich die jungen Versuchstiere in einem Behälter, in den über ein Rohr Geruchsstoffe geleitet werden konnten. Zu den Gerüchen im Tests gehörten eine reine „Wasserbrise“ als Kontrolle sowie die flüchtigen Substanzen des üblichen Futters der Schildkröten. In weiteren Durchgängen wurden die Tiere dann mit dem Geruch von sauberen Kunststoffstücken konfrontiert und dann schließlich mit dem Aroma von ähnlichen Teilen, die eine Woche lang im Wasser gedümpelt hatten. Wie die Forscher erklären, hatte sich in dieser Zeit ein Biofilm aus Algen und marinen Kleinstlebewesen auf den Plastikstücken gebildet.

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Reaktionen wie bei Futtergeruch

Wie die Forscher berichten, zeigten die Videoaufnahmen des Verhaltens der Schildkröten: Die Tiere reagierten auf den Geruch der bewachsenen Plastikteile in der gleichen Weise wie auf den Duft ihrer Nahrung. Im Vergleich zu den Kontrollen hielten die Schildkröten ihre Nasenlöcher demnach mehr als dreimal länger aus dem Wasser, um eine gute Portion der Luft zu erhaschen. Außerdem machten sie sich sichtlich auf die Suche nach Futter, berichten die Wissenschaftler. „Wir waren überrascht, dass die Schildkröten auf die Gerüche der bewachsenen Kunststoffe sogar mit der gleichen Intensität wie auf ihr gewohntes Futter reagierten“, sagte Pfaller. „Wir konnten damit nun belegen, dass Schildkröten nicht nur vom Aussehen, sondern auch vom Geruch von Plastikmüll angezogen werden“, resümiert der Wissenschaftler.

Ihm und seinen Kollegen zufolge stellt der Geruch möglicherweise nicht nur für Schildkröten eine fatale Verlockung dar – auch Meeressäuger, Fische und Vögel könnten in ähnlicher Weise auf die Ausdünstungen überwucherten Plastiks reagieren. „In Teilen des Pazifischen Ozeans gibt es riesige Gebiete, die mit schwimmenden Plastikabfällen bedeckt sind“, sagt Seniorautor Kenneth Lohmann von der University of North Carolina in Chapel Hill. „Die Studie lässt nun befürchten, dass die Konzentration von Kunststoffen Schildkröten – oder auch andere Tiere – dazu bringen könnte, dort ein üppiges Nahrungsangebot zu vermuten“, so der Wissenschaftler.

Er und seine Kollegen sehen in ihren Studienergebnissen deshalb nun einen weiteren Appell an jeden Menschen, zu einer Senkung der Müllbelastung der Meere beizutragen: Unnötige Plastikverpackungen sind zu vermeiden, Mülltrennung und Recycling sind angesagt. „Sobald Kunststoffe im Ozean sind, haben wir keine guten Möglichkeiten mehr, sie zu entfernen oder zu verhindern, dass sie anziehend riechen. Deshalb ist das Beste, zu verhindern, dass Plastik überhaupt in den Ozean gelangt“, so Lohmann.

Quelle: Cell Press, Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2020.01.071

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