In einigen Brutgebieten schlüpfen bereits 99 Prozent Weibchen Meeresschildkröten: Bald keine Männchen mehr? - wissenschaft.de
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In einigen Brutgebieten schlüpfen bereits 99 Prozent Weibchen

Meeresschildkröten: Bald keine Männchen mehr?

Schildkroete
Bei Meeresschildkröten wird das Geschlecht des Nachwuchses durch die Umweltbedingungen bestimmt. (Foto: achimdiver/ Fotolia)
Durch die zunehmende Erwärmung von Luft und Meer verschiebt sich das Geschlechtsverhältnis bei den Meeresschildkröten. An einigen Stränden schlüpfen inzwischen zu 99 Prozent Weibchen. Biologen befürchten, dass es dadurch zumindest in einigen Populationen künftig zu einem Männermangel kommen könnte.

Im Gegensatz zu uns Menschen und vielen anderen Säugetieren wird das Geschlecht bei Meeresschildkröten nicht durch die Geschlechtschromosomen bestimmt. Stattdessen beeinflussen Temperaturen und Feuchtigkeit des Nests, wie sich die Embryos in den Schildkröteneiern entwickeln. Typischerweise vergraben die Weibchen dafür ihre Eier im Sand und überlassen es der Umwelt, für ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu sorgen – eine Strategie, die in der Vergangenheit offensichtlich gut funktioniert hat.

99 Prozent Weibchen

Doch in Zeiten des Klimawandels ändert sich dies: Mit den steigenden Luft- und Meerestemperaturen erwärmen sich auch die Neststrände der Meeresschildkröten. Welche Folgen dies für die Geschlechtsentwicklung der Jungtiere hat, blieb allerdings bisher unklar – auch, weil die Geschlechtsbestimmung von Jungschildkröten ziemlich schwierig ist.

Vor Kurzem nun haben Forscher um Michael Jensen von der US-Meeresforschungsbehörde NOAA die Bestände der Suppenschildkröte (Chelonia mydas) im Great Barrier Reef vor Australien näher untersucht. Als sie das Geschlecht der frisch geschlüpften Jungtiere bestimmten, entdeckten sie Besorgniserregendes: 99 Prozent aller jungen Meeresschildkröten im Norden des Riffs waren weiblich. Männchen schlüpften fast gar nicht mehr.

Männchenmangel durch Klimawandel

Nach Ansicht der Forscher ist diese Verweiblichung der Schildkrötenbestände eine klare Folge des Klimawandels: Besonders im Norden des Great Barrier Reefs sind die Meerestemperaturen bereits messbar angestiegen. Das wiederum verschiebt das Geschlechtsverhältnis der sich an diesen Stränden entwickelnden Schildkröten in Richtung weiblich.

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„Wenn wir unsere Ergebnisse mit Temperaturdaten kombinieren, zeigt sich, dass die Brutgebiete der Suppenschildkröten schon seit mehr als zwei Jahrzehnten vorwiegend Weibchen produzieren“, berichten Jensen und seine Kollegen. Die völlige Feminisierung dieser Population könnte schon in naher Zukunft eintreten.“

Das aber bedeutet: Solange noch einige Männchen übrig bleiben, können sie genügend Weibchen befruchten und so die Bestände stabil halten. „Doch was passiert, wenn in 20 Jahren fast keine Männchen mehr geschlechtsreif werden? Gibt es dann noch genug von ihnen, um die Population aufrechtzuerhalten?“, fragt Jensen. Er und seine Kollegen befürchten: Wenn die Männchen fast komplett fehlen, bricht auch die Fortpflanzung dieser Schildkröten zusammen.

Auch die Feuchtigkeit spielt eine Rolle

Hinzu kommt: Das Great Barrier Reef ist nicht der einzige Ort, an dem das Geschlechtsverhältnis der Meeresschildkröten aus der Balance geraten ist. Im Südosten Floridas haben Wissenschaftler inzwischen Ähnliches bei der Unechten Karettschildkröte (Caretta caretta) festgestellt. Seit Beginn ihrer Studie im Jahr 2002 registrierten sie auch an den dortigen Neststränden eine Weibchenschwemme: 97 bis 100 Prozent der geschlüpften Jungtiere erwiesen sich als weiblich.

Dabei spielt offenbar nicht nur die gestiegene Temperatur eine Rolle: Wie die Forscher bei Experimenten mit Rotwangen-Schmuckschildkröten (Trachemys scripta elegans) entdeckten, beeinflusst auch die Feuchtigkeit der Nestumgebung die Entwicklung der Schildkröten-Embryos. Wärmerer und trockener Sand fördern demnach die Entwicklung von Weibchen, kühler, feuchter Sand dagegen die von Männchen.

Quellen: Current Biology, Zoology

© natur.de – Nadja Podbregar
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