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Menschenkontakt verändert Mausaussehen

Die weißen Flecken im Fell dieser Maus sind ein Effekt des Domestikationssyndroms. (Foto: Linda Heeb)

Sie entwickeln weiße Flecken im Fell und kurze Schnauzen – dieses als Domestikationssyndrom bekannte Phänomen entsteht einer Studie zufolge auch bei wildlebenden Mäusen ohne eine Zuchtauswahl, allein durch die Nähe zu Menschen. Ursache ist die Koppelung von Veranlagungen für zutrauliches Verhalten und die äußerlichen Merkmale, erklären die Forscher.

Die Entdeckung des Domestikationssyndroms geht auf Experimente in den1960er Jahren mit Füchsen zurück: Der sowjetische Forscher Dmitry Belyaev wählte im Rahmen einer Studie Generation für Generation jeweils die zutraulichsten Individuen aus. Es entstanden dadurch im Laufe der Zeit tatsächlich zahme Füchse, die den Kontakt zu Menschen nicht mehr scheuten. Doch es gab auch noch einen überraschenden Nebeneffekt, stellte Belyaev fest: Im Zuge der Zucht auf Zutraulichkeit veränderte sich auch das Aussehen der Tiere. Die zahmen Füchse zeichneten sich durch weiße Flecken im Fell aus, sowie kurze Schnauzen, schlappe Ohren und einen geringelten Schwanz.

Ähnliche Veränderungen des Aussehens gegenüber den Wildformen weisen auch einige domestizierte Tiere des Menschen auf. Bei Hunden, Kühen, Schafen, Pferden, Schweinen und anderen war Zahmheit ein wichtiges Selektionsmerkmal. Man könnte meinen, dass auch gezielt auf äußerliche Merkmale selektioniert wurde. Doch offenbar kam es zu bestimmten Veränderungen des Aussehens automatisch im Rahmen der Zucht auf Zutraulichkeit. So haben einige domestizierte Tiere ihre weißen Flecken im Fell, schlappe Ohren und kurze Schnauzen erhalten. Wissenschaftler nennen diesen Effekt Domestikationssyndrom.

Domestikationssyndrom durch Selbstdometikation

Bisher galt dieses Phänomen als ein Nebeneffekt der Zuchtauswahl. Doch nun haben es Forscher um Anna Lindholm von der Universität Zürich auch bei frei lebenden Hausmäusen (Mus musculus domesticus) festgestellt, die nur regelmäßig in Kontakt mit Menschen gekommen sind. Seit rund 15 Jahren untersuchen die Evolutionsbiologen eine Population der Nager, die in einer leer stehenden Scheune leben. Dort werden die Tiere von den Forschern regelmäßig mit Wasser und Nahrung versorgt und untersucht.

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Die Mäuse entwickelten im Lauf der Generationen innerhalb eines Jahrzehnts zwei charakteristische Veränderungen, berichten die Forscher: Sie bekamen weiße Flecken im braunen Fell und vergleichsweise kurze Schädel beziehungsweise Schnauzen. „Die Nager haben allmählich ihre Angst verloren und Domestizierungsmerkmale entwickelt, ohne dass wir die Mäuse absichtlich selektionierten, sondern allein durch den regelmäßigen Kontakt zu uns“, sagt Lindholm. Es fand eine Art Selbstdometikation statt, sagen die Forscher.

Veranlagung für Verhalten und Aussehen sind verknüpft

Wie sie erklären, ist für die parallele Entwicklung von Verhalten und Aussehen vermutlich eine kleine Gruppe von Stammzellen während der Embryonalentwicklung verantwortlich. Aus diesen Zellen entwickeln sich Gewebe, die für äußerliche Merkmale zuständig sind sowie für die Entwicklung der Nebenniere. Geringere Ängstlichkeit beziehungsweise Zutraulichkeit hat den Forschern zufolge mit kleineren, weniger aktiven Nebennieren zu tun. Durch die Selektion auf dieses Merkmal wird auch die Fellfärbung und Kopfgröße beeinflusst, da die entsprechenden Gewebe aus den gleichen Ursprungszellen hervorgehen.

Im Fall der Maus-Scheune liegt somit nahe: Für die Tiere war geringere Scheu vor dem Menschen offenbar ein Vorteil, wodurch sich dieses Merkmal in der Population verstärkte – inklusive der damit verknüpften äußerlichen Merkmale. „Diese Selbstdomestizierung führte zur allmählichen Veränderung ihres Aussehens – ganz nebenbei und unabsichtlich“, resümiert Co-Autorin Madeleine Geiger.

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