Anzeige
Anzeige

Umwelt+Natur

Mikroplastik: Korallen als Müllschlucker

Koralle
Eine Koralle hat dunkles Mikroplastik in ihr Skelett eingebaut. (Bild: Jessica Reichert)

Die winzigen Partikel des Mikroplastiks sammeln sich nicht nur im Wasser und Sediment der Ozeane – sie werden auch von Korallen in ihre Gewebe eingebaut, wie nun ein Experiment enthüllt. Demnach können riffbildende Korallen bis zu 84 Partikel pro Kubikzentimeter aufnehmen und in ihrem Kalkskelett einlagern. Hochgerechnet könnten die Korallenriffe weltweit dadurch bis zu 20.000 Tonnen Mikroplastik binden. Welche Langzeitfolgen das für die Riffe hat, ist allerdings noch unerforscht.

Das Problem ist längst bekannt, eine Besserung aber vorerst kaum in Sicht: Die Ozeane weltweit werden immer stärker durch Plastikmüll und Mikroplastik verschmutzt. Längst finden sich die meist winzigen Kunststoffpartikel selbst in den entlegensten Orten – von der Tiefsee über die Strände unbewohnter Tropeninseln bis ins Wasser des Arktischen Meeres. Ein Großteil dieses Mikroplastiks lagert sich im Laufe der Zeit in den Sedimenten des Meeresgrunds ab, wenn er nicht zuvor in die Nahrungskette gelangt.

Ins Gewebe und Skelett eingebaut

Doch vor allem in den Tropen reichert sich Mikroplastik offenbar auch in den Korallenriffen an, wie nun Jessica Reichert von der Universität Gießen und ihre Kollegen herausgefunden haben. Für ihre Studie hatten sie untersucht, wie riffbildende Korallen in Anwesenheit von Mikroplastik gedeihen. Dafür zogen sie vier Korallenarten aus dem Indopazifik in Meerwasser-Aquarien auf: Geweihkorallen, Pfötchenkorallen, kleinpolypige Steinkorallen und blaue Korallen. Über 18 Monate hinweg wuchsen diese Korallen in Becken mit einer hohen Belastung von rund 200 Plastikpartikeln pro Liter heran. Als Mikroplastik wählten die Forschenden schwarze, rund 170 Mikrometer große Polyethylen-Partikel.

Nach Ablauf der 18 Monate zeigte sich: Die Korallen hatten das Mikroplastik sowohl in ihrem Gewebe als auch in ihrem Kalkskelett eingelagert. Im Schnitt fanden sie zwischen knapp vier und 37 Partikel pro Kubikzentimeter Gewebe – im Skelett lagen die Dichten dabei um das Zehnfache höher als im lebenden Korallengewebe. Eine Koralle im Versuch nahm sogar bis zu 600 Mikroplastikpartikel auf, während sie ihre Körpergröße von fünf auf zehn Zentimeter verdoppelte, wie das Team berichtet. Aber warum kommt es zu diesem Einbau? „Solche ungenießbaren Teilchen scheidet die Koralle normalerweise wieder aus“, sagt Reichert. „Manchmal aber läuft bei der Selbstreinigung etwas schief. Die Koralle verschluckt sich sozusagen und der Partikel bleibt im Körper.“

Reinigungshelfer der Meere – aber zu welchem Preis?

Diese Beobachtungen legen nahe, dass Korallen demnach zumindest einen Teil des Mikroplastiks im Meerwasser aufnahmen und einlagern. Die riffbildenden Tiere tragen so zur Reinigung des Meerwassers bei. „Korallen sind die ersten Organismen, die als lebende Senke für Mikroplastik im Meer entdeckt wurden“, sagt Reichert. Rechnet man die aufgenommenen Mengen hoch, dann könnten Korallen in den Riffen weltweit bis zu 20.000 Tonnen Mikroplastik im Jahr binden, schätzen sie und ihr Team. Das entspricht etwa einem Prozent des Mikroplastiks im Riffwasser – allein für diese eine Tiergruppe. „Unsere Studie lässt Korallenriffe in neuem Licht erscheinen“, sagt Reichert. „Sie können nicht nur dabei helfen, das ökologische Gleichgewicht der Ozeane zu erhalten, sondern auch als Langzeitspeicher für Mikroplastik dienen.“

Anzeige

Allerdings: Welche Auswirkungen der Einbau des Plastiks für die Korallen hat, ist bislang weitgehend unklar. Im Laborversuch schien das Mikroplastik die Korallen zwar wenig zu beeinträchtigen, frühere Studie haben jedoch schon gezeigt, dass einige Korallenarten bei Mikroplastik-Belastung schlechter wachsen oder auch eine Korallenbleiche oder Nekrosen entwickeln. „Wir wissen nicht, welche langfristigen Folgen die Einlagerung von Mikroplastik für die Korallen haben wird“, betont Reichert. „Aber es könnte die Stabilität und Widerstandsfähigkeit der Riffe beeinträchtigen. Mikroplastik wäre dann eine zusätzliche Bedrohung für die ohnehin durch den Klimawandel gefährdeten Korallenriffe auf der ganzen Welt.“

Quelle: Justus-Liebig-Universität Gießen; Fachartikel: Global Change Biology, doi: 10.1111/gcb.15920

Anzeige

natur | Aktuelles Heft

Reizvolle Regionen

Aktueller Buchtipp

natur-Sonderausgabe 2020

Das Insekt und sein Mensch
Von unseren Beziehungen zu den Krabbeltieren

Anzeige

Grünstoff – der Medientipp des Monats

Serie: Hervorragend – Junge Menschen und ihr Engagement

Wissenschaftslexikon

Ae|ro|fo|to|gra|fie  〈[ae–] f. 19〉 oV Aerophotographie 1 Luftbild ... mehr

Al|bi|nis|mus  〈m.; –; unz.; Med.〉 Unfähigkeit od. mangelhafte Fähigkeit, in Augen, Haut u. Haaren, Farbstoff zu bilden [→ Albino ... mehr

Völ|ker|kund|le|rin  〈f. 22〉 Wissenschaftlerin, Studentin der Völkerkunde; Sy Ethnologin ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige