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Mit Darmbakterien gegen Lebensmittelallergien

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Credit: Thinkstock
Das Gesicht schwillt an, Bauchkrämpfe und Atemnot setzen ein – oft reichen schon Spuren in Lebensmitteln aus, um beispielsweise bei Erdnuss-Allergikern lebensbedrohliche Symptome zu verursachen. Bisher steht die moderne Medizin Lebensmittelallergien weitgehend hilflos gegenüber. Doch nun gibt eine Studie an Mäusen Hoffnung auf zukünftige Behandlungsmöglichkeiten: Bestimmte Darmbakterien schützen demnach möglicherweise vor der Überreaktion des Immunsystems. Somit könnten probiotische Therapieformen eines Tage den Betroffenen helfen.

Die Verbreitung von Lebensmittelallergien hat in den vergangene Jahrzehnten enorm zugenommen. Zu den Ursachen gibt es noch viele offene Fragen, doch es zeichnet sich bereits deutlich ab, dass die moderne Hygiene, Ernährungsweise und der Einsatz von Antibiotika dabei eine wichtige Rolle spielen. Diese Faktoren verändern nämlich die natürliche Zusammensetzung der Mikroorganismen in unserem Darm. Es gibt bereits viele Hinweise darauf, dass dieser sogenannten Darmflora eine wichtige Funktion im Rahmen des Immunsystems und damit auch bei der Entstehung von Allergien zukommt.

Sterile Mäuse im Dienste der Forschung

Um der Frage nachzugehen, ob es einen Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelallergien und Darmbakterien gibt, führten die Forscher um Cathryn Nagler von der University of Chicago Experimente an Mäusen durch. Wie der Mensch können auch die Nager allergische Reaktionen auf bestimmte Bestandteile von Lebensmitteln entwickeln. Im Rahmen der Studie untersuchten die Forscher die Effekte von Allergenen der Erdnuss. Diese verabreichten sie drei Versuchsgruppen von Mäusen: Eine wurde steril aufgezogen, so dass sich bei ihnen keine Darmflora ausbilden konnte und einer zweiten wurden zur Beeinträchtigung der bakteriellen Darmgemeinschaft Antibiotika verabreicht. Als Kontrolle dienten wiederum Versuchstiere, die eine normale Darmflora besaßen.

Ergebnis: Das Immunsystem der keimfrei aufgezogenen beziehungsweise antibiotikabehandelten Nager bildete nach Verabreichung der Erdnuss-Allergene große Mengen Antikörper – sie reagierten allergisch. Bei den Mäusen mit der normalen Darmflora war diese allergische Reaktion weit weniger stark ausgeprägt, berichten die Forscher. Doch sie konnten den Mäusen mit der akuten Lebensmittelallergie offenbar helfen: Nachdem sie bei ihnen wieder gezielt Bakterien im Darm angesiedelt hatten, schwächten sich die übermäßige Immun-Reaktionen ab. Dabei zeigte sich: Speziell Bakterien, die zur Gruppe der Clostridien gehören, scheinen die Drahtzieher des Effekts zu sein. Andere Mikroben der natürlichen Darmflora zeigten diese Wirkung hingegen nicht.

Clostridien halten die Tür zu

Um Details der Wirkung der Clostridien aufzudecken, erforschten die Wissenschaftler die Wirkung dieser Bakterien auch auf der molekularbiologischen Ebene. Sie konnten dabei zeigen, dass die Mikroben Immunzellen veranlassen, sogenanntes Interleukin auszuschütten. Von diesen Signalstoffen ist bekannt, dass sie die Durchlässigkeit der Darmwände verringern können. Weitere Untersuchungen der Forscher legten nahe, dass die Wirkung der Clostridien offenbar darauf beruht, dass sie Allergene daran hindern, durch die Darmwand ins Blut zu wandern.

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Die Forscher hoffen nun, dass sich aus ihren Ergebnissen probiotische Therapieformen bei Lebensmittelallergien entwickeln könnten. In weiteren Untersuchungen wollen sie dieses Potenzial nun gezielt ausloten. „Wir können natürlich noch nicht sagen, ob das Konzept tatsächlich funktioniert, aber es handelt sich um einen vielversprechenden Ansatz zur Entwicklung von Therapien gegen ein Gesundheitsproblem, für das es bisher keine Behandlungsmöglichkeiten gibt“, sagt Nagler.

 

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Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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