Mit Designerpollen gegen Allergien: Forscher entwickeln neue Impfstoffe - wissenschaft.de
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Mit Designerpollen gegen Allergien: Forscher entwickeln neue Impfstoffe

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Verschiedene Pollenkörner unter dem Elektronenmikroskop (Bild: Dartmouth College)
Da viele Allergieforscher die bisherigen Therapien gegen Allergien in einer Sackgasse sehen, setzen sie auf den Einsatz von künstlichen Pollen. Mit solchen Designerpollen sollen Allergiepatienten wirkungsvoll desensibilisiert werden, ohne dass schwere Nebenwirkungen auftreten. Erste klinische Studien mit Impfstoffen lassen bereits hoffen.

Es ist ein resignierter Blick aus verquollenen roten Augen. Und noch dazu eine rote Nase, taub und aufgedunsen vom vielen Schnäuzen. Viele Allergiker haben sich damit abgefunden, dass sie der Heuschnupfen alle Jahre wieder für mehrere Wochen lahmlegt. Doch die jüngsten Entwicklungen in der Allergieforschung lassen hoffen. Mehrere Wissenschaftler arbeiten an einer neuen Generation von Medikamenten: Impfstoffe mit künstlichen Pollen. „Diese neuen Wirkstoffe werden Allergien in 80 bis 90 Prozent der Fälle heilen“, glaubt Rudolf Valenta, Pathophysiologe an der Medizinischen Universität in Wien.

Die Firma Allergopharma in Hamburg hat als weltweit erstes Unternehmen die Designerpollen von Birke und Gräsern in zwei klinischen Studien getestet. Zwei Jahre lang bekamen Allergiker regelmäßig die künstlichen Pollen oder ein Placebo gespritzt. „Die Ergebnisse sind äußerst vielversprechend“, schwärmt Lars Ingemann, aus der Marketingabteilung bei Allergopharma. Der Heuschnupfen habe seither bei allen behandelten Patienten nachgelassen. Nach mehreren Monaten Behandlung tränen und jucken die Augen seltener. So brauchten die Allergiker in der Birken-Studie insgesamt 60 Prozent weniger Antihistaminika gegen die Beschwerden als unbehandelte Patienten.

Geheilt wurde in den klinischen Studien mit den Prototypen der Designer-Pollen allerdings noch niemand. Dennoch gibt man sich bei Allergopharma zuversichtlich: „Die Zukunft wird den künstlich hergestellten Pollen-Wirkstoffen gehören. Sie haben das Potenzial zu heilen“, beteuert Ingemann. Bislang verkauft der Hersteller jedoch nur natürliche Pollenmixturen.

Zurzeit wird Allergikern gegen Heuschnupfen meistens die so genannte Immuntherapie verordnet, auch Desensibilisierung genannt. Dabei wird der Körper genau den Stoffen ausgesetzt, gegen die er allergisch reagiert. Zum Beispiel wird bei einer Birken-Allergie eine Flüssigkeit mit natürlichen Birkenpollen gespritzt. Über mehrere Monate hinweg wird langsam, aber beständig die Dosis gesteigert. Auf diese Weise wird das Immunsystem Schritt für Schritt umgepolt und gewöhnt sich schließlich wieder an die Pollen.

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Doch nicht jedem Allergiker verschafft diese Methode Linderung. Viele vertragen die Impf-Kur nicht einwandfrei. Die Augen tränen und die Nase läuft nach jeder Spritze. Nur wenige werden den Heuschnupfen nach monatelanger Therapie wirklich los. „In den natürlichen Pollen-Extrakten kommen die eigentlichen Wirkstoffe, die Allergene, manchmal gar nicht vor oder sie sind nicht in der richtigen Menge enthalten“, schildert Valenta ein Problem. In Birken und Gräsern kann der Gehalt der Allergene um den Faktor 50 schwanken, wie Valentas Forschergruppe herausfand.

Die Natur diktiert zudem die Mischung der Allergene. Die Rezeptur kann nicht individuell auf den Patienten abgestimmt werden. Manchmal ist der Naturstoff-Cocktail sogar mit unerwünschten Fremdstoffen verunreinigt. In natürlichen Extrakten gegen Katzenhaarallergie können beispielsweise Substanzen von Milben umherschwimmen. Das kann Nebenwirkungen und sogar neue allergische Reaktionen auslösen.

„Ob Verunreinigungen, falsche Zusammensetzung oder unpassende Dosierung – all das sind Gründe, weshalb die Immuntherapie heute bei einigen Patienten keine Früchte trägt“, sagt Valenta. Mit der Natur als Rohstoffquelle lassen sich diese Handicaps auch nicht überwinden, glaubt er.

Deshalb machte er sich schon vor Jahren daran, die Allergene künstlich im Labor nachzubauen. Für Gräser und Birken hat sein Team mittlerweile verschiedene Designerpollen hergestellt. Auch für Katzen- und Milbenallergiker konnten die Wiener Forscher Impfstoffe im Labor erzeugen. „Man kann diese Nachbauten zusätzlich so verändern, dass das Immunsystem optimal gesundet, aber der Patient selbst nicht mehr allergisch auf den Wirkstoff reagiert.“ Das ist Valentas erklärtes Ziel: Impfstoffe, die Allergien heilen, gleichzeitig aber selbst keine Beschwerden hervorrufen, etwa brennende Augen oder eine triefende Nase.

Allergopharma will solche Arzneien gegen Allergien auf Gräser, Bäume, Hausstaubmilben und Katzenhaare entwickeln. Bis die ersten Präparate mit den neuen Impfstoffen auf den Markt kommen, werden allerdings noch einige Jahre vergehen, meint Ingemann. Schließlich sei die Entwicklung teuer und aufwändig.

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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