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Moral stärkt Geist und Körper

Wer eine anstrengende Aufgabe vor sich hat, sollte schnell noch ein bisschen Geld für einen wohltätigen Zweck spenden. Diesen eigenwilligen Tipp leitet der Harvard-Psychologe Kurt Gray aus einer Studie ab, in der er einen ungewöhnlichen Zusammenhang entdeckt zu haben glaubt: Anderen etwas Gutes zu tun oder auch nur darüber nachzudenken, stärkt die eigene Körperkraft. Das wiederum beeinflusse Willensstärke und Durchhaltevermögen, so dass man auch Versuchungen wie einem Stückchen Kuchen besser widerstehen könne, schlussfolgert der Wissenschaftler. Der gleiche Effekt tritt übrigens auch ein, wenn man anderen schadet oder ihnen in Gedanken Böses zufügt, berichtet Gray.

Anderen zu helfen, erfordert Willenskraft, Hartnäckigkeit und persönliche Stärke. Bisher sei man im Großen und Ganzen davon ausgegangen, dass diese Eigenschaften angeboren seien, und Menschen, die außergewöhnlich viel Gutes tun, einfach von ihrer Veranlagung her dazu bestimmt sind, erläutert Gray. Er stellte sich nun jedoch die Frage: Was wäre, wenn es genau andersherum wäre und gute Taten erst die persönliche Willenskraft und Stärke fördern? Etwas Gutes zu tun, könne einem selbst schließlich das Gefühl vermitteln, stark und überlegen zu sein ? und solche Assoziationen werden praktisch immer auch verkörpert, das heißt, sie äußern sich in physischen Reaktionen oder Veränderungen. Wer beispielsweise an die Konzepte „alt“ und „langsam“ denkt, geht anschließend selbst unbewusst langsamer.

Um zu testen, ob diese Verkörperung auch im Fall von guten Taten eintritt, entwarf der Psychologe einige Tests. In einem davon ließ er beispielsweise eine Gruppe von Freiwilligen eine kleine Geldsumme an UNICEF spenden und maß anschließend, wie lange sie ein Gewicht am ausgestreckten Arm halten konnten. Diese Werte verglich er anschließend mit denen einer Kontrollgruppe, die das Geld behalten durfte. Ergebnis: Die Spender konnten das Gewicht im Schnitt sieben Sekunden länger festhalten als die Nicht-Spender, ohne dass zuvor ein messbarer Kräfte-Unterschied zwischen den Gruppen bestanden hätte. Interessanterweise sei ein solcher Effekt auch dann aufgetreten, wenn die Probanden lediglich im Geiste einem anderen etwas Gutes tun sollten, berichtet Gray. Zudem ließ sich eine ähnliche Kräftezunahme auch beobachten, wenn die Testteilnehmer darüber nachdachten, anderen zu schaden.

Schon das Konzept, seine Mitmenschen durch eigene Aktionen zu beeinflussen, sei es nun positiv oder negativ, erhöhe demnach die körperliche Kraft, schließt Gray. Das erkläre vielleicht, warum ganz normale Menschen in Notsituationen plötzlich über sich hinauswachsen und außergewöhnliche Leistungen vollbringen können, spekuliert der Wissenschaftler. Er glaubt, dass sich diese ganz eigene Macht solcher Taten auch kanalisieren beziehungsweise umwandeln lässt: Man könne sie in Selbstbeherrschung umwandeln und so leichter ein gestecktes Ziel erreichen.

Kurt Gray (Harvard University, Cambridge) et al.: Social Psychological and Personality Science, Bd. 1, Nr. 2 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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