Musikunterricht bringt's – auch noch bei Jugendlichen - wissenschaft.de
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Musikunterricht bringt’s – auch noch bei Jugendlichen

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Um ein Instrument zu lernen ist es nie zu spät (Paul/ Thinkstock)
Wer aktiv Musik macht, der profitiert gleich mehrfach: Musizieren sorgt für Stressabbau und Entspannung, stärkt die Konzentration und das Gehör und kann sogar beim Sprachenlernen helfen – jedenfalls wenn man schon in der Kindheit ein Instrument gelernt hat. Doch es lohnt sich auch als Jugendlicher noch, mit der Musik anzufangen, wie eine Studie zeigt. Denn selbst wenn Heranwachsende nur ein paar Stunden in der Woche im Schulorchester oder in einer Band spielen, hat dies positive Auswirkungen auf ihre Gehirnentwicklung. Die für die Verarbeitung von Tönen und Sprache zuständigen Areale bleiben länger formbar und plastisch.

Schon lange zeigen Studien, dass das intensive Üben von Musik Spuren im Gehirn hinterlässt und neben der Fingerfertigkeit vor allem die akustischen und sprachlichen Fähigkeiten messbar stärkt. So haben Profimusiker ein besseres verbales Gedächtnis, können verschiedene Töne und Silben besser unterscheiden und auch Sprache leichter und schneller aus Hintergrundgeräuschen herausfiltern. Das bringt ihnen nicht nur Vorteile in der Musik, es hilft auch beispielsweise beim Erlernen neuer Sprachen und kann gegen den geistigen Abbau im Alter schützen. Diese positiven Effekte lassen sich sogar bei Menschen beobachten, die keine Profimusiker sind, aber in ihrer Kindheit ein paar Jahre lang ein Instrument gelernt haben. Denn ihr noch plastisches Gehirn wird durch diese frühen Erfahrungen bleibend geprägt. Unklar war aber bisher, ob auch bei älteren Jugendlichen, musikalisches Training noch ähnlich positiv wirken kann.

Adam Tierney und seine Kollegen von der Northwestern University in Evanston haben nun genau dies in einer vierjährigen Studie an 40 Schülerinnen einer Highschool untersucht. Von den anfangs 14- bis 15-jährigen Mädchen nahm die Hälfte an einem Schulorchester teil, in dem sie wöchentlich zwei bis drei Stunden in der Gruppe ein Instrument spielten. Die andere Hälfte der Teilnehmerinnen absolvierte stattdessen in der gleichen Zeit das Junior Reserve Officers Training Corps (JROTC), eine Art militärisch ausgerichtetes Pfadfinder-Programm. „Beide Programme erforderten Zeit und Mühe und förderten die Entwicklung von Selbstdisziplin, Willen und Engagement“, erklären die Forscher. „Aber nur das musikalische  Training stärkte gezielt auditorische Fähigkeiten.“ Zu Beginn der Studie und nach vier Jahren wurden bei allen Teilnehmerinnen sprachliche Fähigkeiten wie das verbale Gedächtnis und die Erkennung von gesprochenen Silben getestet, außerdem wurde die Aktivität ihres Gehirns bei Sprachreizen per Elektroenzephalogramm aufgezeichnet.

Sensibler für Töne und Sprache

Tatsächlich zeigten sich nach den vier Jahren deutliche Unterschiede, wie die Forscher berichten. Bei der Kontrollgruppe sank die Reaktionsintensität ihres Gehirns auf Laute und Sprache stetig ab. Dies ist eine für Jugendliche in der Pubertät typische Entwicklung, bei der das noch unreife, formbare kindliche Gehirns allmählich ausreift. Die Kinder mit dem musikalischen Training behielten dagegen ihre hohe Reaktions-Konsistenz die gesamte Highschool-Zeit über, wie die Messungen ergaben. Nach Angaben der Forscher deutet dies darauf hin, dass die für Kinder typische Plastizität des Gehirns bei diesen Jugendlichen länger anhielt – zumindest in den auditorischen Arealen des Gehirns. Zudem verbesserte sich bei den Musik-Kindern die Wahrnehmung von Lauten und Silben stärker als bei ihren Altersgenossen, die das eher auf sportliche Fitness ausgerichtete JROTC-Training absolviert hatten.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass ein musikalisches Training selbst bei Jugendlichen noch die auditorische Wahrnehmung verbessern kann“, so Tierney und seine Kollegen. Davon jedoch profitieren auch die sprachlichen Fähigkeiten, beispielsweise wenn es darum geht, eine Fremdsprache zu lernen. „Normalerweise wird es immer schwieriger, eine neue Sprache zu verstehen und zu lernen, je älter man wird, weil die Sensibilität für neue Klänge und Laute abnimmt“, erklären die Forscher. „Aber das musikalische Training scheint das Zeitfenster zu verlängern, in der diese auditorische Sensibilität besonders hoch ist.“ Wie genau die Musik dies erreicht, ist noch unklar. Die Forscher vermuten jedoch, dass zumindest in den auditorischen Schaltkreisen mehr Synapsen erhalten bleiben als normalerweise in diesem Alter der Fall. Dies wiederum macht es für diese Areale leichter, neue Verschaltungen anzulegen.

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Nach Ansicht der Forscher haben ihre Erkenntnisse gerade für die Schulen und Lehrpläne eine große Bedeutung. Denn angesichts schwindender Budgets und immer weniger Zeit für immer mehr Stoff wird oft am Musikunterricht und den freiwilligen Musikangeboten gespart. „Weil die Fähigkeit, ein Instrument zu spielen, für die meisten Karrieren irrelevant erscheint, fällt das Musiktraining oft Kürzungen zum Opfer“, sagen Tierney und seine Kollegen. Doch ihre Ergebnisse und die anderer Kollegen zeigen nun, dass dies zu kurz gedacht ist. „Denn Musik kann durchaus Fähigkeiten fördern, die den Erwerb neuen Wissens und neuer Fähigkeiten erleichtert“, konstatieren die Wissenschaftler.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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