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Nächtliches Licht gefährdet Nemo

Amphiprion ocellaris
Die weltweite Lichtverschmutzung schadet auch Riffbewohnern wie Clownfischen. (Bild: cbpix/ istock)

Durch den Animationsfilm „Findet Nemo“ haben Clownfische weltweite Bekanntheit erlangt. Die Heimat dieser Meeresbewohner sind Korallenriffe, wo sie in enger Symbiose mit Seeanemonen leben. Doch die charismatischen Fische geraten zunehmend in Bedrängnis: Nicht nur ihr Lebensraum wird durch den Klimawandel und die Versauerung der Ozeane nach und nach zerstört. Auch die Lichtverschmutzung macht Nemo und Co zu schaffen. Denn wie eine Studie nun zeigt, behindert künstliches Nachtlicht den Fortpflanzungserfolg der Clownfische. Ihr Nachwuchs schlüpft bei nächtlicher Helligkeit nicht.

Der Mensch macht die Nacht zum Tage. Die künstliche Beleuchtung von Straßen, Gebäuden und Industrieanlagen überlagert vielerorts den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus. Ein Großteil der Menschheit erlebt schon jetzt keine echte Dunkelheit mehr und die Erde wird nachts immer heller. Diese Lichtverschmutzung hat gravierende Folgen: Das nächtliche Streulicht kann der menschlichen Gesundheit schaden und bedeutet auch negative Konsequenzen für viele Tiere. So gefährdet das Nachtlicht nachtaktive Arten, macht Insekten und Zugvögel orientierungslos und hindert Korallen sogar an der Paarung. „Künstliches Licht gibt Ökologen zunehmend Grund zur Besorgnis, da die Auswirkungen auf Organismen gravierend sein können“, erklärt Karen Burke da Silva von der Flinders University in Adelaide. „Die schädlichen Effekte auf terrestrische Ökosysteme sind bereits intensiv erforscht, vergleichsweise wenig wissen wir dagegen über die Folgen in marinen Lebensräumen.“

Nachwuchs schlüpft nicht

Um dies zu ändern, haben sich die Biologin und ihr Team um Erstautorin Emily Fobert von der University of Melbourne nun einem charismatischem Meeresbewohner gewidmet: dem Falschen Clownfisch (Amphiprion ocellaris) – einem Verwandten von Nemo aus dem bekannten Animationsfilm. Wie die Wissenschaftler berichten, sind viele biologische Prozesse dieser Riffbarsche an Veränderungen der Lichtverhältnisse gekoppelt. So findet das Laichen in der Regel bei Vollmond statt und der Nachwuchs schlüpft typischerweise einige Stunden nach der Dämmerung. Auch im Meer wird dieser von Licht und Dunkelheit bestimmte Rhythmus jedoch zunehmend durch künstliche Einflüsse überlagert: Neben dem Licht von Häfen, Werftanlagen und Strandpromenaden durchbrechen mitunter auch schwimmende Übernachtungsmöglichkeiten die Dunkelheit. Denn viele dieser Unterkünfte besitzen sogar einen Glasboden, sodass die Gäste nachts das Treiben in den Korallenriffen unter ihnen beobachten können.

Welche Folgen dies für Nemo und Co hat, testeten die Forscher mit zehn Clownfischpaaren. Fünf dieser Paare wurden dem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus gleichenden Lichtverhältnissen ausgesetzt, die anderen erlebten das, was vielerorts mitunter Realität ist. Ihr Aquarium wurde nicht nur zwölf Stunden am Tag mit hellem Licht beschienen. Nachts tauchte eine LED-Leuchte die Umgebung zwölf Stunden lang in Dämmerlicht. Wie würde sich dies auf den Fortpflanzungserfolg der Fische auswirken? Die Ergebnisse zeigten: „Das künstliche Nachtlicht hatte zwar keinen Einfluss auf Eiablage und Befruchtung. Doch der Effekt auf das Schlupfverhalten war dramatisch“, berichten Fobert und ihre Kollegen. So kam aus den Eiern, die im kontinuierlichen Schein der LED-Lampe inkubiert worden waren, kein Nachwuchs hervor. „Der Fortpflanzungserfolg der Rifffische wurde durch das Nachtlicht komplett zunichte gemacht“, sagt Fobert.

Auch andere Rifffische betroffen?

Entfernten die Wissenschaftler das künstliche Licht, entwickelte sich aus den betroffenen Eiern anschließend doch noch Nachwuchs. „Die Präsenz des Lichts überlagert offensichtlich bestimmte Umweltreize, die normalerweise den Schlupfvorgang initiieren“, erklärt Fobert. Wie genau sich die Lichtverschmutzung auf die Populationen in der freien Wildbahn auswirkt, müssen nun weitere Studien zeigen. Das Forscherteam vermutet aber, dass nicht nur Clownfische von diesem Phänomen betroffen sein könnten. Demnach lassen sich die Ergebnisse wahrscheinlich auch auf andere Rifffische übertragen. So haben viele Arten ein ähnliches Fortpflanzungsverhalten und auch der Zeitpunkt des Schlupfes liegt oft in den Abendstunden. „Unsere Erkenntnisse legen nahe, dass die zunehmende Lichtverschmutzung das Potenzial hat, die reproduktive Fitness von Rifffischen zu beeinträchtigen, die in der Nähe der Küste leben“, konstatiert das Team.

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Die Wissenschaftler fordern nun, den Einfluss des künstlichen Nachtlichts auf unterschiedliche Meeresbewohner in Zukunft genauer zu erforschen. „In Anbetracht der Tatsache, dass dieses Licht den natürlichen Hell-Dunkel-Kreislauf stört, der circadiane, lunare und jährliche Rhythmen initiiert oder reguliert, ist weitere Forschung zu artspezifischen Effekten der Lichtverschmutzung nötig“, erklären sie. Den Effekt der Lichtverschmutzung auf marine Ökosysteme wie Korallenriffe zu verstehen, sei entscheidend. „Nur so können Lösungen entwickelt werden, um den Einfluss des Lichts auf diese ohnehin weltweit bereits gestressten und anfälligen Ökosysteme zu minimieren“, so das Fazit des Forscherteams.

Quelle: Emily Fobert (University of Melbourne, Australien) et al., Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2019.0272

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