Nanoröhrchen gegen Crystal-Meth? - wissenschaft.de
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Nanoröhrchen gegen Crystal-Meth?

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Ein Brocken des kristallinen Methamphetamin (Foto: gemeinfrei)
Wer von der Droge Crystal Meth abhängig ist, dem bleibt nur der kalte Entzug, denn bisher gibt es kein Gegenmittel oder Medikament, das beim Ausstieg helfen kann. Das könnte sich in Zukunft aber vielleicht ändern. Denn ein Forscherteam hat herausgefunden, dass Kohlenstoff-Nanoröhrchen die Wirkung des Methamphetamins schwächen und die Gier nach mehr davon hemmen können. Allerdings: Bisher funktioniert dies bei Mäusen nur, wenn sie die Nanoröhrchen direkt ins Gehirn injiziert bekommen.

Die Droge Crystal Meth – chemisch gesehen ein Methamphetamin – ist tückisch: Einmal eingenommen, sorgt sie sehr schnell für Überflutung des Gehirns mit dem Glückshormon Dopamin. Das löst eine rauschähnliche Euphorie aus, man fühlt sich wacher und leistungsfähiger und empfindet weder Hunger noch Durst. Nach dem Rausch allerdings folgen meist Depression und Lethargie – und die Gier nach einem erneuten Hoch. Als Folge führt Methamphetamin sehr schnell zu psychischer Abhängigkeit und löst bei regelmäßiger Einnahme nach relativ kurzer Zeit auch einen körperlichen Verfall aus. Das Problem: Während es bei Opiaten wie Heroin und auch bei Alkohol Mittel gibt, die die Wirkung der Droge blockieren und auch beim Entzug helfen können, ist dies bei Crystal Meth nicht der Fall. Das Problem: Die Droge wirkt auf zahlreiche verschiedene Stellen im Gehirn, so dass ein Molekül nicht ausreicht, um die Effekte zu blockieren. Allerdings laufen bereits einige Tests mit auf Antikörpern und Nanopartikeln basierenden Mitteln.

Zheng-Xiong Xi von den US National Institutes of Health in Baltimore und Kollegen aus China haben nun einen ganz neuen Ansatz gegen Methamphetamin vorgestellt: Nanoröhrchen. Vorhergehende Studien haben gezeigt, dass Nanoröhrchen einen neuroprotektive Wirkung entfalten können und zudem den Botenstoff Dopamin absorbieren und seinen Abbau beschleunigen können. „Wir haben daher die Hypothese aufgestellt, dass einfachwandige Kohlenstoff-Nanoröhrchen auch in der Behandlung der Drogensucht nützlich sein könnten, weil sie das dabei freigesetzt Dopamin absorbieren und oxidieren“, erklären die Forscher. Um das zu testen, machten sie zunächst Mäuse von Crystal Meth abhängig und gaben ihnen die Möglichkeit, sich über Drücken eines Hebels jederzeit eine weitere Dosis zu verschaffen. Dann spritzten sie einem Teil der Tiere eine kleine Menge von Nanoröhrchenbündeln in das Nervenwasser des Gehirns. Schon 30 Minuten später zeigte sich eine deutliche Wirkung: Während die Kontrollmäuse weiterhin den Hebel bedienten, um Drogennachschub zu bekommen, ließ dieses Suchtverhalten bei den mit Nanoröhrchen behandelten Mäusen stark nach.

Keine Lust mehr auf die Droge

Als nächstes testeten die Forscher, ob die Nanoröhrchen auch das Risiko für einen Rückfall nach einem Entzug verringern können. Dafür entzogen sie den süchtigen Mäusen drei Wochen lang jedes Methamphetamin. Einige Mäuse erhielten dann eine Dosis Nanoröhrchen, bevor sie wieder in den Versuchskäfig mit den Hebeln gesetzt wurden. Und tatsächlich: „Die Vorbehandlung mit Nanoröhrchen blockierte das drogensuchende Verhalten nahezu vollständig“, berichten Xi und seine Kollegen. Statt sich sofort wieder auf die drogenliefernden Hebel zu stürzen, wie es die Kontrollmäuse taten, zeigten die behandelten Mäuse dieses typische Suchtverhalten nicht. Dieser Effekt hielt mindestens drei Tage an und ließ erst zehn Tage später langsam nach, wie die Versuche ergaben. In einem weiteren Experiment führten die Nanoröhrchen zudem dazu, dass die süchtigen Mäuse ihre Vorliebe für die Drogenquelle – den Versuchskäfig mit den Hebeln – verloren. „Damit hemmten die Nanoröhrchen nicht nur die belohnenden Effekte des Methamphetamins, sie hemmten auch das Verhalten, das bei süchtigen typischerweise zu Rückfällen führt“, sagen die Forscher.

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist dies ein sehr vielversprechendes Ergebnis: „Zum ersten Mal demonstriert unsere Studie, dass aggregierte Kohlenstoff-Nanoröhrchen therapeutisches Potenzial für die Behandlung der Methamphetamin-Abhängigkeit besitzen“, konstatieren Xi und seine Kollegen. Wie sie in ergänzenden Versuchen feststellten, verstärken die Nanoröhrchen offenbar den Abbau des Dopamins im Gehirn und mindern damit den Rausch und suchttypische neuronale Veränderungen. Wie genau dies geschieht, ist jedoch noch unbekannt. Dennoch sind die Forscher davon überzeugt, dass es sich lohnt, dieser Wirkung der Nanoröhrchen in weiteren Studien nachzugehen. Wie sie betonen ist dies auch deshalb wichtig, weil noch einige Hürden zu nehmen sind, bis die Nanoröhrchen als Therapie in Frage kommen. Denn bisher funktioniert das Ganze nur, wenn die Nanoröhrchen direkt ins Gehirn gespritzt werden – eine beim Menschen wohl kaum praktikable Anwendungsform. Zudem muss sichergestellt sein, dass die Nanoröhrchen im Gehirn keine langfristig schädlichen Nebenwirkungen entfalten.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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