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Negative Erwartung bewahrheitet sich

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Bei der Einnahme von Medikamenten können schon alleine durch die Angst vor Nebenwirkungen Krankheiten ausgelöst werde. Um diesen sogenannten Nocebo-Effekt zu vermeiden, ist es deshalb das intensive Studium von Beipackzetteln nicht zu empfehlen. Bild: Walter Hochauer, wikipedia.de, cc-by- sa-Lizenz
„Wir müssen Ihr Herz untersuchen.“ Diese Aussage des Arztes trifft viele Patienten wie ein Faustschlag. Hatten sie sich bis dahin weitgehend gesund gefühlt, werden sie nun mit der Möglichkeit konfrontiert, mit ihrem Herzen könnte etwas nicht stimmen. Und auf diesen Schock folgt unwillkürlich die Angst, das weitere Leben als Herzkranker fristen zu müssen oder einen Herzinfarkt zu erleiden. Noch bevor tatsächlich ein Befund vorliegt, kann so ein Kreislauf der Angst beginnen, der schwerwiegende, auch körperliche Folgen haben kann. „Nocebo-Effekt“ – von Lateinisch: „ich werde schaden“ – nennen Mediziner das Phänomen in Anlehnung an den bekannteren Placobo-Effekt, bei der die Erwartung einer Heilung auch tatsächlich Heilung bringt.

Wie weit die Folgen einer solchen Angst vor Krankheit reichen, das haben Wissenschaftler der Universität Marburg in einer Studie untersucht. Die Forscher beobachteten dabei Patienten, die wegen Herzbeschwerden zum ersten Mal einen Kardiologen aufsuchten. Dieser ordnete darauf ein Belastungs-EKG an – eine Routineuntersuchung, die noch überhaupt nichts Schlimmes bedeuten muss. Nur bei jedem zehnten Patienten in einer solchen Situation wird eine krankhafte Störung diagnostiziert. Ein Teil der Patienten bekam von ihren Forschern auch genau diese Versicherung, dass „in 90 Prozent der Fälle alles in Ordnung sei“. Die zweite Patientengruppe hingegen ging ohne diese Information in den Test.

Der Nocebo-Effekt tat seine Wirkung: „Bei den Probanden der ersten Gruppe verschwanden die Herzprobleme meist viel rascher als bei den Probanden aus Gruppe 2“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Klaus Wilhelm in einem Beitrag im Märzheft der Zeitschrift „bild der wissenschaft“. Auch „kauften die Hälfte der Leute aus Gruppe 2 ihrem Arzt einen unauffälligen Befund nicht ab“, erläutert Winfried Rief, Leiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Marburg. Es folgte eine fortwährende Unsicherheit und häufige Arztbesuche. „Der Nocebo-Effekt spielt im modernen Medizinbetrieb eine immense Rolle. Und viele seiner negativen Folgen könnten wir verhindern“, sagt Rief.

Ein Mitschuld daran trügen häufig die Ärzte selbst, erklärt der Psychosomatik-Experte Paul Enck in „bild der wissenschaft“ und kritisiert die von vielen Ärzten häufig geäußerten „leichtsinnig dahergeredeten Verdachtsdiagnosen“. Da würden Mediziner manchmal beifällig Begriffe wie „Tumor“ fallen lassen, was nahezu jeder Patient sofort als Krebs auffassen würde, obwohl es ebenso auch gutartige Tumoren gibt. Oder Orthopäden lassen sich zu Aussagen hinreißen wie „Ihre Wirbelsäule ist ein Wrack“, was bei den häufig auch psychosomatisch bedingten Rückenschmerzen fatale Auswirkungen haben kann.

Der Nocebo-Effekt ist dennoch ein nach wie vor wenig erforschtes Terrain. Lediglich rund hundert wissenschaftliche Studien existieren zu dem Phänomen. Die extremste Erscheinungsform des Effekts hingegen ist in zahlreichen wilden und oft wenig glaubwürdigen Geschichten überliefert: Sie handeln vom Voodoo-Zauber, bei denen dem Betroffenen in Sprüchen und Beschwörungen der baldige Tod vorhergesagt wird – der schließlich denn auch aufgrund dessen unbändigen Angst auch eintritt, glaubt man den Berichten.

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Wie weit die Angst vor Krankheit und Tod beim Menschen jedoch tatsächlich reicht, ist in Laborversuchen aus ethischen Gründen selbstverständlich nicht zu ermitteln. Forscher der Universitätsklinik Essen konnten jedoch in Versuchen an Ratten einen deutlichen Zusammenhang nachweisen: Der Forscher Manfred Schedlowski verfrachtete die Tiere in eine enge Röhre und infizierte sie mit einem Bakterium. Die durch die Enge gestressten Nager starben daraufhin tatsächlich an der eigentlich harmlosen Infektion, während deren Artgenossen ohne Stress überlebten. Chronische Ängste könnten auch beim Menschen das Immunsystem so stark unterdrücken, dass es selbst Allerweltskeimen nicht mehr ausreichend Paroli bieten kann, vermutet Schedlowski.

Besonders weit verbreitet dürfte der Nocebo-Effekt bei Medikamenten und ihren Nebenwirkungen sein, vermuten Wissenschaftler. Darauf deuten nicht zuletzt Studien hin, bei denen die Nebenwirkungen von Medikamenten untersucht werden sollen. Wird ein Patient vor der Gabe eines Mittels über dessen potenzielle Nebenwirkungen aufgeklärt, so entwickeln viele Probanden eben diese Syptome – auch wenn sie ein Zuckerpräparat ohne Wirkstoffe erhalten hatten. „Die Erwartung prägt den Nocebo-Effekt“, erklärt Winfried Rief, der in einem Test bei jedem fünften Patienten solche Nocebo-Nebenwirkungen beobachtet hat.

Mit Grauen denkt der Marburger Mediziner dabei an die Medikamenten-Beipackzettel, in denen extremste Nebenwirkungen beschrieben sind. Da hilft häufig dann auch nicht, dass in den Beschreibungen wortreich erklärt wird, wie selten diese sind. „Ein Laie kann das oft nicht beurteilen und bricht unbegründet die Therapie ab“. Die Kosten dieser Nocebo-Effekte bei Medikamenten sind enorm und belaufen sich allein in Deutschland auf zwei bis drei Milliarden Euro, schätzen Experten. Rief rät Ärzten und Apothekern, ihre Patienten gezielt auf die wahrscheinlichen Nebenwirkungen eines Medikaments hinzuweisen und die extrem unwahrscheinlichen Fälle auszuklammern. Ziel sei es, zu verhindern, dass die Patienten mit einer depressiven Grundhaltung an ihre Therapie herangehen. „Das muss man als Arzt ernst nehmen und alles dafür tun, negative in positive Erwartungen zu verwandeln“, erklärt Rief.

ddp/wissenschaft.de – Ulrich Dewald
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