Neue Hände für ein Bombenopfer - wissenschaft.de
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Neue Hände für ein Bombenopfer

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Erfolgs-Story der Transplantations-Technik – Dem Kärntner Polizisten Theo Kelz, der 1994 bei der Untersuchung einer Rohrbombe beide Hände verloren hatte, wurden Dienstag und Mittwoch zwei neue Hände transplantiert. Die Operation dauerte 17 Sunden und war die erste dieser Art in Österreich, die zweite weltweit.

Inzwischen ist der Patient aus dem Tiefschlaf erwacht. Nach Angaben der Ärzte an der Universitätsklinik Innsbruck sei er in „gutem Allgemeinzustand“. Die neuen Hände seien gut durchblutet. Die größte Schwierigkeit sei die Suche nach einem geeigneten Spender gewesen, heißt es aus Innsbruck. Genaue Angaben über den Spender wurden nicht veröffentlicht, es handelt sich um einen Mann, dem man nach seinem Hirntod und in Absprache mit seiner Ehefrau die Hände abgenommen hat. Er habe eine ähnliche Statur und Größe sowie anatomisch schöne Hände gehabt, so der Transplantationschirurg Univ. Prof. Raimund Margreiter.

Ein 18-köpfiges Ärzteteam haben in einer Marathonoperation programmgemäß und ohne Komplikationen diesen in Österreich einzigartigen Eingriff vorgenommen. Mit den beiden Händen wurden dem Polizisten auch einige Zentimeter Unterarm transplantiert, um die Funktionalität der Hände sicherzustellen, berichtet der Unfallchirurg Univ. Prof. Sigurd Friedrich Pechlaner, Spezialist für Handtransplantationen. Die Herausforderung hätte darin gelegen, die beiden unterschiedlichen Skelette zusammenzuführen.

Der 45-jährige Patient wurde nach der Operation vorerst im Tiefschlaf gehalten, um unnötige Handbewegungen zu verhindern. Nun wird es vom Heilungsverlauf abhängen , wann Theo Kelz in einem Rehabilitationszentrum seine neuen Hände trainieren kann. Die Ärzte rechnen in den nächsten Wochen mit ersten Bewegungen der Hände. Doch diese werden nicht voll funktionstüchtig sein. Kelz werde leichte Tätigkeiten absolvieren und vielleicht auch Auto fahren können, so die Experteneinschätzung.

Dem Patienten wurden starke Medikamente verabreicht, um eine Abstoßungsreaktionen zu verhindern. Die größte Gefahr der Abstoßung besteht in den ersten Wochen nach dem Eingriff. Bis der Patient sinnvolle Bewegungen machen kann, wird noch ein Jahr vergehen.
Bislang gab es weltweit erst eine Transplantation dieser Größenordnung. Ein internationales Ärzteteam hatte in Lyon einem Franzosen zwei Spenderhände angenäht.

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Lanjährige Erfahrungen mit Retransplantationen gingen voraus

Diese Erfolge sind möglich geworden, weil die Retransplantations-Technik, bei der Unfallopfer eigene Gliedmassen wieder angenäht bekommen, auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Bereits in den 60er Jahren war amerikanischen Chirurgen ein Meisterstück geglückt. Im amerikanischen Boston hatten Ärzte einem Mann den abgetrennten Unterarm wieder angenäht und erstmals durch die weitgehende Verbindung der Nerven die Beweglichkeit der Hand wieder hergestellt.
Seither replantieren überall in der Welt Mediziner Füße, Beine, Hände, Arme, Ohren, Nasen oder den Penis. Allein in Deutschland können nach Schätzung des Plastischen Chirurgen Robert Hierner von der Medizinischen Hochschule Hannover rund 5 000 Menschen ein ziemlich normales Leben führen, weil ihnen Gliedmaßen in langwierigen Operationen wieder angenäht wurden.

«Die meisten unserer Kunden haben mit der Kreissäge gespielt», sagt Hierner, einer der wenigen deutschen Spezialisten auf dem Gebiet der Replantationschirurgie. Daher sind auch vier von fünf Patienten Männer, weiß Prof. Edgar Biemer, Chef der Plastischen Chirurgie des Münchener Klinikums Rechts der Isar, aus langjähriger Erfahrung. Die meisten Unfallopfer, die auf dem OP-Tisch der Experten landen, haben einen oder mehrere Finger verloren. Diese wieder anzunähen, erfordert die allermeiste Mühe. «Wegen der größeren Gefäße ist es wesentlich einfacher, ein Bein oder Arm zu replantieren», betont Biemer. Während ein Unterarm nach Hierners Aussage bereits in vier Stunden wieder an seinem angestammten Platz sitzen kann, benötigen die Chirurgen für die Replantation eines Fingers wesentlich mehr Stehvermögen: 16 Stunden Operationszeit sind die Regel.

In diesem Jahrhundert versuchten Ärzte immer wieder, Verletzten ihre amputierten Extremitäten operativ zurückzugeben, allerdings mit mäßigem Erfolg. 1914, so wird berichtet, wurde ein fast völlig abgetrennter Oberarm angenäht. 1936 gelang es einem amerikanischen Arzt, einen abgetrennten Unterarm zu replantieren. Aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges wissen die Experten von mehr als 40 Fällen zu berichten, nicht aber immer über das Gelingen der Eingriffe.
Die eigentliche Ära jedoch begann in den 60er Jahren, nachdem die OP-Techniken ausgeklügelter und das Material zum Nähen feiner geworden waren. Heute vergeht kein Monat ohne Meldungen über weitere Operationen. Erstmals im Sommer 1987 gaben Ärzte einem Soldaten seine Männlichkeit zurück: Die eifersüchtige Frau hatte den Penis des jungen Mannes abgeschnitten. Zwei Jahre später nähten Spezialisten im US-Bundesstaat Arizona einem Zehnjährigen den Kopf wieder an, der bei einem Unfall fast vollständig bis auf die Wirbelsäule abgerissen war.

Trotz der präzisen Arbeit der Mikrochirurgen: «Nach der Operation müssen die Patienten mit Einschränkungen rechnen», betont Biemer, auch wenn sie eine angenähte Hand nach einigen Wochen wieder bewegen und damit greifen können. Bei dem Eingriff stabilisieren die Ärzte den Knochen und verbinden genaustens Sehnen- sowie Nervenenden. Schließlich werden Blutgefäße angeschlossen und die Haut vernäht.

Transplantation von Spender-Gliedmassen nicht unumstritten
Die Operation in Lyon hatte für weltweite Schlagzeilen gesorgt. Einem 33-jährigen Franzosen waren dort beide Hände sowie die vorderen Teile der Unterarme eines Spenders angenäht worden. Bereits 1998 war denselben Ärzten mit dem Annähen einer Spender-Hand bei einem 49-jährigen Neuseeländer eine Weltpremiere gelungen.

Allerdings halten Biemer wie auch Hierner derartige Operationen angesichts des Risikos für den Patienten zumindest für problematisch. Denn der muss nun seiner Leben lang Medikamente zur Unterdrückung der Immunabwehr einnehmen, um die Abstoßung der fremden Körperteile zu verhindern. Damit aber ist er der Gefahr schwerer Erkrankungen nahezu hilflos ausgesetzt.

«Bekommt ein Schwerstkranker ein Spenderherz, ist dies ethisch eindeutig vertretbar», sagt Biemer. Denn sonst stirbt er. Bei der Transplantation einer Hand aber gilt es, die Gefahren und den Nutzen für den Patienten abzuwägen. In Deutschland müsste ohnehin in einem solchen Fall die zuständige Ethikkommission der Hochschule «Grünes Licht» geben. Auch gesetzlich ist bislang nur die Spende von Organen geregelt, nicht aber von Gliedern. Dennoch sagt Biemer, der seit 25 Jahren in München die Replantationsmedizin vorantreibt: «Wir sind vorbereitet.»

dpa, APA, Eva Manhardt
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