Neuer Blick auf die Gruppenintelligenz - wissenschaft.de
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Neuer Blick auf die Gruppenintelligenz

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Nest der sozialen Wespenart Mischocyttarus mexicanum (Sean O'Donnell)
Die Gesellschaft, in der wir leben, prägt nicht nur unser Verhalten – es hat auf lange Sicht auch Auswirkungen auf die Entwicklung unseres Gehirns. Nach gängiger Theorie war es das Zusammenleben in komplexen sozialen Gruppen, das bei unseren fernen Vorfahren das Wachstum des Gehirns auslöste. Doch die simple Gleichung „komplexe Gesellschaft gleich großes Gehirn“ stimmt nicht für alle Tiere. Bei sozialen Insekten scheint sie sich sogar umzukehren, wie Forscher nun herausfanden: Bestimmte Teile im Gehirn der einzelnen Tiere schrumpfen sogar, wenn sie Kolonien bilden.

Nach der sogenannten „Social Challenge“- Hypothese ist die Interaktion und vor allem die Konkurrenz mit Artgenossen eine wichtige kognitive Herausforderung: Ständig müssen die Absichten des anderen abgewogen und die eigene Stellung in der Gemeinschaft ermittelt und falls nötig gestärkt werden. Solche geistigen Herausforderungen führen dazu, dass sich das Gehirn im Laufe der Zeit anpasst und wächst. „Man nimmt daher an, dass mit wachsender Komplexität einer sozialen Gemeinschaft auch die Gehirngröße einer Tierart zunimmt“, erklären Sean O’Donnell von der Drexel University in Philadelphia und seine Kollegen. Tatsächlich lässt sich dies bei Säugetieren, Vögeln und Fischen beobachten und auch das große Gehirn von uns Menschen gilt als Produkt dieser Entwicklung. Aber Wirbeltiere sind nicht die einzigen Organismen, die große, soziale Gemeinschaften bilden: Auch soziale Insekten wie Wespen, Bienen, Ameisen oder Termiten leben in komplexen Staaten.

Soziales Leben – kleineres Gehirn

O’Donnell und seine Kollegen haben nun untersucht, ob die Social Challenge Hypothese auch bei diesen Insekten gilt. Dafür untersuchten sie die Gehirnarchitektur bei 29 verschiedenen Wespenarten – einige davon waren solitär lebend, andere lebten in kleinen Gruppen, wieder andere bildeten komplexe Staaten. Als Maß für die Hirnentwicklung nutzten die Forscher die sogenannten Pilzkörper im Vorderhirn der Wespen. Diese Region ist für die Verarbeitung von Sinneseindrücken zuständig und gilt als entscheidend für das assoziative Lernen und das räumliche Gedächtnis der Insekten. Die Wissenschaftler prüften nun, ob die Pilzkörper im Gehirn sozialer Wespenarten größer sind als in dem von solitären Arten – was nach der Social Challenge Hypothese so sein müsste. „Die Antwort war ein lautes Nein“, sagt O’Donnell. „Stattdessen war das Gegenteil der Fall.“ Bei den Arten, die sozial lebten, waren die Pilzkörper deutlich kleiner ausgebildet als bei den solitären Wespenarten. Das Zusammenleben in sozialen Gemeinschaften führt bei diesen Insekten demnach sogar zu einem Schrumpfen der für höhere Funktionen zuständigen Hirnareale, wie die Forscher erklären.

„Aber warum sind die Insekten in dieser Beziehung so anders als wir?“, fragt O’Donnell. „Wir vermuten, dass die Antwort darin liegt, wie diese Insektengesellschaften zusammengesetzt sind.“ Denn beim Menschen und bei den meisten anderen Wirbeltieren bestehen größere Gemeinschaften aus eher wenig oder gar nicht verwandten Einzeltieren. Im Zweifelsfall muss daher jeder Einzelne zusehen, dass seine Interessen sich durchsetzen. „Im Gegensatz dazu sind Insektengemeinschaften normalerweise Familienverbände“, erklärt der Forscher. Alle Angehörigen eines Staates sind miteinander verwandt und haben meist das gleiche Ziel: Das Überleben der Kolonie und vor allem der Königinnen zu sichern. Kombiniert mit dem stark kooperativen Miteinander in diesen Kolonien könnte dies nach Ansicht der Forscher bedeuten, dass es für den Einzelnen nicht so wichtig ist, sich als Individuum zu profilieren.

„Solche kooperierenden Kolonien folgen daher eher der Strategie der geteilten Hirnleistung“, so O’Donnell. „Auch wenn die einzelnen Tiere ein kleineres Gehirn haben, zusammen als Ganzes sind sie schlau.“ Die Staaten sozialer Insekten gleichen damit nicht nur in ihrer Arbeitsteilung und Organisation einem Superorganismus, auch ihre Intelligenz ist übergeordnet und speist sich erst aus dem Zusammenwirken vieler einzeln eher dummer Individuen. „Das zeigt, dass es mehr als einen Weg gibt, wie komplexe Gesellschaften und Intelligenz sich gegenseitig beeinflussen können“, konstatieren die Forscher. Sie wollen nun untersuchen, ob auch bei anderen Insekten wie Bienen, Termiten oder Schaben das Gehirn bei sozialen Arten kleiner ist als bei solitären.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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