Interview mit Bioland-Präsident „Nur die Agro-Industrie hat eine Chance“ - wissenschaft.de
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Interview mit Bioland-Präsident

„Nur die Agro-Industrie hat eine Chance“

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Biogasanlage © Visions-AD - Fotolia.com
Der Trend zu immer mehr und immer größeren Biogasanlagen schafft mehr Probleme als er löst: Bioland-Präsident Jan Plagge kritisiert das Erneuerbare Energien Gesetz vehement und fordert, dass die Boni ökologisch ausgerichtet werden müssen.

Fotolia_41117620_XS_250.jpgSie kritisieren die derzeitige Biogasförderung scharf. Warum?
Plagge: Derzeit profitieren vor allem die diejenigen, die Land besitzen von den hohen Pachtpreisen, die hauptsächlich von den Stromkunden bezahlt werden – direkt über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Es gibt ja viele Bauern, die das auch machen.
Es gibt viele Bauern, die auch Landbesitzer sind, die profitieren am meisten. Im Moment haben wir eine durchschnittliche Quersubvention durch das EEG von etwa 2000 Euro pro Hektar. Das ist ein vom Thünen-Institut errechneter Durchschnittswert und einer Studie aus dem Jahr 2012. Das ist eine Fehlsteuerung durch das Gesetz, die zu einer immer ausgeräumteren Landschaft führt. Kleine Bauern, die Lebensmittel erzeugen, werden verdrängt, die Gewinner sind die Bauern, die Betriebe, die immer mehr auf Wachstum und industrielle Maisproduktion setzen. Diejenigen, die ökologische und regionale Lebensmittel produzieren, sind die Verlierer.

Das sind also nicht nur die Biobauern, sondern auch die kleinen Familienbetriebe…
Ja, alle Betriebe gehören zu den Verlierern, die Lebensmittel mit einer vielfältigen Fruchtfolge produzieren, mit einer regional angepassten Intensität, entweder voll ökologisch oder mit wenig Dünge- und Spritzmitteleinsatz. Also alle, die vernünftig produzieren. Und das sind selbstverständlich auch viele konventionell wirtschaftende Betriebe, die mit dieser Entwicklung nicht mehr mithalten können.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Weil die schwarz-gelbe Bundesregierung eine Politik gegen die Ökologisierung der Landwirtschaft betreibt. Das muss man ganz klar sagen. Wir von Bioland haben bei den letzten drei Reformen des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) darauf hingewiesen, dass man auch ökologische Wege, Biogas zu erzeugen, honorieren muss, und die Ausräumung der Landwirtschaft nicht fördern darf. Beispielsweise durch eine besondere Förderung von mehrjährigem Kleegras und einer ökologisch vielfältigen Fruchtfolge. Da gibt es viele Praxisbeispiele, die zeigen, dass man das so machen kann. Aber genau diesem Weg einer ökologischen Biogasproduktion hat die Bundesregierung Tür und Tor verschlossen. Und das mehrmals mit bewussten Entscheidungen. Ich würde mich freuen, wenn sie schreiben: Daran ist nur die Bundesregierung Schuld, die das EEG so ausgestaltet hat, dass nur die Agro-Industrie eine Chance hat.

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Was hat die Bundesregierung im Detail gemacht?
Es geht ja um die Boni-Regelung. Im EEG ist ein Bonus auf den Strompreis festgeschrieben, wenn die Substrate aus nachwachsenden Rohstoffe bestehen – der sogenannte Nawaro-Bonus. Der ist für Silomais genauso hoch wie für Kleegras. Alle Experten sagen, es ist vollkommener Nonsense, hier keine Differenzierung zu machen. Bei Kleegras brauche ich überhaupt keine Spritz- und Düngemittel, ich habe überhaupt keine Erosion; und ich habe eine deutlich bessere Energiebilanz. Das wird nirgends berücksichtigt.

Kleegras – kann man mehrjährig anbauen?
Das kann man nur mehrjährig anbauen. Und das wurde in dem Gesetz falsch berücksichtigt. Da hat die Bundesregierung angenommen, man können Kleegras als Zwischenfrucht anbauen, dann bekommt man einen höheren Bonus. Aber das macht überhaupt keinen Sinn. Kleegras braucht mindestens ein Jahr, um sich zu entwickeln und ausreichend Wurzeln zu binden. Kleegras ist immer eine mehrjährige Frucht. In der Verordnung wird Kleegras für die höchste Vergütungsstufe aber nur als Zwischenfrucht angesetzt. Da haben wir zigmal über Pressemeldungen, Stellungnahmen, direkte Gespräche bis ins Kanzleramt immer wieder darauf hingewiesen, dass das zu einer kompletten Fehlsteuerung in der Landschaft führt. Aber die Bundesregierung ist bei diesem Punkt bis zu Herrn Altmaier, mit dem ich persönlich darüber gesprochen habe, absolut uneinsichtig.

Bei der letzten Verordnung wurde aber doch die Menge von Mais, die man in den Fermenter geben darf, von 80 auf 60 Prozent reduziert. Parallel dazu wurde die Vergütung für Bauern, die mit 80 Prozent Gülle arbeiten, auf 25 Cent pro Kilowattstunde erhöht. Ist das nicht ein Weg in die richtige Richtung?
So ist es. Aber das ist trotzdem nicht ausreichend. Wenn man sich jetzt den Zubau und die Erweiterung von bestehenden Anlagen anschaut, dann ist das einfach nicht ausreichend. Das Wachstum findet derzeit hauptsächlich durch die Erweiterung bestehender Anlagen statt. Aber ich gebe ihnen Recht, das ist eine Entwicklung in die richtige Richtung, die Verwertung von Reststoffen wie Gülle besser zu vergüten und den Maisanteil herunterzuschrauben. Aber es ist immer noch ein Maisanteil von 60 Prozent, der die hohe Vergütungsstufe erhält. Und das ist einfach zu hoch. Was man vergessen hat, ist eine Alternative zu schaffen für Bauern oder für Biobauern, die in ihrer ökologischen Fruchtfolge sehr gut Substrate für Biogasanlagen anbauen können. Da müsste durch einen Förderabstand einen fairen Wettbewerb zum Mais geschaffen werden. Die letzte Anpassung war ein kleiner Schritt, der aber nur wenig gebracht hat.

Ein großes Problem sind die gestiegenen Pachtpreise. Was bedeutet das speziell für die Biobranche?
Für die Biobranche bedeutet das, dass derzeit kaum neue Flächen wirklich ökologisch bewirtschaftet werden, und dass viele langjährig ökologisch bewirtschaftete Flächen in Gefahr stehen, wieder konventionell bewirtschaftet zu werden. Das ist die aktuelle Situation. Die Produktion von lokalen und ökologischen Lebensmittel rechnet sich deutlich weniger als die Maisproduktion für Biogas. Deshalb wandert die Produktion von ökologischen Lebensmitteln sukzessive weg von ökologischen Lebensmitteln und hin zu Silomais.

Es gibt ja gezielt Förderungen für den ökologischen Landbau. Gleichen die diese gestiegenen Kosten nicht aus?
Nein, überhaupt nicht. Die durchschnittliche Förderung von Biolandbau beträgt 170 Euro pro  Hektar. Mais-Anbau für Biogas hat eine Subventionierung von 2000 Euro. Da reichen die 170 Euro nicht aus, um diesen Wettbewerbsnachteil auszugleichen.

Im vergangenen Jahr hat sowohl die Zahl der ökologisch wirtschaftenden Betriebe (+270) als auch die gesamte Fläche zugenommen, auf der Biolandbau betrieben wird (+2,3 Prozent). Da kann es der Bio-Branche doch nicht so schlecht gehen.
Das widerspricht dem nicht. Das ist ein Zeichen dafür, dass der generelle Trend weiter in Richtung Biolandbau geht. Sowohl bei den Bauern wie bei den Verbrauchern. Wenn man sich die Marktentwicklung anschaut, die wir vergangenes Jahr hatten, dann hatte die Biobranche in den unterschiedlichen Segmenten ein Marktwachstum zwischen acht und zehn Prozent. Da geht die Schere seit Jahren immer weiter auseinander. Der Verbrauch an Biolebensmittel steigt immer weiter, der Zuwachs an Fläche und Betrieben kommt nur sehr langsam voran. Zwei Prozent Flächenwachstum ist zu wenig, um den heimischen Bedarf an Biolebensmitteln zu decken

Wir sieht es mit konventionellen Betrieben aus? Geraten die nicht auch unter Kostendruck?
Im Milchbereich ist es so, dass die Wirtschaftlichkeit der Milchviehhaltung im konventionellen Bereich sehr stark von den Kraftfutterkosten abhängt, im Biobereich davon, ob die Kühe von eigenem Gras leben. Biobetriebe sind in der Regel wirtschaftlicher als die meisten konventionellen Betriebe. Im Getreidebereich ist es so, dass wir derzeit eine sehr positive Entwicklung im konventionellen Getreidemarkt haben. Die Preise im Biomarkt sind bei Getreide nicht so stark gestiegen wie im konventionellen Bereich. Das liegt daran, dass die Preisschwankungen auf dem Getreideweltmarkt im Biobereich nicht so mitgemacht werden.

Auf ihrer Webseite schreiben Sie, dass durch die gestiegenen Pachtpreise die Erzeugung von einem Liter Milch ungefähr sieben Cent teurer wird. Gilt das für konventionelle wie für Biobetriebe?
Das gilt für beide.

Kennen Sie Walter Danner, den Betreiber der Firma Snow Leopard Projects. Herr Danner baut der alternative Biogasanlagen und will speziell Biobauern helfen, ebenfalls Biogas erzeugen zu können. Was halten Sie von dem Ansatz?
Das ist hochspannend. Herr Danner arbeitet gerade an der Kombination von ökologischem Landbau und der Biogasanlage. Ich halte es für eine ideale Kombination, mit Reststoffen und mit Kleegras Biogas zu erzeugen. Dadurch kann man den Nährstoffkreislauf deutlich besser nutzen als ohne Biogasanlage. Das ist ein Ansatz, dass ich mit meinen eigenen Nährstoffen auf dem Betrieb haushalte und gleichzeitig auch noch Energie erzeuge – das ist eine wirklich gute Entwicklung.

Gibt es Bauern, die solche Anlagen schon nutzen?
Das weiß ich nicht genau. Aber ich weiß, dass es ungefähr 150 und 200 Bio-Betriebe gibt, die auch Biogasanlagen betreiben. Das sind oft Eigenentwicklungen von verschiedenen Anlagenbauern, die zeigen, dass man sehr gut mit Kleegras und Reststoffen arbeiten kann.

Was muss die Politik tun, damit Biogas und Naturschutz miteinander harmonieren und Biogas zu einer guten Möglichkeit wird, die Energiewende zu unterstützen?
Wir brauchen Vorfahrt für Substrate, die wirklich nachhaltig ökologisch angebaut werden können. Dazu gehört nicht der Mais, dazu gehören neben den Reststoffen eben vor allem das Kleegras, was nicht nur für Biobetriebe, sondern auch für konventionelle eine ideale Fruchtfolge-Ergänzung. Kleegras macht uns deutlich unabhängiger vom Erdöl. Denn das muss man auch wissen: Die ganze Fruchtbarkeit der konventionellen Landwirtschaft, sprich die ganzen Düngemittel, werden heute aus Erdöl hergestellt. Das ist auch ein Teil der Energiewende, den man berücksichtigen muss. Baut man Früchte und Leguminosen an, die mit Sonnenenergie ihren eigenen Dünger erzeugen können, den Stickstoff, dann trägt man wesentlich dazu bei, dass wir zu einer Landwirtschaft kommen, die immer unabhängiger von nicht erneuerbaren Ressourcen wird, sprich vom Erdöl. Die Politik muss unbedingt Substrate unterstützen, die ohne Erdöl produziert werden können.

Ich erinnere mich an die Jahre, in denen ich Leiter im Umweltzentrum Stuttgart war. Damals bestand schon die Forderung einer Energiesteuer auf Stickstoffdünger. Damit wären die meisten Probleme in der Landwirtschaft gelöst. Auf solche einfache Formeln lässt sich das manchmal reduzieren.
Genau das. Deshalb muss die Politik eine Abgabe auf Stickstoffdünger und Pestizide erheben, mit der dann wieder das Umsteuern in der Landwirtschaft finanziert werden können. Das fordern wir schon lange.

Das Interview führte Horst Hamm.

Jan-Plagge_sw_low-150.jpg Jan Plagge ist Präsident ökologischen Anbauverbands Bioland e.V.

Foto links: Jan Plagge – credit: Bioland
Foto oben: Biogasanlage © Visions-AD – Fotolia.com

© natur.de – Horst Hamm
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