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Umwelt+Natur

Nur drei Prozent der Landfläche sind unberührt

Regenwald
Blick auf den Atlantischen Regenwald in Brasilien. (Bild: FG Trade/ iStock)

Echte Wildnis ist auf unserem Planeten rar geworden. Wie viele vom Menschen unberührte Naturgebiete mit natürlichem Tierbestand es heute noch gibt, haben nun Forschende mit einem neuen Ansatz untersucht. Demnach sind nur noch drei Prozent der irdischen Landfläche ökologisch unberührt. Ansiedlungs- und Schutzmaßnahmen können den Anteil aber vermutlich auf 20 Prozent steigern.

Der Mensch hat die Landschaften der Erde im Laufe der Zeit drastisch verändert: Aus Wildnis wurde Ackerland, aus Regenwäldern Ölpalmen-Plantagen und immer mehr Flächen sind durch menschliche Bauten geprägt. Diese Veränderung der Landnutzung trägt zur Verarmung der Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren bei – an manchen Standorten sogar stärker als der Klimawandel. Deshalb gelten Wildnisgebiete, die vom Menschen nahezu unberührt sind, als Priorität für den Erhalt und Schutz der Biodiversität und sollen künftig stärker gesichert werden.

Wie viele unberührte Gebiete gibt es noch?

Doch wie groß ist weltweit der Anteil an Wildnisgebieten, die noch intakte Lebensräume darstellen? Der Frage sind nun Forscher um Andrew Plumptre von der Cambridge University auf den Grund gegangen. „Wir wissen, dass intakte Habitate zunehmend verloren gehen, gleichzeitig ist der Wert von intaktem Lebensraum sowohl für die biologische Vielfalt als auch für den Menschen nachgewiesen“, so Plumptre. Frühere Untersuchungen dazu bezogen sich jedoch nur darauf, welche Landflächen frei von größeren menschlichen Störungen wie Siedlungen, Straßen und Licht- sowie Lärmbelästigung sind und ergaben, dass bis zu 40 Prozent der terrestrischen Oberfläche in dieser Hinsicht noch intakt sind.

In ihrer Studie wählten Plumptre und seine Kollegen jedoch einen erweiterten Ansatz: Statt sich nur auf menschliche Einflüsse zu konzentrieren, suchten sie nach sogenannten „Key Biodiversity Areas“ (KBA). Dabei handelt es sich um Regionen, die nach standardisierten Kriterien als essenziell wichtig für den Erhalt und Schutz von Tier- und Pflanzenarten gelten. Dies können zum Beispiel Brutplätze, wichtige Rast- und Überwinterungsgebiete und Areale, die zur Nahrungssuche dienen, sein. Das Forscherteam prüfte diese Regionen dabei nach dem sogenannten Kriterium C. Dieses besagt, dass in einer intakten ökologischen Gemeinschaft alle dort bekannten Arten in ihrer natürlichen Häufigkeit vorkommen, es also keinen Verlust von Tieren in diesem Gebiet gibt. Zusätzlich bewerteten die Wissenschaftler auch die funktionale Unversehrtheit der Regionen und damit, ob Einbußen bei Arten bereits die gesunde Funktion dieser Ökosysteme beeinträchtigt.

Als Vergleichsgröße des Tiervorkommens wählten die Forscher das Jahr 1500 nach Christus, da es das Basisdatum für die Bewertung des Artensterbens in der Roten Liste der bedrohten Arten der IUCN ist. Anhand ihrer Untersuchungen definierten Plumptre und sein Team dann den Anteil der Gebiete, die heute unter das Key Biodiversity Area-Kriterium C fallen.

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97 Prozent der Landfläche nicht intakt

Das Ergebnis: Tatsächlich scheint die Zahl der noch ungestörten Landflächen weltweit geringer zu sein als bislang angenommen. So stellten die Wissenschaftler fest, dass sich nur zwei bis drei Prozent der Landoberfläche der Erde nach dem Kriterium C als ökologisch intakte Gebiete definieren lassen – zehnmal weniger als die Ergebnisse früherer Studien nahegelegt hatten. Denn diese hatten nicht miteinbezogen, dass vielerorts Tierbestände auch abnahmen, weil sie von Menschen gejagt wurden oder aufgrund von invasiven Arten oder Krankheiten verloren gegangen sind, so die Forscher. „Zu den Gebieten, die noch als funktional intakt identifiziert werden können, gehören Ostsibirien und Nordkanada für boreale und Tundra-Biome, Teile der tropischen Wälder des Amazonas und des Kongobeckens sowie die Sahara-Wüste“, so Plumptre und sein Team. Allerdings gelten derzeit nur elf Prozent dieser Regionen als Schutzgebiete. Einige der als noch ungestört identifizierten Orte lagen in Territorien, die von indigenen Gemeinschaften verwaltet werden, die damit offenbar eine entscheidende Rolle bei dem Erhalt dieser Gebiete spielen, wie die Forschenden erklären.

Interessant jedoch: Zwar kann aktuell nur ein sehr geringer Teil der Erde als intakte Ökosysteme bezeichnet werden. Dennoch könnte sich der Anteil zukünftig wieder erhöhen. „Die Ergebnisse zeigen, dass es möglich sein könnte, das Ausmaß der ökologisch intakten Flächen durch die gezielte Wiederansiedlung von Arten, die in Gebieten verloren gegangen sind, wieder auf bis zu 20 Prozent zu erhöhen – vorausgesetzt, die Bedrohungen für ihr Überleben können angegangen werden“, erklärt Plumptre. Wenn nur bis zu fünf Arten an bisher kaum Menschen genutzten Orten angesiedelt werden, könnten an diesen Gebieten wieder vollständig intakte Lebensräume entstehen, vermutet das Forscherteam.

Die Identifizierung der Regionen unter dem Key Biodiversity Area-Kriterium C kann laut der Forscher dabei helfen, die Naturgebiete zu identifizieren, die künftig mit Priorität geschützt oder wiederhergestellt werden sollten. „Es ist notwendig, diese besonderen Orte innerhalb intakter Lebensräume anzuerkennen, an denen die volle funktionale Unversehrtheit besteht, und Pläne zu erstellen, um die Wiederherstellung auf Gebiete zu konzentrieren, in denen die ökologische Integrität wieder aufgebaut werden kann“, so Plumptre abschließend.

Quelle: Frontiers, Fachartikel: Frontiers in Forests and Global Change, doi: 10.3389/ffgc.2021.626635/full

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