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Umwelt+Natur

Nutzloser Schwänzeltanz?

Kehrt eine Biene von einem lukrativen Ausflug zurück, beginnt sie im Stock informativ zu tanzen. (Bild: Christoph Grüter)

„Zwei Kilometer nördlich vom Stock gibt es viel Nektar zu holen“ – durch den berühmten Schwänzeltanz vermitteln Bienen ihren Kolleginnen Richtungsinformationen für die Sammeltätigkeit. Es handelt sich um ein wichtiges Erfolgskonzept der Bienen, könnte man meinen. Doch nun legt eine Studie nahe: Unter bestimmten Umständen sammeln Bienenvölker sogar erfolgreicher Nahrung, wenn sie die Tanz-Kommunikation nicht nutzen. Ein Grund könnte der durch menschliche Einflüsse veränderte Lebensraum sein, erklären die Forscher.

Es ist ein faszinierendes Informationssystem: Kehrt eine Biene von einem lukrativen Ausflug zurück, beginnt sie im Stock zu tanzen. Der Winkel, mit dem sie dabei über die Wabe wackelt, vermittelt den Beobachterinnen die Flugrichtung, in der die lukrative Futterquelle liegt und die Tanz-Geschwindigkeit gibt ihnen Entfernungsinformationen. Anschließend folgen die Zuschauerinnen dann der Wegbeschreibung zum Futterplatz. Doch wie günstig wirkt sich dieses Kommunikationssystem auf den Erfolg von Honigbienen tatsächlich aus? Überraschenderweise gilt dies bislang als unklar.

Welchen Vorteil bringt der Schwänzeltanz?

Wie ein Blick auf die artenreiche Insektengruppe der Bienen nahelegt, scheint das Kommunkationssystem nicht grundlegend wichtig für den Erfolg der Nektarsammler zu sein: Nur zehn Spezies nutzen die Tanzsprache. Offenbar können aber über 500 hochsoziale Bienenarten auf den Effekt dieser Informationsübermittlung verzichten – sie tanzen nicht. Ein möglicher Nachteil des Verhaltens könnte sein, dass die vermittelte Information oft nicht so wertvoll ist, wie sie scheint und zudem ist die Kommunikationsstrategie relativ zeitaufwendig: Ein Schwänzeltanz kann bis zu fünf Minuten dauern – er raubt damit Tänzerinnen und Zuschauerinnen kostbare Zeit.

Vor diesem Hintergrund sind die Forscher um Robbie I’Anson Price von der Universität von Lausanne nun der Frage nachgegangen, wie groß der Gewinn des Schwänzeltanzes für Kolonien der europäischen Honigbiene (Apis mellifera) ist. Dazu haben sie bei einem Teil ihrer Versuchsvölker 18 Tage lang das Tanzverhalten durch bestimmte Maßnahmen gestört: Die Bienen waren dadurch nicht mehr in der Lage, ihre Tänze korrekt durchführen. Das Verhalten ergab für die Zuschauerinnen keinen Sinn – sie konnten den Schwänzeltanz nicht als Informationsquelle nutzen.

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Wie die Forscher berichten, führte der Vergleich des Sammelerfolgs der manipulierten Bienenvölker mit dem von unbehandelten Kontrollen zu einem überraschenden Ergebnis: Völker mit gestörtem Schwänzeltanz waren aktiver und brachten mehr Honig ein als Stöcke mit funktionierender Tanzsprache. „Wir haben genau das Gegenteil von dem gefunden, was wir erwartet hatten, nämlich dass die Tanzsprache wichtig ist“, resümiert I’Anson Price.

Die Unterschiede sind durchaus beachtlich: Bienen ohne Tanzsprache flogen im Durchschnitt rund acht Minuten länger aus und haben über den gesamten 18-tägigen Zeitraum 29 Prozent mehr Honig eingebracht als die Sammlerinnen aus der Gruppe mit Schwänzeltanz. „Wir halten den Zeitgewinn für einen Hauptgrund des Effekts“, sagt Co-Autor Christoph Grüter von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Denn den Ergebnissen der Forscher zufolge halten sich die Bienen interessanterweise nicht mit der Beobachtung des gestörten Tanzes auf: „Wahrscheinlich verlieren die Bienen bei einem desorientierten Tanz das Interesse und machen sich auf eigene Faust auf die Nahrungssuche“, vermutet I’Anson Price.

Schmälert die Kulturlandschaft das Preisleistungsverhältnis?

Damit stellt sich allerdings die Frage, warum die Honigbienen den Schwänzeltanz überhaupt entwickelt haben. Wie die Forscher erklären, könnte der positive oder nachteilige Effekt von der Saison und der jeweiligen Umgebung abhängen. Die aktuelle Untersuchung fand im Sommer statt – möglicherweise bietet der Schwänzeltanz aber eher im Frühjahr einen Vorteil: Wenn irgendwo ein großer Apfelbaum in voller Blüte steht, lohnt es sich besonders, die entsprechende Standortinformation von Kolleginnen zu erfahren. In der eher verteilten Sommerblüte ist dieser Aspekt eventuell weniger wichtig. Über das Jahr gemittelt könnte das Tanzverhalten allerdings zu einem Gewinn führen – oder in der Entwicklungsgeschichte der Honigbienen dazu geführt haben. Denn möglicherweise wird das Preisleistungsverhältnis des Schwänzeltanzes in der heutigen Kulturlandschaft immer ungünstiger, sagen die Forscher.

Konkret heißt das: Wenn Blütenpflanzen spärlich auf Balkonen oder Randstreifen an Straßen verteilt sind, könnte es für den Erfolg der Bienen besser sein, frühzeitig den Stock zu verlassen und selbstständig zu sammeln. „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass der Mensch möglicherweise eine Umgebung geschaffen hat, an die Schwänzeltanz-Sprache nicht gut angepasst ist“, resümieren die Wissenschaftler. Inwieweit diese Vermutung tatsächlich zutrifft, wollen sie nun durch weitere Untersuchungen ausloten.

Quelle: Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Science Advances, Doi: 10.1126/sciadv.aat0450

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