Öffentlicher Nahverkehr: Imageprobleme - wissenschaft.de
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Öffentlicher Nahverkehr: Imageprobleme

Busse sind vergleichsweise ökologische Transportmittel – doch gerade im asiatischen Raum sind sie mit einem Stigma behaftet. (Bild: sfe-co2/iStock)

Bus, Bahn und Co statt Privatauto! Für den Umweltschutz gilt: Je mehr Menschen den öffentlichen Nahverkehr nutzen, desto besser. In diesem Zusammenhang berichten Forscher nun allerdings: Das Image öffentlicher Verkehrsmittel ist in einigen Teilen der Welt problematisch. Vor allem das Busfahren ist demnach im asiatischen Raum mit einem gesellschaftlichen Stigma behaftet, was wiederum das Wachstum des Individualverkehrs beschleunigen kann. Um global öffentliche Verkehrssysteme zu fördern, sollten deshalb gesellschaftliche Vorurteile beachtet und gegebenenfalls beeinflusst werden, sagen die Forscher.

Weltweit wachsen die Städte und auch die Straßen werden immer voller. Gerade in Ländern wie China oder Indien bilden sich immer mehr Staus, die Luft wird verpestet und Klimagase steigen aus den Auspuffrohren in die Atmosphäre. Um Alternativen zum Individualverkehr zu bieten, gibt es Bemühungen, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen und günstig zu gestalten. „In der Geschichte des öffentlichen Nahverkehrs dominierte die Meinung, dass man die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel am besten ankurbelt, indem man die Infrastruktur ausbaut oder die Fortbewegungsmittel schneller macht“, sagt Dorina Pojani von der University of Queensland in Brisbane. Doch wie die Wissenschaftlerin und ihre Kollegen betonen, wurde dabei oft vergessen, dass Verkehrsmittel auch eine starke symbolische Bedeutung haben.

Diesem Aspekt sind sie nun im Rahmen einer internationalen Studie nachgegangen. Um das Image der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu untersuchen, befragten die Forscher Pendler in zahlreichen Ländern und Kulturkreisen der Erde: in angelsächsischen und westlich geprägten Staaten, darunter die USA, die Niederlande und Australien, sowie in asiatischen Ländern wie China und Indien.

Eine Frage von Kultur, Identität und Prestige

Wie sie berichten, wurden die erheblichen kulturellen Unterschiede bei der persönlichen Einstellung zu öffentlichen Verkehrsmitteln deutlich. Ihnen zufolge zeichnet sich ab, dass die Nutzung eines Privatautos in westlichen Kulturen an Prestige eingebüßt hat. „Im Durchschnitt sind berufstätige und gebildete Haushalte in angelsächsischen und nordischen Ländern wohlhabender, sodass man eigentlich erwarten würde, dass sie mehr an ihren Autos hängen und gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln negativer eingestellt sind. Aber wir haben herausgefunden, dass sie diese Thematik vergleichsweise gleichmütig betrachten“, sagt Pojani.

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Im Gegensatz dazu haben Berufstätige in China und in Indien eine sehr negative Einstellung zu öffentlichen Verkehrsmitteln, ging aus den Befragungen hervor. Es handelt sich dabei um Regionen, in denen es noch nicht so lange üblich ist, ein eigenes Fahrzeug zu besitzen, heben die Forscher hervor. „Es zeigt sich, dass Berufstätige in diesen Ländern glauben, dass es ihren Geschäftsbeziehungen oder sogar ihren Aussichten auf dem Heiratsmarkt schaden könnte, wenn sie mit dem Bus fahren“, sagt Pojani.

Das Ergebnis verdeutlicht, dass die Wahl des Fortbewegungsmittels von dem Bedürfnis der Menschen geprägt ist, ihre Identität und ihren sozialen Status auszudrücken, erklären die Forscher. „Selbst wenn sich Menschen dessen nicht bewusst sind, hängt die Entscheidung darüber, ob sie etwa mit dem Bus fahren, möglicherweise nicht davon ab, wie viel die Fahrt kostet oder ob sie damit gut ans Ziel kommen, sondern davon, wie sie von anderen wahrgenommen werden wollen. In einigen Ländern hat man eventuell Angst davor, arm zu wirken, oder man möchte nicht mit denjenigen in Verbindung gebracht werden, die normalerweise mit dem Bus fahren“, resümiert Pojani.

Die Studie verdeutlicht den Forschern zufolge, wie wichtig es sein kann, auch gesellschaftliche Vorurteile zu ändern, um rund um den Globus die Entwicklung und Nutzung von nachhaltigen öffentlichen Verkehrssystemen zu fördern. „Wir leben in einer Welt der zunehmenden Treibhausgase, des beschleunigten Klimawandels und der schnellen Erschöpfung von nicht erneuerbaren Ressourcen. Öffentliche Verkehrsmittel müssen beliebter werden, insbesondere in asiatischen Megametropolen wie Peking oder Chennai, wo die Bürger unter den gesundheitlichen Folgen der immer schlechter werdenden Luftqualität leiden“, sagt Pojani. Ein Umdenken im Bereich des öffentlichen Verkehrs kann dazu beitragen, eine bessere Zukunft für alle zu schaffen“, so die Wissenschaftlerin.

Quelle: Mitteilung des Australisch-Neuseeländischer Hochschulverbund / Institut Ranke-Heinemann, Journal of Transport Geography, doi: 10.1016/j.jtrangeo.2019.04.008

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