Interview mit einem Altauto "Ökologischer Irrsinn! Politische Barbarei!" - wissenschaft.de
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Interview mit einem Altauto

„Ökologischer Irrsinn! Politische Barbarei!“

Ein vom Verschrotten bedrohter Golf III über die Abwrackprämie, fehlenden Respekt vor den Alten und verpasste Chancen einer zweiten Karriere. Tach, der Herr! Wir wollten mal fragen, was Sie zur so genannten Abwrackprämie … Ahrrg, die Abwrackprämie! Steuerpolitische Barbarei! Ökologischer Irrsinn! Wirtschaftspolitisches Himmelfahrtskommado! Der größte Schwachsinn seit der Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes für Katzenfutter! Sie sind ja richtig echauffiert! Die Abwrackprämie ist totaler Unfug. Allein ökologisch gesehen: Die Herstellung eines Autos verursacht massive Umweltkosten. Wenn man

Ahrrg, die Abwrackprämie! Steuerpolitische Barbarei! Ökologischer Irrsinn! Wirtschaftspolitisches Himmelfahrtskommado! Der größte Schwachsinn seit der Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes für Katzenfutter!

Sie sind ja richtig echauffiert!

Die Abwrackprämie ist totaler Unfug. Allein ökologisch gesehen: Die Herstellung eines Autos verursacht massive Umweltkosten. Wenn man es vorzeitig verschrottet, verbessert das die Bilanz nicht gerade. Obendrein schlucken manche von den neuen Kollegen auch immer noch ganz schön Sprit.

Um die Wirtschaft anzukurbeln, hat es offenbar funktioniert!

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Was für ne kurzsichtige Denke! Für die jetzt verkauften Neuwagen wird es in den nächsten Jahren eine massive Nachfragedelle geben. Da braucht man nun weiß Gott kein Hellseher zu sein.

Aber die alten Stinker müssen doch von der Straße.

Wenn das der Fall wäre! Doch dazu sind die Kriterien für die Förderung viel zu lasch – im Gegensatz übrigens zu Frankreich oder Spanien, wo man die Prämie nur für ein Auto mit niedrigem CO2-Ausstoß kriegt. Bei uns könnte man sogar für einen Diesel ohne Partikelfilter abkassieren. Das Ganze ist Populismus in Reinkultur, von der SPD in der Großen Koalition durchgedrückt. Irgendwann hatte das Ding derart Fahrt aufgenommen, dass auch Frau Merkel nicht mehr dagegen sein konnte, ohne Wählerstimmen zu riskieren.

So lief das doch immer und wir haben nun mal Superwahljahr.

Tolles Argument. Was mich zusätzlich ärgert, ist diese soziale Ungerechtigkeit. Die Leute, die die wirklich alten Kisten fahren, können sich gar keinen Neuwagen leisten, die könnten wunderbar mit einem wie mir noch ein paar Jährchen über die Runden kommen.

Wie alt sind Sie eigentlich?

Baujahr 1996. Ich hab 120000 Kilometer drauf und bin noch voll fit: Motor, Getriebe, Blech, alles top. TÜV hab ich auch noch ein Jahr, Mensch! In Afrika könnte ich noch weitere 20 unterwegs sein. Mir würde da so ne Karriere als Taxi in Cotonou oder in Abidjan vorschweben: acht Leute an Bord und ab über die Schlaglochpisten. Oder vollgepackt mit Wassermelonen zum Markt – da könnte ich ganz andere Qualitäten zeigen. Statt dessen komme ich hier zum alten Eisen. Schande! Überall ist die Rede davon, wie wichtig die Alten für die Gesellschaft sind. Aber das gilt offenbar nicht für Autos.

Wie man hört, gibt es inzwischen auch etliche Betrugsfälle?

Ja, super, kürzlich wurde ein Schiff auf dem Weg nach Benin mit Hunderten von Fahrzeugen entdeckt, die offiziell schon alle verschrottet waren. Echt tröstlich!

Wie bitte?

Die retten uns das Leben! Auf so einen hatte ich auch gehofft. Aber mein Gebrauchtwagenhändler ist eine zu ehrliche Haut. Mir droht in drei Tagen die Schrottpresse.

Vielleicht können Sie nur nicht akzeptieren, dass Ihre Zeit vorbei ist?

Unsinn, um mich geht´s nicht. Die Frage ist doch: Was soll das für ein Neuanfang sein? Wenn ich einem Elektroauto Platz machen müsste oder mein Besitzer künftig ganz aufs Auto verzichten würde – ich könnte in Würde abtreten. Aber so?

GESPRÄCH: MARTIN RASPER

(Weitere Themen finden Sie in der Juni-Ausgabe von natur+kosmsos.)

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