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Ohr mit Einfühlungsvermögen

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Der nachtaktive Falter Noctua pronuba kann seine Ohren unerwartet gut an unterschiedliche Geräuschkulissen anpassen. Foto: Holger Gröschl
Nachtaktive Falter können die Empfindlichkeit ihrer Ohren an die Ultraschalllaute herannahender Fledermäuse anpassen und merken so, wann es brenzlig wird. Das haben britische Forscher bei Tests mit den Insekten gezeigt. Mit der Nachjustierung ihres Hörorgans reagieren die Nachtfalter darauf, dass der Ruf einer Fledermaus immer lauter, höher und länger wird, je näher sie kommt. Das sehr einfach gebaute Hörorgan der Nachtfalter hat also komplexere Funktionen als bisher angenommen.

Als die Forscher Faltern der Art Noctua pronuba
reine Tonpulse vorspielten, erhielten sie ein auffälliges Ergebnis: Das Falter-Ohr konnte sich wie ein Instrument stimmen. Je lauter der Hörreiz, desto empfindlicher reagierte das Trommelfell auf Töne hoher Frequenz. Um herauszufinden, was diese Begabung den Faltern im Kampf ums Überleben bringt, spielten die Wissenschaftler Ultraschallrufe von Fledermäusen ab, die sich in Dauer und Lautstärke unterschieden. Damit imitierten sie die Rufe von weit entfernten Fledermäusen und solchen, die sich in den nächsten Sekunden auf ihre Beute stürzen werden.

War der Ruf laut und die virtuelle Fledermaus nur ungefähr drei Meter entfernt, passte sich das Falterohr innerhalb von 0,75 Sekunden an die hohen Frequenzen an. Bei leiseren Tönen, die den Räuber in etwa zehn Meter Abstand vermuten ließen, dauerte die Anpassung ungefähr sechs Sekunden. Die Falter blieben außerdem noch lange wachsam, entdeckten die Forscher: Die Empfindlichkeit für hohe Töne hielt länger als sieben Minuten an und erreichte danach nach nur einem Tonimpuls sofort wieder ihr altes Niveau.

Die unterschiedliche Stimmung im Ohr erreichen die Falter, indem sie die Festigkeit des Trommelfells verändern, schließen die Forscher aus einem mathematischen Modell. Dadurch kann es sich bestimmten Frequenzen anpassen. Eigentlich hatten Fachleute den Nachtfaltern eine solche Leistung nicht zugetraut. Ihr Hörorgan, ein so genanntes Tympanalorgan, das am Hinterleib der Tiere sitzt, gehört zu den einfachsten im Tierreich. Es besteht aus nur zwei geräuschempfindlichen Sinneszellen, die sich an das Trommelfell anlagern. Vielleicht ist eine dritte Sinneszelle, die auf mechanische Reize reagiert und deren Funktion unbekannt ist, für die Anpassung zuständig, mutmaßen die Forscher. Nun gelte es zu klären, ob sich die Fledermäuse im evolutionären Wettrennen wiederum an die raffinierte Strategie der Nachtfalter anpassen, so die Wissenschaftler.

James Frederick (Universität Bristol) et al.: Current Biology, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1016/j.cub.2006.09.066 ddp/wissenschaft.de ? Annette Schneider
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