Palmöl ohne schlechtes Gewissen? - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Palmöl ohne schlechtes Gewissen?

Palmöl
Aus den Früchten der Ölpalme gewonnenes Palmöl macht einen beträchtlichen Teil des Bruttoinlandsprodukts vieler tropischer Länder aus. (Bild: Patrick Diaz)

Wegen ihrer schädlichen Folgen für Natur und Klima gerät die Palmölindustrie immer wieder in die Schlagzeilen. Doch es geht auch nachhaltiger. Zumindest ein bisschen, wie nun ein Feldexperiment aus Indonesien zeigt: So ließ sich trotz reduziertem Düngereinsatz und dem Verzicht auf Herbizide der gleiche Ertrag erzielen wie unter konventionellen Bedingungen. Außerdem ergaben sich positive Effekte für die Artenvielfalt, insbesondere bei Pflanzen, Bodenorganismen und Insekten. Weitere Untersuchungen sollen nun zeigen, ob sich die Ergebnisse auch langfristig bestätigen – und welche Folgen die Maßnahmen für die Treibhausgasemissionen haben.

Ob Tiefkühlpizza, Schokocreme, Margarine oder Shampoo: Palmöl steckt in vielen Lebensmitteln und Kosmetikprodukten unseres Alltags. Das Öl, das aus dem Fruchtfleisch der Ölpalme gewonnen wird, ist inzwischen das weltweit wichtigste Pflanzenöl – vor allem seine Vielseitigkeit und der vergleichsweise geringe Einkaufspreis machen das Fett bei den Herstellern so beliebt. Bei Klima- und Umweltschützern steht Palmöl jedoch in der Kritik. Denn für Palmölplantagen werden in Ländern wie Indonesien und Malaysia im großen Stil Regenwaldflächen gerodet. Damit verschwinden nicht nur wichtige Treibhausgassenken. Die Abholzung der Bäume vertreibt auch Orang-Utans und viele andere Tiere.

Weniger Dünger, kein Glyphosat

Die riesigen Monokulturen sind als Lebensraum nur ein schlechter Ersatz: Sie beherbergen eine wesentlich geringere Artenvielfalt als der ursprüngliche Wald. Der intensive Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln wirkt sich in diesem Zusammenhang zusätzlich negativ aus. Außerdem kann die intensive Bewirtschaftung auch schädliche Effekte für Boden und Grundwasser haben. Was also tun? Die Palmölproduktion sein zu lassen, ist wohl keine realistische Lösung. Eine Vielzahl von Produkten, die wir täglich verwenden, würden ohne das Palmöl aus den Tropen bedeutend teurer werden. Hinzu kommt, dass das Palmöl einen beträchtlichen Teil des Bruttoinlandsprodukts vieler tropischer Länder ausmacht. Etliche Menschen, darunter Kleinbauern, hängen existenziell davon ab.

Aus diesem Grund suchen Forscher inzwischen nach einem Kompromiss: Sie wollen herausfinden, ob sich Palmöl nachhaltiger produzieren lässt – und zwar ohne dass die Erträge schrumpfen. Einen ersten erfolgreichen Test haben Kevin Darras von der Universität Göttingen und seine Kollegen nun in Indonesien abgeschlossen. Für ihr Feldexperiment in Jambi untersuchten sie, wie sich der Verzicht auf Herbizide und eine reduzierte Düngung auf den Ölertrag, die Artenvielfalt und die Bodenqualität auswirken. Dabei verglichen sie die Düngung nach Industrienorm mit einem Vorgehen, bei der nur die Nährstoffe ausgeglichen werden, die die Ernte dem Boden tatsächlich entzieht – das entspricht etwa der Hälfte der sonst eingesetzten Mengen. Die standardmäßige Bekämpfung von Unkraut durch Glyphosat und andere chemische Mittel wurde einer mechanischen Unkrautentfernung gegenübergestellt.

Mehr Artenvielfalt

Das Ergebnis: „Zwei Jahre, nachdem wir die alternativen Verfahren eingeführt hatten, konnten wir keine Ertragseinbußen feststellen“, berichtet Darras. „Die Gewinne waren aufgrund der reduzierten Düngemittelkosten sogar höher.“ Für die Produzenten ist das eine erfreuliche Erkenntnis. Doch hatte auch die Natur etwas von dem alternativen Ansatz? Wie die Wissenschaftler feststellten, verbesserten sich durch die Maßnahmen einzelne bodenbezogene Funktionen wie die Wasserdurchlässigkeit. Außerdem profitierten sowohl Pflanzen als auch im Erdreich vorkommende Organismen und überirdisch lebende Arthropoden wie Insekten von den Maßnahmen. Vor allem die mechanische Unkrautbeseitigung und die damit einhergehende höhere Pflanzenbedeckung führte den Analysen zufolge zu einer erhöhten Tierartenvielfalt. Allerdings: Direkte positive Effekte für größere Tiere wie Vögel und Fledermäuse ließen sich nicht feststellen.

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Nach Ansicht des Forscherteams sprechen die vorläufigen Ergebnisse dennoch dafür, dass sich Palmöl in Zukunft umweltverträglicher als bisher herstellen lässt. „Das ist ermutigend, aber es ist wichtig, das Experiment fortzusetzen“, betont Darras. In den kommenden vier Jahren werden er und seine Kollegen beobachten, ob sich der positive Trend auch langfristig zeigt. „Bei Ölpalmen kann es Jahre dauern, bis sie eine Reaktion auf Veränderungen zeigen“, erklärt Darras. Nicht nur die Erträge und die Biodiversität auf der Plantage sollen dabei künftig im Fokus stehen. Auch mögliche Einflüsse auf die Treibhausgasemissionen wollen die Wissenschaftler genauer untersuchen.

Quelle: Universität Göttingen; Fachartikel: Global Change, doi: 10.3389/ffgc.2019.00065

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