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Umwelt+Natur

Pawlow'sche Reflexe gibt es auch bei Menschen

Auch beim Menschen gibt es so simple Reflexe wie beim Pawlow’schen Hund: Versuchspersonen, denen beim Betrachten eines abstrakten Bildes jedes Mal Vanilleduft in die Nase steigt, empfinden auch später beim Anblick des Bildes ein Verlangen nach Vanille. Diese Lust entsteht nicht mehr, wenn die Probanden soviel Vanille-Eis gegessen hatten, wie sie wollten. Das berichten Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Science (Bd. 301, S. 1104).

Im Prinzip wiederholten Jay Gottfried und seine Kollegen vom Wellcome Department in London die Versuche des berühmten russischen Physiologen Iwan Pawlow. Dieser hatte immer eine Glocke geläutet, wenn seine Laborhunde gefüttert wurden ­ mit dem Ergebnis, dass die Tiere beim Klang der Glocke auch dann zu sabbern begannen, wenn gar kein Futter in Sicht war.

Die britischen Wissenschaftler verwendeten statt der Glocke ein abstraktes Bild, statt des Hundefutters den Duft nach Vanille oder Erdnussbutter und statt der Hunde freiwillige menschliche Probanden. Auch wurde die Reaktion der Teilnehmer anhand ihrer Gehirnaktivität und nicht aufgrund ihres Speichelflusses bewertet. Die Ergebnisse der Studie waren jedoch praktisch identisch mit denen Pawlows.

Die Forscher zeichneten die Muster der Gehirnaktivität auf, während die Probanden beim Anschauen des Bildes den Duft einatmeten. Nach einigen Wiederholungen der Bild-Duft-Kombination zeigten die Neurologen den Studienteilnehmern nur das Bild und lösten damit die gleiche Reaktion aus wie zuvor. Diese automatische Verbindung eines Bedürfnisses mit einem neutralen Reiz wird auch Konditionierung genannt.

Ein anderes Bild bot sich den Wissenschaftlern jedoch, wenn sie den Probanden erlaubten, soviel Vanille-Eis zu essen, wie sie wollten. Eine anschließende Messung der Gehirnaktivität zeigte keine besondere Aktivierung bestimmter Gehirnareale mehr. Dieses Bremssystem funktionierte allerdings nur bei Vanille-Eis. Die Konditionierung für Erdnussbutter beispielsweise wurde nicht beeinträchtigt.

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Die Forscher interessiert besonders das Bremssystem, das die Lust auf ein bestimmtes Nahrungsmittel nach dessen Genuss dämpft. Eine Störung in diesem Regulationssystem könnte beispielsweise eine Rolle bei zwanghaften Essstörungen spielen und auch verantwortlich für die Schwierigkeiten bei der Überwindung anderer Süchte sein, sagt Studienleiter Gottfried. So hätten Patienten mit dem seltenen Kluver-Bucy-Syndrom, die wahllos riesige Mengen von Essen und auch nicht essbaren Gegenständen in sich hineinstopfen, Schäden in den Hirnregionen, die auch für die Konditionierung verantwortlich sind.

ddp/bdw ? Ilka Lehnen-Beyel
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Wissenschaftslexikon

Vor einigen Tagen hat der Wissenschaftsjournalist Christian Honey auf MedWatch seine Rechercheergebnisse zur Strategie der Anthroposophen, ein „Geistparadigma“ an den Hochschulen zu verankern, veröffentlicht. Eine herausgehobene Rolle spielt dabei die Misteltherapie. Honey dazu:

„Nach Steiner stammt die Mistel von einem Himmelskörper einer früheren Stufe ab, der aus Erde und Mond bestand. Dieser ‚Mondleib‘ sei ‚wie ein Torfmoor, weich und lebendig‘ gewesen. Pflanzen, die hier wuchsen, hatten laut Steiner körperliche Gefühle und waren deshalb Tierpflanzen. Die heutige Mistel sei eine von ihnen.“

Um solche Ansichten gesellschaftsfähig zu machen und vor allem, um die Vermarktung der Mistelpräparate wissenschaftlich zu adeln, sollen, so Honey, einem „Masterplan“ folgend, universitäre Lehrstühle eingerichtet werden. Pharmanahe Stiftungen sind dabei sehr aktiv, auch was die Finanzierung von Forschung angeht, deren Gemeinsamkeit schwache Studiendesigns zu sein scheinen. Ich will das hier nicht weiter vertiefen, wer sich ganzheitlich erschrecken will, lese die Reportage bei Medwatch.

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Mir geht bei solchen Berichten immer wieder durch den Kopf, dass wir es in Deutschland bis heute nicht geschafft haben, auch nur einen ÖGD-Lehrstuhl einzurichten, also einen Lehrstuhl, der gezielt zum öffentlichen Gesundheitsdienst forscht, und der auch in diesem Bereich eine gute Aus- und Weiterbildung auf universitärem Niveau sicherstellt.

Stattdessen leisten wir uns einen öffentlichen Gesundheitsdienst, der bei einer enormen Aufgabenfülle ressourcenmäßig so ausgezehrt ist, dass regelmäßig Hiobsbotschaften über fehlendes ÖGD-Personal und dadurch nicht mehr zu erfüllende Aufgaben durch die Medien gehen. Was die wissenschaftliche Flankierung seiner Arbeit angeht, hoffen wir darauf, dass das in dringenden Fällen von gutwilligen Wissenschaftler/innen benachbarter Disziplinen übernommen wird, und dass ansonsten die von den Ländern getragenen Akademien hinreichend Qualifizierungsangebote machen. Mit anderen Worten: Für den ÖGD gibt es derzeit nur eine akademische Notfallversorgung.

Dabei gibt es auch hier eine Art „Masterplan“, ein 2018 von der Gesundheitsministerkonferenz verabschiedetes modernes „ÖGD-Leitbild“, das dem ÖGD eine zeitgemäße Position und Funktion im Public Health-Gesamtzusammenhang zuweist und dabei auch eine stärkere wissenschaftliche Unterstützung fordert. Dass dieses Leitbild stellenweise die gleichen Herausforderungen zur Weiterentwicklung des ÖGD formuliert, wie sie bereits in der Bundestags-Drucksache 10/3374 vom 22.5.1985 beschrieben sind, mag die Überfälligkeit eines echten „Masterplans ÖGD“ unterstreichen. ÖGD-Lehrstühlen käme dabei eine zentrale Scharnierfunktion zwischen Theorie und Praxis zu. Auf ein naturwissenschaftlich unhaltbares „Geistparadigma“ müsste man nicht zurückgreifen, der gesunde Menschenverstand sollte reichen.

http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2019/12/04/lehrstuehle-fuer-das-geistparadigma-oder-lehrstuehle-fuer-den-oegd/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=lehrstuehle-fuer-das-geistparadigma-oder-lehrstuehle-fuer-den-oegd

Flug|sand  〈m. 1; unz.〉 vom Wind angewehter Sand (bei Dünen u. in Wüsten)

Cra|cker  〈[kræ–] m. 3〉 1 oV Kräcker  1.1 hartes, sprödes, salziges Kleingebäck ... mehr

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