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Pflanzen erobern Gletscherflächen zurück

Jamtalferner
Der Jamtalferner in den Tiroler Alpen hat fast die Hälfte seiner Ausdehnung verloren. (Bild: ÖAW/ Andrea Fischer)

Weltweit schmelzen die Berggletscher und der alpine Permafrost taut. Als Folge wächst die Gefahr von Felsstürzen und Muren. Doch nun gibt es in diesem Kontext zumindest eine gute Nachricht: Offenbar erobert sich die Pflanzenwelt die frisch von Gletschern freigelegten Flächen schneller zurück als erwartet. Nach einigen Jahrzehnten ist schon die Hälfte des Felsuntergrunds wieder von Pflanzen bedeckt und damit gegen ein Abrutschen gesichert, wie eine Studie in den österreichischen Alpen belegt.

„Während der letzten zehn Jahre haben sich die Alpengletscher mit einer historisch beispiellosen Rate zurückgezogen“, berichten Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und ihre Kollegen. Das aber hat Folgen: Von der stabilisierenden Eisdecke befreit tritt an vielen Hängen loses Geröll zutage, gleichzeitig sorgt das Abtauen des Eises auch im Felsuntergrund dafür, dass die Blöcke ihre Bindung verlieren. Dadurch steigt das Risiko für Muren und Gerölllawinen.

Tiroler Gletscher als Testobjekt

Allerdings gibt es einen Faktor, der diese Bedrohung zumindest langfristig eindämmen kann: die Vegetation. Denn die unzähligen feinen Wurzeln der Gebirgspflanzen tragen dazu bei, den Untergrund zu befestigen und die Pflanzendecke hemmt gleichzeitig die Erosion. Die große Frage aber ist, wie schnell die von den Gletschern freigelegten Flächen wieder besiedelt werden. Vereinzelte Flechten und Moose etablieren sich zwar schon in den ersten Jahren nach dem Eisrückzug, wie frühere Studien gezeigt haben. Wie lange es aber dauert, bis der Boden von Pflanzen bedeckt ist, was unklar.

Doch der Rückzug des Jamtalferner in den Ostalpen hat nun Fischer und ihrem Team die Chance geboten, die sukzessive Rückeroberung von Gletscherflächen durch Pflanzen näher zu untersuchen. Dieser Gletscher ist inzwischen um gut die Hälfte seiner ursprünglichen Ausdehnung geschrumpft. Seine Gletscherzunge hat sich in den letzten rund 150 Jahren um fast 300 Meter nach oben zurückgezogen, wie die Forscher berichten. Dadurch gibt es unterhalb der Gletscherzunge Flächen, die schon seit unterschiedlich langer Zeit vom Eis befreit sind – einige erst seit zwei bis sieben Jahren, andere seit 15,25, 55 oder 70 Jahren. Die Forscher untersuchten für ihre Studie, welche und wie viele Pflanzen auf diese Flächen siedelten und kombinierten dabei erstmals Felddaten mit Satellitenmessungen.

Schneller als gedacht

Es zeigte sich: Pflanzen erobern die durch Gletscherschmelze freigewordenen Flächen überraschend schnell. Schon ein bis zwei Jahre nach dem Eisrückzug fanden die Forscher 13 verschiedenen Gefäßpflanzen sowie Moose auf den Flächen – allerdings noch mit sehr geringer Bodenbedeckung. Nach sieben Jahren hatte sich die Zahl der Pflanzenarten bereits verdoppelt und auch ihre Dichte war leicht angestiegen. Eine richtige Vegetationsdecke hatte sich auf den Testflächen etwa nach 55 Jahren entwickelt, wie Fischer und ihr Team berichten. Zu diesem Zeitpunkt waren die Flächen zur Hälfte von Pflanzen aus rund 30 verschieden Arten bedeckt. „Die Schweizer Kätzchenweide (Salix helvetica) ist dabei die dominanteste Art, sie ist für die Hälfte der Grundbedeckung verantwortlich“, so die Forscher.

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Damit findet die Rückeroberung eisfreier Flächen heute offenbar deutlich schneller statt als beispielsweise am Ende der letzten Eiszeit, wie die Wissenschaftler erklären. Dies war auch für sie überraschend: „Die Pflanzenwelt erobert in relativ kurzer Zeit Flächen zurück, in denen zuvor über Jahrhunderte keine Pflanze gedeihen konnte. Diese Dynamik war uns vorher nicht bekannt“, sagt Fischer. Das könnte bedeuten, dass die Gefahr durch Felsstürze und Muren in den Alpen zumindest mittelfristig durch die nachwachsende Vegetation vermindert werden kann. Nach Ansicht der Forscher kann daher eine gezielte Überwachung der Pflanzendecken auf ehemaligen Gletscherflächen in jedem Fall dazu beitragen, das Risiko für eine Destabilisierung von Hängen vorherzusagen. „Unsere neue Methode, Satellitenbilder und in situ-Erhebungen des Pflanzenwuchses kombiniert zu analysieren, kann helfen, diese Risiken im Alpenraum besser abzuschätzen“, erklärt Fischer.

Quelle: Österreichische Akademie der Wissenschaften; Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-019-50273-2

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