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Pille und Partnerwahl, nächster Versuch

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht für Frauen, die ihren Partner kennenlernen, während sie die Pille einnehmen. Die gute: Sie haben eine größere Chance auf eine lange, grundsätzlich zufriedenstellende Beziehung als ihre Geschlechtsgenossinnen, die kein hormonelles Verhütungsmittel verwenden. Die schlechte: Sie sollten sich auf ein nicht ganz so erfüllendes Sexualleben einstellen. Das lässt sich zumindest aus den Ergebnissen einer Studie britischer Forscher schließen, in der es mal wieder um das beliebte Thema „Beeinflusst die Pille die Partnerwahl?“ ging. Zurückzuführen seien die Effekte laut den Wissenschaftlern ? natürlich ? auf den durch die Pille veränderten Hormonhaushalt: Er ist nicht, wie im natürlichen Zyklus, durch ein An- und Absteigen verschiedener Hormonkonzentrationen gekennzeichnet, sondern bleibt konstant auf einem Niveau, das etwa dem der wenig fruchtbaren Phase im Zyklus oder einer frühen Schwangerschaft entspricht. Das wiederum beeinflusst der gängigen These zufolge die Vorliebe für bestimmte Männertypen: In der wenig fruchtbaren Phase und daher auch während der Einnahme der Pille bevorzugen Frauen vor allem zuverlässige Männer, die sich gut als Väter eignen. Rund um die Zeit des Eisprungs stehen sie dagegen eher auf maskuline, dominante Typen, die eine Weitergabe der vielbesungenen „guten Gene“ versprechen. Es sei dieser Unterschied, der schließlich auch die Qualität der Beziehungen präge, die unter den jeweiligen Bedingungen entstanden sei, erläutern die Forscher.

Immer und immer wieder versuchen Wissenschaftlerteams, den Zusammenhang von Pille und Partnervorlieben von Frauen zu ergründen ? der Erfolg ist bisher, gelinde gesagt, eher mäßig. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass der natürliche hormonelle Status tatsächlich die Vorliebe für sehr männliche, dominante Männer beeinflusst. Mit viel gutem Willen und einigen statistischen Tricks lässt sich aus weiteren Ergebnissen sogar schließen, dass die Pille die typische Verschiebung der Präferenzen während des normalen Zyklus eliminiert oder zumindest abschwächt. Ob diese Effekte jedoch in der Realität überhaupt stark genug sind, um sich bei der echten Partnerwahl bemerkbar zu machen, ist nach wie vor völlig ungeklärt und zudem nicht wenig umstritten.

Die Briten um Craig Roberts von der University of Stirling glauben nun jedoch, einen besseren Forschungs-Ansatz gefunden zu haben: Sie konzentrierten sich nicht, wie üblich, auf die Eigenschaften der Männer, die sich Frauen mit und ohne Pille aussuchen. Sie nahmen vielmehr die Qualität der Beziehungen ins Visier, die sich aus der jeweiligen Wahl der Frauen ergeben, und stellten die Partnerschaften, die unter Einfluss der Pille entstanden waren, denen gegenüber, bei deren Zustandekommen die Frau kein hormonelles Verhütungsmittel benutzt hatte. Insgesamt befragten sie dazu 2.519 Frauen mit mindestens einem Kind zur Beziehung mit dem Kindsvater. 1.005 von ihnen hatten die Pille eingenommen, als sie ihren Partner kennenlernten, 1.514 nicht. 1.761 dieser Partnerschaften existierten noch, 734 waren in die Brüche gegangen und in 24 Fällen war der Partner verstorben.

Alle Teilnehmerinnen füllten Online-Fragebögen aus, in denen sie auf verschiedenen Skalen diverse Angabe zu ihrer Partnerschaft machen sollten, darunter ihre Zufriedenheit mit ihrem Sexleben, die Attraktivität ihres Partners, wie sicher sie sich in der Beziehung fühlten, wie sehr sie ihrem Partner vertrauten, wie intelligent er in ihren Augen war, wie sehr er sie unterstützte und so weiter. Die statistische Auswertung habe dann klare Unterschiede gezeigt, berichten die Forscher: Die Frauen aus der Pillen-Gruppe seien signifikant weniger glücklich mit ihrem Sexualleben gewesen und hätten vor allem den Körper ihres Partners als weniger attraktiv eingeschätzt. Dagegen lag diese Gruppe aber deutlich vorn, wenn es um die allgemeine Zufriedenheit in der Partnerschaft ging. Auch hielten die Beziehungen länger: Im Schnitt schaffte die Pillen-Gruppe 84 Monate und die Gruppe ohne Pille lediglich 60 Monate. Die Wahrscheinlichkeit für eine Trennung war ebenfalls geringer: Mit Pille lag sie bei 23,6 Prozent, ohne immerhin bei 33 Prozent.

Interessanterweise waren es in der Pillengruppe jedoch häufiger die Frauen, die die Partnerschaft in diesen Fällen beendeten, berichten die Forscher. Sie interpretieren die Ergebnisse daher wie folgt: Wenn eine Frau die Pille einnimmt, wenn sie ihren künftigen Partner kennenlernt, wählt sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einen Mann, der sich durch Zuverlässigkeit, finanzielle Absicherung und Vertrauenswürdigkeit auszeichnet ? alles Eigenschaften, die ihn zu einem guten Vater und Partner machen. Solche Männer neigen zudem weniger dazu, fremd zu gehen, so dass die Chance auf eine längere Beziehung steigt.

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Allerdings sind sie sexuell weniger attraktiv als maskulinere, dominantere Männer, die Frauen vor allem während ihrer fruchtbaren Phase vorziehen, glauben die Forscher. Zu Beginn einer Beziehung sei das noch nicht wichtig, dann überwiegen ihrer Ansicht nach noch die Vorteile. Je länger die Beziehung jedoch dauert, desto stärker wird der Einfluss dieser Unzufriedenheit ? und desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau die Beziehung beendet. Wer sichergehen will, für den hat Craig Roberts noch einen ? etwas zweifelhaften ? Tipp parat: Bevor sie heiraten, sollten Frauen ein paar Monate lang auf die Pille verzichten und ein andere Verhütungsmittel wählen ? das sei eine Möglichkeit, zu testen, ob der gewählte Partner auch ohne die rosarote Hormonbrille attraktiv bleibe.

Doch trotz ihres kreativen Ansatzes und der aufwendigen statistischen Auswertung: Endgültig beantworten können auch Roberts und seine Kollegen die Frage nach der Pille und der Partnerwahl nicht. Sie selbst räumen ein, dass die Faktoren, die das Entstehen und Bestehen von Beziehungen in der Realität bestimmen, extrem komplex seien ? und dass die gefundenen Effekte natürlich auch eine völlig andere Ursache haben könnten. Und solange die nicht gefunden ist, heißt es wohl weiterhin: Fortsetzung folgt.

Craig Roberts (University of Sterling) et al.: Proceedings of the Royal Society B, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1098/rspb.2011.1647 wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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