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Umwelt+Natur

„Plastikschlucker“ retten die Meere nicht

Plastikmüll
Wie gut helfen schwimmende Müllsammler gegen die Plastikverschmutzung der Meere? (Bild: Roger Spranz, ZMT / Making Oceans Plastic Free)

Die Ozeane sind mit Unmengen Plastik verschmutzt. Eine Lösung dagegen sollen schwimmende Müllsammler bieten, die die Kunststoffteile an der Wasseroberfläche abfischen. Was sie bringen, haben nun Forscher untersucht – mit eher enttäuschendem Ergebnis. Denn selbst wenn hunderte solcher Sammler im Einsatz wären, würden sie nur einen winzigen Bruchteil des gesamten Plastikmülls im Meer erfassen und entfernen.

Über Küsten, Schiffe und Flüsse gelangen gewaltige Mengen an Kunststoffen ins Meer. Allein an der Wasseroberfläche schwimmen geschätzt 5,25 Billionen Plastikpartikel. Die Masse des schwimmenden Kunststoffs liegt derzeit bei etwa 399.000 Tonnen- das entspricht dem Gewicht von etwa 4000 Blauwalen. Diese Plastikabfälle sind eine akute Bedrohung für die Ozeane: Viele Meeresbewohner fressen oder verschlucken die Kunststoffe – oft mit tödlichen Folgen. Bei der Zersetzung geben Plastikteile giftige Zusatzstoffe wie Weichmacher in die Meeresumwelt ab. Über die Meerestiere gelangen diese auch zum Menschen.

Grundreinigung der Meere?

Private Initiativen wie die niederländische „Ocean Cleanup“ haben eine Technologie entwickelt, um die Meere von Plastik zu befreien. Mithilfe von 600 Meter langen, schwimmenden Barrieren sollen schwimmende Müllsammler bis zu einem Millimeter große Plastikteile, die auf der Wasseroberfläche schwimmen, abfischen und aus dem Wasser entfernen. Ein Schiff transportiert den Müll zurück an Land, wo er verbrannt oder recycelt wird. „Ocean Cleanup“ hat sich zum Ziel gesetzt, den „Pacific Garbage Patch“ im Nordpazifik – den größten Müllstrudel in den Ozeanen – innerhalb von 20 Jahren zu reinigen.

Wie realistisch das ist, hat nun eine Forschergruppe um Sönke Hohn vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen untersucht. In ihrer Studie analysierten die Wissenschaftler anhand von mathematischen Modellen, wie effektiv der Einsatz solcher Müllschlucker wäre. Mithilfe verschiedener Szenarien verglichen sie den zu erwartenden Einfluss der neuen Technologie innerhalb der nächsten 130 Jahre – von 2020 bis 2150 – auf die Plastikmüllmenge im Ozean. Sie prognostizierten dabei, wie sich die Situation der Meere ganz ohne Reinigung, mit dem Einsatz von einem oder 200 Plastikschluckern oder aber mithilfe von schwimmenden Flussbarrieren entwickeln könnte. Ihren Berechnungen zufolge kann ein Müllschlucker, der sich mit rund 600 Meter pro Stunde vorwärtsbewegt, im Jahr eine Meeresoberfläche von knapp 2700 Quadratkilometer säubern – das entspricht 0,00073 Prozent der gesamten Wasseroberfläche der Ozeane.

Nur ein Bruchteil wird entfernt

Die Modellprojektionen ergaben: Ohne Einsatz jeglicher Technologien wird die Menge an Oberflächenplastik in den Ozeanen innerhalb von 40 Jahren schätzungsweise um das Dreifache zunehmen. Beim Einsatz von 200 Müllschluckern in der Zeit bis 2150 könnte sich das Plastikvorkommen an der Meeresoberfläche hingegen um etwa 44.900 Tonnen reduzieren. Das entspricht etwas mehr als fünf Prozent der geschätzten globalen Gesamtmenge bis zum Ende dieses Zeitraums. „Angesichts der riesigen Mengen an Plastikmüll, die fortwährend die Ozeane verschmutzen, ist das ein eher geringer Beitrag“, sagt Hohn. Da die Plastikschlucker weder das Mikroplastik erfassen noch die zum Meeresgrund gesunkenen Kunststoffteile aus dem Wasser fischen können, beeinflussen sie nur das Plastikvorkommen an der Wasseroberfläche.

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„Selbst wenn das Meeresplastik erfolgreich eingesammelt werden kann, bleibt die Frage, was mit diesen Kunststoffabfällen an Land passiert“, sagen die Forscher. „Denn bisher landet das meiste weggeworfene Plastik auf Deponien, wo es hunderte Jahre zur Zersetzung benötigt und dabei Giftstoffe in Böden und Grundwasser freisetzt.“ Die Kunststoffe aus dem Meer zu recyceln ist schwierig, weil das Plastik sehr unterschiedlich und oft mit Mikroorganismen bewachsen ist. Der Aufwand für eine Sortierung wäre sehr hoch. Und beim Verbrennen als Alternative belasten die hohen CO2- Emissionen die Atmosphäre. „Indem sie den Eindruck erwecken, dass sie eine effektive Lösung für das Problem des Kunststoffs in unseren Ozeanen darstellen, können diese Technologien eine Rechtfertigung für eine weitere Verschmutzung der Umwelt liefern“, fürchtet Hohns Kollege Agostino Merico.

Nach Ansicht der Wissenschaftler sind die Müllsammler daher nett gemeint, aber wenig wirksam: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Entfernen von Plastik aus dem Ozean nur eine vernachlässigbare Wirkung hat – allein schon aufgrund der schieren Größe der Meeresoberfläche und der enormen Mengen an in die Umwelt freigesetztem Plastik“, konstatieren sie. Abhilfe schaffen könne nur eine Eindämmung des Plastikmüll-Einstroms in die Ozeane. „Es gibt nur eine Lösung: Wir müssen die Produktion von Kunststoffen einstellen und alternative, nachhaltigere Lösungen wie die Verwendung biologisch abbaubarer Materialien fördern“, betont Merico.

Quelle: Jacobs University Bremen; Fachartikel: Science of The Total Environment, doi: 10.1016/j.scitotenv.2020.141115

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