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Erde+Klima Umwelt+Natur

POSITION 2: WENIGER IST ZU WENIG

Nur mit Hochleistungszucht, Dünger und Pestiziden lassen sich auf begrenzter Fläche hohe Erträge erzielen.

Gerade einmal 23 Cent bekam ein Bauer in Deutschland im Juni 2009 für einen Liter Milch ab Hof. Doch mit einem solchen verbraucherfreundlichen Discountpreis könnte bald Schluss sein. „ Die Ära der preisgünstigen Lebensmittel geht zu Ende. Wir kehren zurück zu einer Malthus’schen Ära“, prophezeit Harald von Witzke, Agrarökonom an der Humboldt-Universität in Berlin. 1798 hatte der britische Ökonom Thomas Robert Malthus in seinem „Essay on the Principle of Population“ der Welt eine düstere Zukunft prophezeit. Mit der explodierenden Zunahme der Weltbevölkerung werde die Nahrungsmittelproduktion nicht Schritt halten, Hunger und Verelendung seien die Folge. Dank des technologischen Fortschritts, zuletzt der „Grünen Revolution“ der 1960er-Jahre, kam es anders, doch jetzt – mehr als 200 Jahre nach Malthus – ist womöglich der Wendepunkt erreicht. 9,2 Milliarden Menschen erwartet die Welternährungsorganisation FAO im Jahr 2050 auf dem Globus. Nötig sei bis dahin eine Verdoppelung der Weltproduktion an Lebensmitteln. Denn vielerorts können sich neue wohlhabende Schichten endlich nicht nur mehr Essen leisten, sondern auch besseres Essen mit mehr Fleisch.

Hinzu kommt der steigende Einsatz von Nahrungsmittelpflanzen für Biotreibstoffe. Die Vorboten einer Knappheit sind bereits spürbar: Von 2000 bis zum Frühjahr 2008 verdoppelten sich die Preise für wichtige Nahrungsmittel. Seither sind sie wieder rückläufig, liegen aber immer noch über dem Niveau von 2000. Viele Experten sehen nur eine Chance: Die globale Landwirtschaft muss noch mehr aus den Ackerflächen herausholen, denn diese sind begrenzt (siehe Grafik „Wird das Land knapp?“ auf S. 27) Und das schafft nur konventionelle Landwirtschaft. „Es sind die drastischen Erfolge der konventionellen Landwirtschaft, die Malthus bisher einen Strich durch die Rechnung gemacht haben“, betont Anthony Trewavas von der University of Edinburgh.

Rund 1,5 Milliarden Hektar nutzt die Menschheit heute für Ackerbau, weitere 3,5 Milliarden sind Weideland – in der Summe ein gutes Drittel der Landoberfläche des Globus. Es gibt zwar Reserven, doch sie anzugreifen, hätte katastrophale Folgen: In Afrika und Südamerika liegen jeweils eine Milliarde Hektar nutzbarer Böden – aber just unter den größten noch einigermaßen intakten Regenwaldgebieten der Welt. Wer diese Wälder erhalten will, so argumentiert die traditionelle Schule, muss Hochleistungslandwirtschaft betreiben – auf dem Boden, der bereits gerodet ist. „Ökolandbau schafft die nötige Produktivität nicht“, kritisiert von Witzke.

KONVENTIONELLE URWALD-RETTER

Gegenüber grünen Unkenrufen hat er gute Argumente: Es war die konventionelle Landwirtschaft, die im Verlauf der letzten Jahrzehnte nicht nur die Ernährungssicherheit erhöht, sondern auch Ressourcen geschützt hat. Bis 1950 wuchs die Fläche unterm Pflug und hinterm Weidezaun in gleichem Maße wie die Weltbevölkerung. Dann aber entkoppelte der technologische Fortschritt beide Trends. Gegenüber 1960 hat sich die globale Nahrungsmittelproduktion verdreifacht, die genutzte Fläche aber hat nur um rund zehn Prozent zugenommen. „Müssten wir die heutige Menge an Nahrungsmitteln mit dem Stand von 1961 produzieren, wären nicht elf Prozent, sondern ein Viertel des Globus unter dem Pflug“, meint Anthony Trewavas. „Und auch mit der ineffizienten Ökolandwirtschaft wäre das Gros der noch verbliebenen Urwälder des Planeten längst verschwunden.“

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Die Hochleistungslandwirtschaft hat zugleich schon seit Anfang der 1990er-Jahre dafür gesorgt, dass – rein rechnerisch – alle auf dem Globus satt werden können: Derzeit werden durchschnittlich 2700 Kilokalorien pro Tag und Erdenbürger produziert. Dass 1960 wie 2008 etwa eine Milliarde Menschen hungern, ist ein politischer Skandal, keine Frage der Technologie. Doch absolut gesehen ernährt der Globus heute viel mehr Menschen als 1960. Der Teilerfolg ruht auf drei Säulen, die auch für die kommenden Jahrzehnte unverzichtbar sind:

· Erstens Dünger: Phosphor, Kalium und vor allem Stickstoff sind die Elemente, mit denen sich Pflanzen zu Hochleistungen päppeln lassen. Seit 100 Jahren sorgt das Haber-Bosch-Verfahren, das aus dem Luftstickstoff (N2) Ammoniak (NH3) produziert, für eine praktisch unbegrenzte Stickstoffquelle in der Landwirtschaft. Rund 100 Millionen Tonnen derart produzierten chemisch-synthetischen Stickstoffdüngers kommen jährlich weltweit zum Einsatz. 40 Prozent aller Menschen werden heute nur dank „ Kunstdünger“ satt, kalkuliert Vaclav Smil von der University of Manitoba in Kanada. Wie er rechnen auch viele andere Experten.

· Zweitens Pflanzenzüchtung: Der US- Botaniker George Harrison Shull entdeckte um 1900, dass die Nachkommen von zwei miteinander gekreuzten unterschiedlichen Maispflanzen viel höhere Erträge brachten als reinerbige Pflanzen. Allein dieser „Heterosis-Effekt“ hat bei den drei großen Nahrungspflanzen der Menschheit – Weizen, Reis, Mais – die Erträge drastisch gesteigert. Noch in den 1980er- und 1990er-Jahren ging die Hälfte der globalen Ertragssteigerungen auf das Konto neuer Hochleistungssorten. Allerdings müssen die potenten Hybridpflanzen immer wieder neu gezüchtet werden, was die Abhängigkeit der Landwirte von Saatgutfirmen verstärkt. Längst tüfteln Labors an Pflanzen, die Stickstoff besser verwerten können und außerdem Hitze und Trockenheit standhalten: Wer dabei in der modernen Pflanzenzüchtung pauschal auf Gentechnik verzichten will, hat den Kampf gegen den Klimawandel schon verloren.

· Drittens Pestizide: Seit 1960 ist der Einsatz von Pestiziden weltweit enorm gestiegen. 2,5 Millionen Tonnen waren es 2001. Zumindest in den Industrieländern müssen Pestizide längst ein Zulassungsverfahren durchlaufen, Sicherheit für Mensch und Umwelt spielt dabei eine Schlüsselrolle. Die Erfolge können sich sehen lassen. So schätzt der Pflanzenforscher Erich-Christian Oerke von der Universität Bonn, dass ohne Gegenmaßnahmen allein durch Unkräuter ein Drittel der theoretisch möglichen Welternte verloren gehen könnte. Herbizide senken die Verluste auf etwa zehn Prozent.

MALAWI VERSORGT SICH SELBST

Doch keine Frage: Der größte Hunger herrscht heute dort, wo die Erfolge der „Grünen Revolution“ nicht angekommen sind, etwa in Afrika südlich der Sahara, wo die Kleinbauern bis heute nach traditionellen Methoden wirtschaften. Studien, die hier Erfolge der biologischen Landwirtschaft vorrechnen, haben schlicht den falschen Vergleichsmaßstab. Die Ertragssteigerungen durch eine moderne konventionelle Landwirtschaft sind in der Regel ungleich höher: Malawi etwa hat 2006 den Sprung vom Mais-Importeur zum Selbstversorger geschafft, indem die Regierung Gutscheine für den Kauf von Saatgut und Dünger an die Bauern ausgab.

Fest steht: Die Landwirtschaft muss klimafreundlicher werden, denn allein durch die Produktion von Dünger und Pestiziden, Treibhausgase aus gepflügten Böden und tierische Ausscheidungen steuert sie global an die 14 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen bei (siehe Grafik „Fleischkonsum schadet dem Weltklima“ auf S. 30). Und doch steckt der größere Batzen woanders. Geschätzte 18 Prozent der globalen Emissionen gehen auf das Konto von Landnutzungsänderungen: Rodung von Wald und Busch – meist für neue Ackerflächen und Viehweiden. Der wichtigste Faktor zum Schutz des Klimas und der Biodiversität bleibt das Einschränken des Flächenbedarfs – und hier hat die konventionelle Landwirtschaft die Nase vorn. Beim Ackerbau sehen manche Experten ein weiteres großes Klimaschutz-Potenzial: CO2 kann im Boden besser gespeichert werden, wenn dieser möglichst geschont wird. Bei der pfluglosen oder konservierenden Bodenbearbeitung lassen Landwirte den Boden ganz ungestört oder lockern höchstens mit dem Grubber die oberste Schicht.

In beiden Fällen sinkt die Aktivität von Mikroorganismen, die organische Substanz in den oberen Bodenschichten zu CO2 abbauen. „ Durch Verzicht auf den Pflug könnten wir in Deutschland die Ackerböden von CO2- Quellen wieder zu CO2- Senken machen“, ist Karl Stahr vom Institut für Bodenkunde der Universität Hohenheim überzeugt. Bis zu schätzungsweise 15 Prozent der jährlichen globalen Emissionen ließen sich so in den Böden speichern – zumindest einige Jahrzehnte lang. Der Ökolandwirt hat hier ein Handicap: Mehr als sein konventionell wirtschaftender Kollege braucht er den Pflug, um der Unkräuter Herr zu werden. Die pfluglose Bodenbearbeitung ist deshalb eine Domäne der konventionellen Landwirtschaft.

Auf weltweit etwa 100 Millionen Hektar wirtschaften Landwirte heute ohne Pflug, vor allem in Nord- und Südamerika. Viele Farmer nutzen dort Totalherbizide mit gentechnisch veränderten Pflanzen, die gegen die Herbizide resistent sind. In Europa sind die neuen Sorten kaum auf dem Markt. „Die Blockade gegen die Grüne Gentechnik hat den Einsatz einer besonders umweltfreundlichen Landwirtschaft hierzulande verhindert“, kritisiert Antony Trewavas. Auch in der Tierzucht führt wohl kaum ein Weg an einer Intensivierung vorbei, wenn man das Klima schützen will. Denn je mehr Milch und Fleisch die einzelne Kuh produziert, desto geringer sind pro Kilo Fleisch die Menge des benötigten Futters und das Volumen der abgeschiedenen Klimagase. Hähnchenschlegel sind außerdem ressourcenschonender als Rinderbraten: Für ein Kilo Fleisch in der Geflügelzucht reichen etwa 1,7 Kilo Futter, bei Rindfleisch sind es gute 10 Kilo.

KLIMAFREUNDLICHE ÄPFEL AUS ÜBERSEE

Nebenbei: Transport und Verpackung haben nur selten nennenswerten Einfluss auf die Klimabilanz von Lebensmitteln, wie das Öko-Institut Freiburg bereits 2006 analysierte. Das Gros der CO2-Emissionen fällt bei der Produktion an. Auch sind Apfel, Banane oder Kiwi aus Übersee nicht unbedingt klimaschädlicher als Obst aus der Region. Eine Gruppe um Elmar Schlich von der Universität Gießen kommt zum Schluss, dass die Betriebsgröße des Produzenten eine wichtige Rolle spielt: „Große Betriebe können oft klimafreundlicher wirtschaften.“ Ab Mai übertreffen frisch geerntete Äpfel von der Südhalbkugel bei der Klimabilanz fast immer das regionale Obst. Denn dessen Kühllagerung seit der Ernte im Vorjahr verbraucht viel Energie.

An einem gibt es also kaum Zweifel: Vor allem die konventionelle Landwirtschaft kann die Welternährung sichern, indem sie auf Hochleistungspflanzen und -tiere setzt sowie Mineraldünger und Pestizide verwendet – wenn auch gezielt und wohldosiert. ■

BERNHARD EPPING meint: Wer konträre Argumente sachlich gegenüber stellt, hat die Chance, aus beiden Sichtweisen das Beste zu kombinieren.

von Bernhard Epping

MEHR ZUM THEMA

INTERNET

Report der Weltbank (2008): www.worldbank.org/wdr2008

Mehr Links zum Thema unter www.wissenschaft.de

KOMPAKT

· Konventionelle Hochleistungslandwirtschaft kann die Weltbevölkerung ernähren, sie muss aber präziser und ressourcenschonender arbeiten als bisher.

· Ineffizienter Landbau, auch wenn er ökologisch ist, riskiert wegen seines erhöhten Flächenbedarfs die letzten Naturreservate des Planeten.

ERTRÄGE IM LANDBAU: IMMER MEHR, IMMER BILLIGER?

Seit 1961 sind die Erträge der Landwirtschaft eindrucksvoll gestiegen, auch pro Kopf gerechnet. Das bedeutet, dass im Durchschnitt jeder Erdenbürger mehr auf dem Teller hat. Lebensmittel wurden auch immer erschwinglicher – ein Trend, der erst neuerdings zum Stillstand kommt. Der rechte Teil der Grafik zeigt, welche Maßnahmen die Produktionssteigerung bewirkt haben: Dünger, Ertragsverbesserungen (etwa durch neue Sorten), Maschinen, Bewässerung und nicht zuletzt die Anstrengung der Bauern, die beispielsweise zwei statt einer Ernte pro Jahr aus einem Feld herausholen.

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