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Psychotherapie lindert extreme Gefühlsschwankungen

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Menschen mit einer Borderlinestörung geraten beim kleinsten Anlass in Wut. Bild: eriwst, flickr.com, cc-by-Lizenz
Früher galten sie als schwierige Patienten, die niemand zu behandeln wusste: Menschen mit einer Borderlinestörung verletzen oder verstümmeln sich oft selbst. Sie leiden unter extremen Gefühlsschwankungen. Bei geringstem Anlass geraten sie in Wut. Der Zorn richtet sich bei Frauen fast immer gegen die eigene Person, bei Männern mithin auch gegen andere. Die Betroffenen erleben die mangelnde Gefühlskontrolle als quälende Dauerspannung, der sie nicht entrinnen können. Zu ihren Mitmenschen können sie nur schwer stabile Beziehungen aufbauen.

In Deutschland leiden drei Prozent an einer Borderlinestörung. „Die Patienten sind hochbegabt und hochintelligent, haben aber schwerste Nöte, mit sich selbst klar zu kommen“, beschreibt Thorsten Kienast, Psychiater und Psychotherapeut von der Schön Klinik in Hamburg, das Phänomen. Gut geht es ihnen eigentlich nie. Viele sind depressiv. Ein Drittel flüchtet in eine Abhängigkeit. Fast jeder Zehnte nimmt sich schließlich das Leben.

Die Therapie ist noch dazu schwierig, hieß es jahrelang. Doch in diesem Punkt widersprechen Psychiater heute nachdrücklich. Mit einer Studie an 362 Betroffenen läutete Psychiaterin Mary Zanarini von der Harvard Medical School in Cambridge 2003 eine Wende ein. Zwei Jahre nach Studienbeginn erfüllten 35 Prozent der Teilnehmer nicht mehr die Diagnose der Borderlinestörung. Nach acht Jahren waren bereits 85 Prozent von der Erkrankung befreit. Nachfolgende Untersuchungen bestätigten, dass die seelische Genesung anhielt und nicht nur vorübergehend war. „Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass die Besserung der Symptome üblich und von Dauer ist, sogar unter Schwerstbetroffenen“, resümiert Zanarini und verblüffte damit die Fachwelt. 2007 konnte sie ihre Einschätzung mit einer zweiten Langzeituntersuchung untermauern.

Das einstige Verständnis der Erkrankung als kaum behandelbare, schwere psychische Störung wankt. „Das war für uns alle recht überraschend und stimmt optimistisch“, kommentiert Sabine Herpertz, Psychiaterin vom Universitätsklinikum Heidelberg. „Das Gesamtbild der Störung zeigt sehr viel mehr Rückbildungstendenz, als wir lange geglaubt haben.“

Einst wurde die Borderlinestörung als Erfindung der Psychiatrie abgestempelt, ein fiktives Krankheitsbild, um Menschen unnötig zu pathologisieren. Diese Vorwürfe werden leiser, seitdem Hirnscans belegen, dass die Reaktion des Mandelkerns bei Betroffenen überschießt. Diese Region im Gehirn ist für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig. Auch die Inselregion des präfrontalen Kortex, ein Teil des Stirnhirns, ist überaktiv, wie Herpertz beobachtete. Dieses Areal kümmert sich um körperliche Reaktionen auf Gefühle. Die ungebändigte Inselregion lässt jedoch jede Emotion überkochen und extrem intensiv erleben. „Diese neurowissenschaftlichen Befunde haben letztlich dazu geführt, dass die Patienten ernst genommen werden“, urteilt Herpertz.

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Den therapeutischen Pessimismus von einst erklärt sie auch damit, dass es früher keine spezifischen Therapien gab. Erst als die Psychologin Marsha Linehan an der Universität von Seattle vor gut zehn Jahren die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) nur für Borderlinepatienten entwickelte, wendete sich das Blatt. In dieser Form der Verhaltenstherapie geht es unter anderem darum, in Einzel- und Gruppensitzungen zu erlernen, Erlebnisse zunächst achtsam wahrzunehmen, ohne sofort vorschnell zu urteilen und sich in den eigenen Gefühlen zu verlieren. Im Gefolge der DBT wurden drei weitere spezifische psychotherapeutische Behandlungsmethoden für Borderlinebetroffene etabliert.

Am besten untersucht ist die Dialektisch Behaviorale Therapie, die in mehr als einer Handvoll Studien geprüft wurde. „Etwa die Hälfte der Patienten spricht darauf an. Die Symptome verschwinden weitgehend. DBT ist vielfach erwiesen wirksam“, fasst Kienast zusammen.

Die hohe emotionale Verwundbarkeit und die mangelnde Gefühlskontrolle bleiben allerdings trotz Behandlung bestehen. Die Betroffenen reagieren weiterhin höchst sensibel auf Stress. Ihr Gemüt fährt im Alltag immer noch oft Achterbahn. „Sie werden aber damit gut leben lernen. Das unausgeglichene Wesen bringt schließlich auch Talente mit sich, wie man an den Biografien von erfolgreichen Künstlern sieht, von denen etliche emotional hochgradig instabil waren“, betont Kienast.

Trotz des wachsenden Therapieangebots konnte drogenabhängigen Borderlinepatienten bis zuletzt kaum geholfen werden. Therapeuten wollten sie nur ungern annehmen, die Mischung aus Selbstmordgefährdung und Drogenmissbrauch machte ihnen Angst, weiß Kienast. Außerdem brachen die Betroffenen die Behandlung oft ab, erschienen phasenweise nicht oder nur unpünktlich.

Gemeinsam mit DBT-Begründerin Marsha Linehan hat Kienast nun eine Therapie speziell auf diese Patienten zugeschnitten. Erste Erfahrungen bei opiatabhängigen Borderlinerinnen stimmen ihn zuversichtlich. Die Frauen verwundeten sich weniger selbst, griffen seltener zu Drogen und die Selbstmordversuche gingen zurück. Die Teilnehmerinnen waren nur acht Wochen therapiert worden. Eine längere Zuwendung, so hoffen die Forscher, könnte ihnen die schlimmsten Beschwerden nehmen.

ddp/wissenschat.de – Susanne Donner
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